Hundeängstliche Eltern

hundeschuleUm es vorweg zu sagen: Es steht niemandem zu, Menschen zu kritisieren oder sich über Menschen lustig zu machen, die Angst vor Hunden haben. Ein großer Teil solcher Ängste liegt tief im archaischen Teil des humanen Gefühlsapparats vergraben und hat durchaus praktische Gründe. Jeder Hund ab einer gewissen Größe kann einen Menschen durch Bisse schwer verletzen, wenn nicht gar töten. Das ist eine Tatsache, und es die vielleicht größte Verantwortung, die Halter solcher Viecher tragen, diese daran zu hindern, Menschen zu verletzen oder zu töten. Nun wird ein einigermaßen im Rahmen seiner Domestizierung sich verhaltende Köter ohnehin keine Menschen angreifen. Tut ein Haushund das, liegt in aller Regel ein in ihn hinein konditioniertes oder nie durch Konditionierung ausgemerztes Fehlverhalten vor. Auch das ist eine Tatsache. Da nun aber gerade in der Stadt ein eher kleiner Prozentsatz der Halter sich ihrer Verantwortung bewusst ist und ihren besten Freund entsprechend ausgebildet hat, muss eine nicht kleine Anzahl an Kötern als potenziell gefährlich betrachtet werden. Und wer in dieser Situation mehr oder weniger Angst vor Hunden hat, dem sollten Hundehalter mit Verständnis begegnen und kein bescheuertes „Der tut nix!“ entgegenschleudern, während der 30-Kilo-Rüde mit speichelndem Fang auf den Fremden zugaloppiert.

Oft sind die Ängste von Leuten vor Hunden aber kulturell bedingt oder schlicht anerzogen. Viele unsere Mitbürger aus dem muslimischen Kulturkreis fürchten sich tierisch vor den Vierbeinern. Das wird oft damit erklärt, dass der Hund ja im Islam als schmutzig gelte und die Berührung durch einen solchen Fellträger schon eine Beschädigung darstellt. Um ihren Kindern solche Berührungen zu ersparen, pflanzen nicht wenige muslimische Eltern ihren Sproßen eben die Angst vor dem Hund ein. Dass der Prophet den Canis als bäh-bäh kategorisiert hat, ist so generell nicht wahr. Sonst könnten ja gläubige Muslims ganz grundsätzlich keine Hunde halten. Das tun sie aber schon seit den Tagen vor der Lebenszeit des Propheten mit großem Vergnügen und Nutzen. Nicht umsonst könnten orientalische Windhunde (Salukis im persischen Raum, Sloughis und Azawakh in Nordafrika und der Sahara) als erste Hundesorte zum Weltkulturerbe erklärt werden, weil die Wissenschaftler kurz davor sind zu beweisen, dass diese Art Sichtjäger möglicherweise schon seit mehr als 15.000 Jahren gezüchtet werden. Das hieße aber auch, dass der Haushunde das erste Tier überhaupt war, bei dem Menschen durch Zuchtwahl in die Entwicklung eingegriffen haben. Für diese noch nicht bewiesene Thesen sprechen Abbildungen aus dem Zweistromland und aus dem alten Ägypten.
Hinzu kommt, dass es ein Windhund (vermutlich ein Sloughi) namens Kitmir ist, der im islamischen Legendenapparat als einziger Köter als rein bezeichnet wurde und deshalb den Beinamen „El Har“ trägt. Dieser wunderbare Hund hat nämlich eine Höhle im Gebirge (Atlas?) bewacht, in der sich Märtyrer vor den Verfolgern versteckt hielten – und das ganze 301 Jahre lang. So lange pennte die treue Töle auf der Schwelle des Verstecks. Dieser Mythos ist nur ein Grund, warum Menschen mit marokkanischen Wurzeln der Anblick eines Sloughis ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Vergleichbar nur noch mit der Freude anatolischer Kollegen, die einen Kangal treffen.

Wer mit seinem Fiffi viel durch die Stadt spaziert, Gänge durch Parks eingeschlossen, wird feststellen, dass kleine Kinder, die noch im Wagen herumgeschoben werden oder bestenfalls die ersten eigenen Schritte tun, mit Neugier auf den Hund reagieren. Umstritten ist die Annahme, das Bild des Haushundes sei samt dem beliebten Ausdruck „Wauwau“ quasi im genetischen Menschengedächtnis verankert, sodass noch unverbildete Blagen sich über ebendiese Wauwaus freuen. Erst wenn ihnen von den Erzeugern Angst suggeriert wird, beginnen sie bei der Begegnung mit einem Vierbeiner zu greinen. In der Regel sind es Eltern, die selbst eine mehr oder weniger große Hundephobie mit sicher herumtragen, die ihre Nachkommen entsprechend konditionieren. Wie der Köter selbst die Körpersprache seines Begleiters lesen und darauf reagieren kann, so sind auch Kleinkinder in der Lage, den Subtext dessen zu entschlüsseln, was ihnen Papa und Mama so erzählen. Ein „Du brauchst keine Angst zu haben“ oder auch das bekannte „Der tut nix“ in Kombination mit dem Versuch, den Kleenen daran zu hindern dem Fiffi auf die Nase zu hauen, vermittelt dem neugierigen Zwerg das exakte Gegenteil: Pass bloß auf, das ist eine reißende Bestie, die dir nach dem Leben trachtet.

Ganz anders laufen solche Begegnungen der zweiten Art ab, wenn die Familie mit dem Nachwuchs selbst einen Hund hält und/oder die Eltern selbst mit Hunden großgeworden sind. Solche Erzeuger geben ihren Kindern einfach ganz sachliche Handlungsanweisungen mit: „Langsam!“ „Lass den Hund erst an deiner Hand schnüffeln.“ „Nicht anschreien.“ Und wo die Erwachsenen das nicht tun, kann der verantwortungsvolle Hundebesitzer bei der hundefreundlichen Erziehung fremder Blagen mitwirken, indem er die entsprechenden Bedienungsanleitungen mitgibt. Über diesen allgemeinen Kram hinaus sollte aber jeder Halter seinen besten Freund so gut kennen, dass er einschätzen kann, wie der auf mehr oder weniger kreischende und tapsende Gören reagiert. Und notfalls den Kontakt unterbinden. Dafür hängt der Wauzi ja schließlich an der Leine, dass man ihn vom fröhlichen Krabbelbaby fernhält, dass dem Kuschelriesen gern den Schwanz langziehen möchte.
Clooney, der mittlerweile deutlich halbstarke Sloughi-Kerl, geht mit Kindern recht entspannt um. Momentan gibt es in der Familie zwei Säuglingen; bei der jeweiligen Erstbegegnung hat er die Winzlinge ganz kurz beschnüffelt und dann unter „uninteressant“ verbucht. Sprößlinge, die kaum größer sind als er und denen er draußen begegnet, findet er ganz lustig, aber definitiv nicht interessant als Spielkameraden. Kindergeschrei vom Spielplatz lässt ihn innehalten, um mal zu hören, was da geht. Schulkinder, die ihm freundlich und interessiert begegnen, mag er und lässt sich von denen gern streicheln.

Dass der Besitzer sich mit dem Hasso Kinder gegenüber verantwortungsvoll verhält und den Umgang des Köters mit den nicht ganz ausgewachsenen Menschen ins Schlungsprogramm aufnimmt, ist selbstverständlich. Leider gilt das umgekehrt nur für ganz, ganz wenige Eltern. Meine Position – die ich auch mit Freuden an zu erwartenden Enkeln praktizieren würde … was überflüssig wäre, weil meine erwachsenen Kinder selbst Hunde haben – ist inzwischen, dass Kinder den Umgang mit fremden Hunden schon im Kindergarten ganz gezielt lernen sollten. Leider sieht die Realität ganz anders aus: Die Damen von der benachbarten Kita reagieren mild hysterisch, wenn Clooney sich bei Ausgängen der betreuten Zwerge dem Pulk auf mehr als zwei Meter nähert. Das Angebot, mal mit dem Hund vorbeizukommen, damit die Blagen sich an Hunde gewöhnen, wurde rundheraus abgelehnt. Das ist schade, denn es ließen sich genug Hundehalter finden, die mit ihren Pelznasen liebend gern in Kitas und Schulen auftreten würden, um für einen entspannten Umgang zwischen Mensch und Hund zu sorgen. Aber vielleicht finden sich Mitstreiter, die ein solches Projekt gern mit voran treiben möchten.

publiziert am 16.02.14 in Windhund namens Clooney ¦ 730x gelesen ¦ 1 x kommentiert

  1. dir ist schon klar, dass das eine großstadtneurose ist oder? ich kenne das wirklich nur aus der stadt so oder von touristen und anderen ungebetenen individuen.

    kommentar von yallamann am 16.02.14 um 20:19