Haut und Knochen – Teil 8

Siegbert Schaidler war berühmt dafür, die Motivation seiner Mitarbeiter durch das Zuteilen und Entziehen von Privilegien zu steuern. Das führte zu einigermaßen niedrigen Gehältern und sparte Zuschläge und Erfolgsprämien. So hatte er abgetrennte Räume in den Märkten einrichten lassen, wo die Abteilungsleiter gemeinsam speisten und dabei bedient wurden. Für jeden AMEKler war es ein erstrebenswertes Ziel, in diese Leitungskantine zu kommen. Von der Schaidler’schen Dienstwagenpolitik profitierten dagegen schon die kleineren Angestellten. Denn wer mindestens vier Leute unter sich hatte, der bekam ein Firmenauto. Die Liste begann beim Smart, natürlich in den Unternehmensfarben lackiert und mit dem AMEK-Logo versehen, ging entsprechend der Hierarchie über Klein- und Mittelklassenwagen und endete beim Luxusauto nach Wahl für Topmanager. Zu denen zählten auch die Leiter der Filialen. Vor allem aber wurde jeder Führungskraft ein persönlicher Parkplatz am jeweiligen Markt zugeteilt – je höher derjenigen stand, desto näher lag der Platz am Eingang zum Bürotrakt.
So lenkte der Leiter einer AMEK-Filiale im nordöstlichen Ruhrgebiet seinen dunkelblauen A6 Avant im Morgendämmer auf die Parkfläche und steuerte seinen persönlichen Platz an. Er fand ihn durch eine längliche Holzkiste versperrt. Der Mann stieg aus und versuchte, das Hindernis beiseite zu schieben. Durch die Bewegung löste sich der Deckel und fiel zu Boden. Im Inneren fand der Marktleiter einen menschlichen Arm, wenn auch ohne Hand, verpackt in Holzwolle und im Zustand der beginnenden Verwesung.

Schon in der Nacht von Sonntag auf Montag nahm professioneller Stolz Besitz vom PR-Berater Schreiner. Er hatte die Webseiten der wichtigsten Tageszeitungen durchstöbert und dann auch noch per Google-News nach Neuigkeiten über AMEK suchen lassen. Er fand keine Meldung, die aktueller war als die Nachricht von der bevorstehenden Eröffnung des ersten deutschen Megastores des Unternehmens. Und die stammte vom vergangenen Mittwoch. Nachdem er sich am frühen Morgen auch noch die gedruckten Montagsausgaben besorgt und durchforstet hatte, wusste er, dass seine Rechnung aufgegangen war. Kein einziges der lokalen, regionalen, und schon gar keins der überregionalen Blätter berichtete über Leichenfunden in den Filialen seines Klienten. Da saß der Kommunikationsberater in seinem etwas chaotischen Appartement, freute sich und hatte das Gefühl, er habe gerade eine der wenigen historischen Großtaten seines Berufsstandes vollbracht. Dass nämlich durch geschickte Medienarbeit eine tendenziell imageschädigende Situation der Öffentlichkeit entzogen worden war; zumindest vorerst. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie die Journalisten am Freitag nach dem Termin im Megastore, nach den Verhören der Augenzeugen und den Stellungnahmen des Marktleiters in den Verlag geeilt und dort schnurstracks ins Büro des Chefredakteurs getrabt waren, um von der Sensation zu erzählen. Wie der jeweilige Chefredakteur den Kopf gewiegt und schließlich auf das Anzeigenvolumen der Firma AMEK angespielt hätte, um dann in eine Grundsatzrede über journalistische Verantwortung auszubrechen, die in einem Hinweis auf die Hand, die einen füttert, zu enden.

Nein, ihm taten die Schreiberlinge nicht leid, die betrübt ins Großraumbüro gewankt waren nach dem Gespräch, frustriert und an der eigenen Berufswahl zweifelnd, wie sie sich nach Unabhängigkeit sehnten und einen kurzen Augenblick mit dem Gedanken gespielt hatten, einem Kollegen bei der Nachrichtenagentur die Sache heimlich zu stecken, wodurch ihnen aber der investigative Ruhm entgehen würde und die Heldentat so jemandem anderem zugeschrieben würden. Aber ebenso fragte sich Frank Schreiner, der seine Frisur heute mit einer ordentlichen Handvoll Haargel gebändigt hatte, ob ihm irgendein AMEK-Vertreter sein beherztes und erfolgreiches Eingreifen je danken würde, Er kam zu dem Schluss, dass dem nicht so sein würde, und erwog, selbst eine anonyme Mail an die führenden Nachrichtenagenturen abzusetzen. Vielleicht würde eine Tickermeldung zu den Leichenfunden einen der AMEK-Manager wach rütteln, sodass er, der PR-Berater, als Krisenberater zum Zuge käme.
Das roch ihm zu sehr nach Rache, das wäre unprofessionell und nicht der Mühe wert. Statt dessen, beschloss Schreiner, würde er seine Diffamierungskampagne gegen den Rechtsberater der Firma, dieses arrogante Arschloch Felsheimer, fortsetzen und in seinem Weblog einen weiteren Artikel veröffentlichen, der sich mit dessen unklarer sexueller Orientierung auseinandersetzte. Er würde seine Berufskleidung gegen das Kostüm des roten Ritters, so sein in der Bloggerszene bekannter Nickname, tauschen wie Ken Clark den Business-Anzug gegen die Superman-Kluft.

***

Über eine auf drei Jahre befristete Dreiviertelstelle war die Ernährungsexpertin Dr. Elke Hülchenrath auch sechs Jahre nach ihrer erfolgreichen Promotion nicht hinausgekommen. Sie hatte oft mit Robert darüber diskutiert, woran das lag und was sie dagegen tun konnte. Vielleicht war es genau die Art, wie er in solchen Gesprächen reagierte, die sie beide so nahe zueinander gebracht hatte, dass sie sich für eine gemeinsame Zukunft bereit fühlten. Nie hatte er ihr praktische Ratschläge erteilt, immer hatte er sehr genau zugehört, kluge Nachfragen gestellt und sie dann in ihren Grundsätzen bestärkt. Einer der Grundsätze, denen sie seit dem Beginn des Studiums anhing und den sie auch in ihrer Doktorarbeit vertreten hatte, war, dass weite Bereiche der Ernährungslehre mangels belastbarer Empirie aus nicht mehr bestanden als einer kruden Sammlung von Merksätzen, die irgendwie einleuchtend klangen. Dass man soundso viel Prozent Kohlehydrate aus Getreide zu sich nehmen sollte und nicht mehr als soundso viel Prozent tierisches Eiweiß, schien ihr in etwa so fundiert wie Großmutters Gesetz, dass Spinat nicht aufgewärmt werden dürfe. Nun tun sich Fundamentalkritiker der eigenen Zunft in allen Berufen schwer, und Elle war froh, dass sich bei der Ernährungsberatung des örtlichen Vereins der freien Kindergärten niemand für ihre Doktorarbeit interessiert und man sie überhaupt nur nach Sympathie eingestellt hatte. So konnte sie im Job das Gelernte abspulen, ohne sich in Konflikte zu verwickeln, die ihrer Meinung nach den Aufwand nicht lohnten.

Immer wieder hatte Robert gefragt, ob sie denn ganz allein stünde mit ihren Bedenken, und sie hatte geantwortet, dass es wohl zwei, drei Autoren gäbe, die den Bereich der Ernährungslehre ähnlich beurteilten wie sie. Ob sie nicht auch versuchen wolle, ein provokantes Buch zum Thema zu schreiben. Und so hatte sie ein Exposé verfasst und bei mehreren einschlägigen Verlagen eingereicht. Der in der Szene unbedeutendste hatte zugesagt, allerdings einigermaßen deprimierende Konditionen in den Vertrag geschrieben. Vermutlich glaubten die Verantwortlichen nicht, dass ein Buch mit dem Titel „Dick und dünn“, das im Grunde die These vertrat, man solle essen, was einem schmeckt und davon so viel wie man will, ein Erfolg werden könnte.
Elle hatte sich aber vor einem halben Jahr mit Eifer in die Arbeit gestürzt und war heilfroh, dass ihr der Broterwerb genug Zeit ließ, das Manuskript wachsen zu lassen. Immerhin hatte der Verlag den Abgabetermin erst für den Frühsommer des folgenden Jahres angesetzt, und bis dahin würde sie es trotz des Umzugs sicher schaffen, den Text fertigzustellen. Dieser Montag war einer der Tage, den sie voll und ganz der Schreibarbeit widmete. Sie hatte sich mit Robert darüber verständigt, dass es jede Woche wenigstens einen Tag geben sollte, an dem er sie in Ruhe ließ, und er hatte das vernünftig gefunden und zugestimmt.

publiziert am 16.02.14 in Einzelteile ¦ 543x gelesen ¦ noch kein Kommentar