Haut und Knochen – Teil 9

„Guten Morgen. Wir sollten uns doch immer bewusst sein, wie privilegiert unsere Lage im Dezernat für Tötungsdelikte ist“, eröffnete Schimmel das Dienstgespräch mit Hauptkommissar Greiper, das er für neun Uhr im ganz großen Konferenzraum angesetzt hatte. „Was soll das werden?“ fragte Robert sofort, „Das Wort zum Montag? Oder die Ankündigung von Massenentlassungen?“ – „Lassen Sie mich bitte zunächst meinen Gedanken ausführen“, fuhr der Kriminaloberrat fort, „Die Kriminalstatistik besagt, dass es in unserem Zuständigkeitsbereich im vergangenen Jahr insgesamt dreizehn Fälle gab, sieben davon lösten Ermittlungen aus, der Rest konnte nach der Feststellung der Todesursache an andere Dezernate weitergeleitet werden.“ – „Ich kenn die Statistik, Schimmel“, maulte Greiper, „Worum geht’s?“ – „Bei den genannten sieben Fällen handelte es sich dreimal um Körperverletzung mit Todesfolge, wobei die Täter jeweils noch am Tatort verhaftet werden konnten, einen etwas ungewöhnlichen Selbstmord und drei waschechte Morde. In diesem Jahr gab es per Ende September genau zwei Fälle, in denen mehr zu ermitteln war als Todesursache und -zeitpunkt. Das bedeutet, dass sie, lieber Kollege Greiper, als einziger fester Mitarbeiter des Dezernats für Tötungsdelikte ungefähr alle drei bis vier Monate etwas zu tun haben.“

Greiper ahnte, worauf sein Vorgesetzter hinaus wollte: „Ich soll also an die Zocker ausgeliehen werden, richtig?“ Vor Jahren hatte ihm Schimmel schon einmal eine ähnliche Rechnung aufgemacht, diese an die Amtsleitung weitergegeben, und Robert Greiper musste in der Folge neun Monate beim Dezernat für illegale Wett- und Glücksspiele aushelfen, weil ein südosteuropäisches Kartell seinerzeit die Stadt mit Roulettetischen in den Hinterzimmern beglückte und die Kollegen vor lauter Razzien nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf stand. „Nein, Greiper, dieses Mal sind es die Kollegen von der Wirtschaftskriminalität, die Verstärkung brauchen. Sie sollen denen vom Präsidium aus den Rücken freihalten…“ – „Innendienst? Telefonbereitschaft? Ich glaub, es hackt! Jetzt will ich Ihnen mal was sagen. Ich feiere nächstes Jahr fünfundzwanzigstes Dienstjubiläum. Achtzehn Jahre davon habe ich in Mordkommissionen verbracht. In dieser Zeit habe ich nur in einem einzigen Fall den Täter nicht erwischt – das war damals, als der Kö-Millionär verschwand. Und dass ich den Killer nicht gekriegt hab, lag nur daran, dass interessierte Kreise die Ermittlungen nach allen Regeln der Kunst behindert haben. Momentan stecke ich in einer wirklich komplizierten Sache, da muss ich mich konzentrieren und sollte nicht irgendeinen Bürostuhl vollfurzen, damit die klugen Kerlchen ein bisschen Steuerflüchtlinge jagen können.“

Der Kriminaloberrat seufzte: „Mein lieber alter Freund, wenn ich so sagen darf, mir sind da die Hände gebunden. Man hat es höheren Orts entschieden. Ab kommenden Montag haben sie Anwesenheitspflicht. Der zuständige Dezernatsleiter wird Sie über Ihre konkreten Aufgaben informieren.“ – „Und was wird aus der AMEK-Sache?“ – „Das erledigen Sie nebenbei. Der Fall hat, solange die Medien stillhalten, keine hohe Priorität.“ Schimmel hatte sich hingesetzt. „Eins noch, Greiper, kommen Sie nicht auf die Idee, sich krank zu melden. Das könnte weitreichende Folgen haben.“

***

Das Wetter hatte es sich wieder anders überlegt und die Stadt erneut mit einem kalten Nieselregen überzogen. Menschen, die gezwungen waren, sich draußen aufzuhalten, konnte nichts dagegen tun, dass die Feuchtigkeit zwischen Haut und Kleidung kroch und ihnen die Laune verdarb. So zogen mürrische Bürger durch die Straßen, die sich gegenseitig hassten, die ihre eigene Situation hassten und sich nicht vorstellen konnten, die Stadt und ihre Mitbürger irgendwann einmal wieder zu mögen. Wer eine einigermaßen brauchbare Laune behalten wollte, blieb zuhause, verschanzte sich im Büro oder suchte sich ein warmes Plätzchen, um heiße Getränke zu verzehren.

Johannes B. Felsheimer war insgesamt kein launischer Mensch. Dass was seine Zeitgenossen bisweilen für schlechte Laune hielten, war nur das Ergebnis seiner übergreifenden Verachtung gegenüber der großen Mehrheit der Menschheit, besonders gegen die Dummen und Schwachen. Für den Fernsehstar und Rechtsanwalt Felsheimer bestand die Bevölkerung zu weit über neunzig Prozent aus Amöben, die sich im Wesentlichen mit der Erhaltung der eigenen Körperfunktionen befassten und auf eine dumpfe, unappetitliche Weise mit der Arterhaltung. Weitere neun Prozent rechnete er zu den Arschlöchern, den Dummdreisten, die ständig versuchten, sich winzige Vorteile zu beschaffen, um den anderen eine Nase drehen zu können. Diese sah er als Zielgruppe seines juristischen Angebots an, und er hatte keine Skrupel, selbst die mieseste Type zu verteidigen, denn es war ja gleichgültig, welche Ratte welche andere verarschte. Sich selbst zählte Felsheimer zur Elite, zum Club der Einprozenter, zu den Machern, zu denjenigen, die Kraft ihrer Intelligenz und ihres Mutes die Geschicke der Gesellschaft in ihrem Sinne lenkten. Und nur mit seinesgleichen pflegte er einen Umgang, der sich durch Höflichkeit und Anstand auszeichnete. Amöben waren seiner Meinung nach dadurch gekennzeichnet, dass sie von nichts eine Ahnung haben, dass sie ungeschickt sind, hässlich und schwach. Für Felsheimer waren sie bloß Opfer, denen kein Mitleid zustand und kein Respekt. Sie waren für ihn nur Zielscheiben seiner aggressiven Fernsehscherze, die man jederzeit der Lächerlichkeit preisgeben und demütigen durfte.

Leider gehörte aber auch sein alter Fahrensmann Ronald nicht zu den Chosen Few, leider war der auch zu naiv, um bei den Arschlöchern mitspielen zu dürfen, leider musste auch sein Kompagnon, Rechtsanwalt Horben, zu den Amöben gezählt werden. Felsheimer hielt sich selbst für sentimental, dass er den Freund aus Kindertagen ständig mitzog, aber er konnte nicht anders. Und außerdem nahm ihm Ronny ja genau die Arbeit ab, auf die er keinen Bock hatte. Manchmal wünschte sich der ehemalige Spitzensportler, sein Kollege wäre motorisch wenigstens ein bisschen in Ordnung, sodass er mit ihm Joggen gehen könnte, denn dabei war er manchmal ein wenig einsam. Aber Ronny hatte neben der schlecht verwachsenen Hasenscharte ja auch noch einen Beckenschiefstand sowie einen rechten Fuß, der irgendwie auch falsch angebracht war. Der lebenslange Mangel an körperlicher Bewegung hatte ihn zudem so geschwächt, dass er sicher kaum mehr als zwei Kilometer schaffen würde. So absolvierte Johannes Felsheimer an diesem fiesen Montagmorgen seine Zehn-Kilometer-Runde am anderen Flussufer wie immer ganz allein, ärgerte sich über das Telefonat mit Schaidlers Assistent und dachte über das vergangene Wochenende nach.

publiziert am 08.03.14 in Einzelteile ¦ 607x gelesen ¦ noch kein Kommentar