Haut und Knochen – Teil 7

Dann hörte er den Schlüssel in der Tür. Elle kam herein mit dem Einkauf, küsste ihn rasch und verzog sich in die Küche. „Kannst ja mitkommen, wenn du quatschen willst“, sagte sie noch und begann damit die Sachen auszupacken. „Muss noch was fertigmachen“, brummte Greiper und blieb an Ort und Stelle.
Das Wochenende verlief weitgehend ereignislos. Elle hatte am Freitagabend etwas Exotisches zubereitet, etwas scharf Gewürztes, das er mit ein bisschen zu viel Bier löschen musste. Sie hatte von ihrem Besuch auf dem Hausboot berichtet, nicht aber von der Begegnung mit Phil. Dann hatten sie darüber diskutiert, ob der Umzugstermin überhaupt zu schaffen sei. Später waren sie ins Wohnzimmer übergesiedelt. Robert hatte sich für Barry White entschieden, und sie kuschelten sich aneinander als bräuchten sie beide Trost. Sie waren recht früh zu Bett gegangen, und Elle verführte ihn, denn so war das Sexualleben der beiden vorwiegend geregelt.

Am Samstagmorgen war Robert früh wach. Er zog sich an und ging das Frühstück einkaufen. In den vier Tageszeitungen, die er mitbrachte, stand nichts von der Ereignissen bei AMEK, was ihn beruhigte. Er weckte Elle mit Kaffee und Saft, setzte sich zu ihr auf die Bettkante und sah sie an. „Bin noch nicht wach“, murmelte sie, „wenn du jetzt was sagst, hab ich das bis zum Aufstehen schon vergessen.“

Auch wenn es im Fall der Leichenteile ruhig bleiben würde, stand ihm doch ein schwerer Tag bevor. Elle hatte ihn dazu überredet, zu einem Antikmarkt in Belgien zu fahren. Natürlich in der Hoffnung, sie könne sich mit ihren Wünschen zum Ambiente auf dem Hausboot durchsetzen. Greiper graute es davor, denn er stellte sich die Sache vor wie einen gigantischen Trödelmarkt, auf dem nur Möbel angeboten wurden. Er sah Massen rücksichtsloser Antiquitäten-Freaks in engen Gassen, die ihn anrempelten und auf die Füße tragen. Er hörte schon die Stimmen der verschlagenen Händler beim Feilschen und eine Elle, die ganze Anhängerladungen an Kram erwerben würde ohne zu wissen wie sie die transportieren sollten. So saß er gegen Mittag missmutig am Lenkrad eines Dienstwagens, während Elle ihre gute Laune raushängen ließ.

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Schaidlers Assistent hatte dagegen äußerst schlecht geschlafen. Seine männliche Intuition sagte ihm, dass an der ganzen Sache etwas stank. Also wählte er am frühen Samstagnachmittag gegen die Anweisung seines Chefs die Handynummer des Hausjuristen. Ein bisschen vorfühlen, dachte er, kann nicht schaden. „Grüß Gott, Herr Felsheimer. Ich hoffe, ich störe nicht.“ Tatsächlich saß Johannes gerade mit einer sehr rothaarigen Dame jüngeren Baujahrs beim Brunch im Luxushotel am Flughafen. Sie war ihm im angesagtesten Club der Stadt zugelaufen, hatte aber den Geschlechtsverkehr verweigert, was ihn nur noch schärfer machte. Er hatte sie überreden können, mit in sein Appartement zu kommen, dann aber den Gentleman gespielt und ihr das Bett überlassen, während er auf dem Sofa nächtigte. Jetzt verabreichte er ihr bei jeder Gelegenheit ein bisschen mehr Champagner und dachte sich, dass ein kleiner Fick am Nachmittag auch nicht zu verachten sei. „Doch“, antwortete der Staranwalt knapp. „Oh, Entschuldigung, wollte sie nicht stören. Aber mir brennt etwas Dringendes auf den Nägeln.“

Felsheimer hatte der Dame einen Wangenkuss geschenkt und war mit dem Mobiltelefon vor die Tür gegangen. Wenn Schaidlers Assistent ihn am Wochenende anrief, dann musste die Angelegenheit wirklich wichtig sein, denn vor einigen Monaten hatte er den jungen Mann heftig angebrüllt, als der es gewagt hatte, ihn am Sonntag wegen einer Terminverschiebung anzurufen. „Von den Leichenfunden in unseren Märkten haben sie gehört? … Ach, sie haben an den Krisen-Meetings teilgenommen. Wusste ich nicht.“ Tolle Kommunikationspolitik haben die, dachte Felsheimer. „Es ist nun so, dass ich Herrn Schaidler per Mail informiert habe. Der ist ja auf Reisen. Er hat auch reagiert, aber etwas merkwürdig.“ Sein Gesprächspartner schwieg. „Jetzt wollte ich Sie fragen, ob Sie vielleicht wissen, wo sich Herr Schaidler aufhält. Ich würde ihn gerne anrufen. Nur um sicher zu gehen.“ Das könnte dir so passen, dachte Felsheimer, deinem Chef nachzuspionieren und dann die Gerüchteküche in der Firma anheizen. Wenn ich dir jetzt sage, der Schaidler, der ist für sechs Wochen in Thailand, dann denkst du doch sofort, der ist zum Kinderficken. Seine Antwort fiel entsprechend entrüstet aus.

„Ja, Herr Felsheimer, das verstehe ich ja. Normalerweise würd ich sie auch nicht fragen und den Herrn Schaidler auch ganz sicher nicht im Urlaub stören. Aber, ehrlich gesagt, zum ersten Mal seitdem ich für Herrn Schaidler arbeite, mache ich mir ernsthafte Sorgen. Was könnte ich denn ihrer Meinung nach unternehmen?“ Felsheimer hatte gerade ausgesprochen interessante Phantasien von dem, was er mit der Rothaarigen anstellen würde und war entsprechend unkonzentriert. Ohne viel nachzudenken gab er dem Assistenten die streng geheime Handynummer des AMEK-Chefs. „Ich bin Ihnen so dankbar, lieber Herr Felsheimer. Ja, ich fühle mich Ihnen geradezu verpflichtet. Sie haben mir sehr geholfen. Ich werde versuchen, Herrn Schaidler telefonisch zu erreichen. Natürlich werde ich Sie unterrichten, sobald ich Genaueres weiß. Vielen Dank noch einmal. Und ein schönes Wochenende wünsche ich Ihnen.“ Das werde ich haben, grinste Felsheimer in sich hinein und ging zurück zu seiner überaus attraktiven Begleiterin, um sein Werk fortzusetzen.

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Das Wochenende des Hauptkommissars Greiper hatte sich unerwartet erfreulich entwickelt. Der belgische Antikmarkt entpuppte sich als Reihe von netten Läden, die sich an zwei Straßen beiderseits eines Kanals entlang zogen. Das Wetter war freundlich, und eine überschaubare Menge an fachkundigen Besuchern flanierte über das Kopfsteinpflaster. Man stand vor den Schaufenstern oder den auf dem Gehsteig präsentierten Möbeln, diskutierte leise und betrat dann das Geschäft. An den Häuserecken gab es gemütliche Cafés, einladende Restaurants und urige Kneipen. Und anstelle der schrecklichen Möbel aus dunkelstem Holz mit sinnlosesten Verzierungen bot sich Robert eine breit gefächerte Auswahl an Einrichtungsgegenständen aus allen Epochen, in denen ehrbare Handwerker mit Respekt vor dem Material und intuitivem Geschmack ihre Werke erzeugt hatten.

Nachdem sie die eine Seite des Kanals inspiziert hatten, kehrten sie im abschließenden Café ein, tranken Kaffee und aßen echte belgische Waffeln mit heißen Himbeeren und Sahne. Robert hatte das Gefühl, das gemeinsame Leben mit Elle könnte wunderbar und harmonisch werden. „Und, hat dir ein Stück besonders gut gefallen?“ fragte Elle. Er zögerte. „Ja, dieses riesige Sofa mit dem bunten Bezug.“ „Ah, ja, du meinst das mit den floralen Motiven?“ – „Wenn du das sagst, wird’s schon stimmen.“ – „Dann sollten wir nach dem Preis fragen und es kaufen.“ Eine halbe Stunde später wurden sie sich mit dem Anbieter handelseinig. Sie leisteten eine Anzahlung und vereinbarten die Anlieferung für Anfang Dezember. Später fanden sie noch eine Anrichte aus Kirschholz, die unbestimmt nach Jugendstil aussah, und Roberts Laune war so gut geworden, dass er ständig blöde Witze machte und Elle anbot, sie nach der Heimkehr zum Essen einzuladen. Sie nahm an und beschloss, den Rest des Abends so zu tun, als habe sie diesen Kerl soeben erst kennen gelernt, und dies sei die erste Einladung zum Dinner. Er ging auf das Spiel ein, führte sie in eines der beiden Sternerestaurants der Stadt und gab durchgehend den Kavalier. Auch die Nacht war für die beiden Turteltauben äußerst angenehm.

publiziert am 08.02.14 in Einzelteile ¦ 455x gelesen ¦ noch kein Kommentar