Hannes‘ würdevolle Beerdigung (1)

Auch wer Hannes als Kind nicht gekannt hatte, fand ihn auf dem Einschulungsfoto von Ostern 1938 sofort heraus. Zu typisch seine Physiognomie, das spitze Gesicht, schon in ganz jungen Jahren immer etwas hager, die kleinen, ein wenig zu eng zusammenstehenden Augen und der deutliche Überbiss. Auf dem Totenbeet hatte er sich seinem Aussehen im Alter von sechs Jahren auf eigenartige Weise wieder angenähert. Er sieht erstaunt aus, ging es Jupp durch den Kopf als er an der Leiche stand, die man im Gastraum aufgebahrt hatte. Vielleicht hätten sie ihn rasieren sollen, dachte er außerdem, denn am toten Gesicht wirkten die schwarzen und grauen Stoppeln wie Schimmel an einer Badezimmerwand. Anne saß auf der Bank am Stammtisch und hatte ein kariertes Taschentuch in der Hand, das sie wieder und wieder knetete.

Natürlich konnte sie davon ausgehen, dass ihr Gatte vor ihr sterben würde, war er doch siebzehn Jahre älter als sie. Und selbstverständlich wusste sie um seine angegriffene Gesundheit, das schwache Herz, die angeschlagenen Lungen und vor allem die Leber, zerfressen von Fett und Alkohol, zerstört durch den ständigen Missbrauch des Körpers. Aber dass er nur 43 Jahre alt werden würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Zumal er seit der Übernahme der Alten Post ein vergleichsweise ruhiges Leben führen konnte. Vielleicht hätte er auch einen Zustand erreichen können, der ihm noch fünf, zehn oder mehr Lebensjahre geschenkt hätte. Wäre da nicht der Alkohol gewesen. Hannes hatte immer getrunken, manchmal sehr viel und täglich, manchmal weniger und unregelmäßig.

Als es ihnen wirtschaftlich gut ging und sie in dieser riesigen Wohnung in einer ehemals hochherrschaftlichen Villa im bergischen Land, außerhalb von Lennep am Rand eines herrlichen Forstes, inmitten eines verwilderten Parks, lebten, da gab es kein Frühstück ohne Champagner. In seinem Büro in der Werkshalle stand ein Kühlschrank, in dem immer einige Flaschen Sekt und Weißwein lagerten. Hannes trank zu jeder Mahlzeit, aber niemand erlebte ihn je betrunken. Als Anne ihn kennenlernte, sie war sechzehn und er dreiunddreißig, rauchte er Rothhändle, mindestens ein Packung am Tag. Bis ihm ein befreundeter Arzt empfahl das Rauchen aufzugeben. Da stieg er auf Zigarren um, die er aber ebenfalls mit tiefen Lungenzügen genoss.

Erst in Brüggen, die Wirtschaft, die zum Hotel zur Post gehörte, verfügte über einen breiten Bestand an Spirituosen, begann er Schnaps zu trinken, wahllos. Zunächst nie ohne einen Spruch wie „Ist gut für den Magen“ oder „Gegen die Kälte“. Im zweiten Jahr trank er pünktlich jede Stunde einen Korn oder einen Weinbrand. Und als Jim und Vern regelmäßig bei ihnen übernachteten und den gute Jack Daniels aus dem Army-Shop mitbrachten und sie Whisky-Cola-Gelage feierten, statt Bier diese Mischung in den Stiefel füllten, und bei wem es schwappte, der musste den bis zur Neige austrinken, war er nie mehr ganz nüchtern, sein Gesicht quoll auf, er konnte nicht mehr schlafen und saß stundenlange mit den Hunden im Hof hinterm Haus, rauchte kettenweise Zigarillos und ließ sich von seinem Sohn Karsten Getränke bringen, Gin-Tonic zum Beispiel, oder ein Gemisch aus Wodka und Sprite.

Josè, der Bäcker, fuhr den schweren Mercedes, den Hannes vom letzten Geld angeschafft hatte, weil Anne sich nicht in der Lage sah, selbst zu chauffieren. Im Fonds saßen Karsten, Schwägerin Marion und Oma Müsch, die darauf bestanden hatte, mit zur Beerdigung zu kommen, denn eine solche Veranstaltung wollte sie sich nicht entgehen lassen, wo doch in Brüggen sonst nicht viel los war. Die Witwe trug schwarz, ein kurzes Kleid, umgefärbt, das einst als zu kurz gegolten hatte, darüber ein ebenfalls schwarzes, auf Taille geschnittenes Jäckchen sowie ein Pillbox-Hütchen in Schwarz und anthrazitfarbene Pumps mit maßvollen Absätzen. Das alles in Rot, dachte Jupp, und sie könnte auch als Angehörige eines gewissen Gewerbes durchgehen. Aber da hatte er nicht mit der Aufmachung der diversen Schwestern, Schwägerinnen, Cousinen, Tanten, Freundinnen und Frauen von Freunden gerechnet, die sich vor der Kapelle auf dem Düsseldorfer Südfriedhof trafen, um ihren Bruder, Schwager, Cousin, Neffen oder Freund zu Grabe zu tragen.

Mitten in dieser windstillen Frühlingsnacht hatte Cäsar, der Boxerrüde, einmal kurz angeschlagen, und Anne war erwacht, um festzustellen, dass ihr Mann nicht neben ihr im Bett lag. Üblicherweise schlief er unten in der Wirtschaft ein, im Nebenraum mit dem Fernseher, den er ohne Ton laufen ließ, und kam hoch, wenn er aufwachte, weil sich seine Blase rührte. Sie hatte sich den Bademantel übergezogen und war hinunter in die Kneipe gegangen. Das Testbild flackerte, aber Hannes hockte nicht im einzigen Polsterstuhl mit Armlehnen. Cäsar kratzte von außen an der Hoftür. Sie ließ de Boxer hinein, und auch Kleo, die Promenadenmischung. Dann schaltete sie das Licht im Gastraum ein und sah Hannes sofort, der auf der Eckbank am Stammtisch saß, den Kopf auf der polierten Tischplatte, ein gutes Dutzend Whisky-Flaschen um sich herum, die Füße in einer Lache aus Scherben und Erbrochenem. Dann hatte sie die Hunde angeleint, hatte das Licht wieder gelöscht und war schräg über die Straße zur Bäckerei gegangen und hatte an Josefs Tür geklopft.

Niemand sonst war ihr eingefallen. Sie war weder auf die Idee gekommen, den Notarzt zu rufen oder den Rettungsdienst oder die Polizei, noch die Gäste zu wecken, zwei Monteure aus dem Bayerischen, die je ein Doppelzimmer im dritten Stock gemietet hatten. Nur Josè konnte ihr in dieser Lage helfen, das war ihr klar. So wie ihr der spanische Bäcker schon öfter in schwierigen Situationen beigestanden hatte, seit Hannes und sie das Hotel zur Post an der Durchgangsstraße von Brüggen nach Bracht übernommen hatten. Es hatte damit begonnen, dass er ihr Lebensmittel für die Wirtschaft aus dem Großhandel mitbrachte, weil sie kein Auto hatte, wenn Hannes in Belgien oder Holland war, beim Kunden, wie er das nannte. Sie wusste, dass er nach der Pleite seines Maschinenhandels in Remscheid keine Kunden mehr hatte und dass er vermutlich tagelang mit dem Mercedes durch die Gegend fuhr, immer rund herum um Brüggen, in immer größeren Kreisen, manchmal bis hoch nach Eindhoven oder ins Ruhrgebiet, dass er auf dem Rücksitz schlief und zurückkam, wenn er kein Geld mehr für Benzin hatte.

Karsten verbrachte die Fahrt damit, wieder und wieder sein Autoquartett neu zu sortieren und Hefeteilchen zu essen, die Oma Müsch in einem großen Korb dabei hatte. Marion redete ununterbrochen über Peter, ihren Mann, den sie Pitter nannte, den zweijüngsten Bruder von Hannes, einen Hallodri, der sie wieder einmal wegen einer anderen verlassen hatte. Anne kannte die Geschichten schon, und selbst Josè hatte alle Details bereits mindestens einmal gehört. Schon zum dritten Mal hatte sich die Schwägerin zu Hannes und Anne ins Hotel zu Post geflüchtet, weil sie – wie sie sagte – in der Wohnung in der Stadt nicht allein sein konnte und, wer weiß, ob der Pitter sie nicht sogar umbringen wolle. Der ist nicht aggressiv, hatte Hannes immer gesagt, der ist bloß verantwortungslos; weißt doch, der Pitter ist ohne Vater großgeworden. Tatsächlich war Hannes, der auf den Namen Johannes Matthias Kürten getauft war, der älteste Sohn von Hermann Kürten und seiner Ehefrau Amalie, geborene Schmitz, und das einzige der zehn Kinder, der sich noch an seinen Erzeuger erinnern konnte.

Der Manes, wie man den dürren Kerl, der immer ein wenig krumm ging, in Reisholz nannte, zeugte acht der Kinder, die Amalie nach dem Krieg allein großzog, die letzten sechs jeweils auf Fronturlaub bevor es ihn am 9. Februar 1945 in der Schlacht im Hürtgenwald, sozusagen auf den letzten Metern des Krieges, erwischte. Wer auch immer auf den Einfall gekommen war, ihn als Kradmelder einzusetzen, hatte ihm einen riskanten Job in der Wehrmacht verschafft, der ihm aber auch oft die Möglichkeit bot, tödlichen Situationen auszuweichen. Zum Beispiel an der Westfront, die so schnell vorrückte, das seine Motorradeinheit eigentlich immer hinterher fuhr. Hannes hatte ein Foto, auf dem der fast einen Meter und neunzig große, spindeldürre Mann auf dem Bock einer Zündapp mit Beiwagen hockt, ein komischer Anblick, der jeden grinsen ließ, der das Bild sah. Von Amalie hieß es,sie bräuchte nur eine getragene Männerunterhose zu sehen um schwanger zu werden. So kamen denn auch die Geschwister zustande, die nicht vom Hermann stammten: eines vom Metzger von nebenan, einem alten Mann, der ihr und den Kindern Fleisch brachte, das liegengeblieben war, und auch gern bei ihr blieb, wenn die Blagen schon im Bett waren, eines von einem reisenden, einarmigen Bürstenvertreter, auf den sie sich einließ, nachdem sie zu zweit und sozusagen zwischen Tür und Angel ein halbes Fläschchen Obstbrand verzehrt hatten, und das dritte von einem der Männer, die in der Kneipe ein und ausgingen, in der sie am Wochenende in der Küche aushalf.

Und weil es keinen lebenden Vater gab, übernahm Hannes im Sommer 1945, er war gerade vierzehn geworden, die Rolle des Familienoberhaupts. Und sah seine wichtigste Aufgabe darin, die Tauschmittel und nach der Währungsreform die Finanzen zu beschaffen, die dem Clan das Überleben sicherten. Die Familie Kürten bewohnte damals eine Zweizimmer-Parterre-Wohnung unweit der Henkel-Werke in einem Haus, das beim Pfingstangriff das Dach und die obersten beiden Stockwerke verloren hatte, sonst aber ziemlich gut in Schuss war. Ursprünglich hatte Manes hier die Hausmeisterrolle übernommen und ursprünglich bestand die Hausmeisterwohnung aus fünf Zimmer, einer Wohnküche, einem geräumigen Bad und einer Art Waschküche. Nun hatte man eine achtköpfige Flüchtlingsfamilie einquartiert, mit der sich die Kürtens Küche und Bad teilen mussten, primitive Leute, wie Amalie sie nannte, aus der hintersten Ecke von Ostpreußen, die man nicht verstand, wenn sie untereinander Kauderwelsch redeten und denen niemand im Haus, ja, in der ganzen Straße so recht traute.

Ende der Fünfzigerjahre hatte die Stadtverwaltung der vaterlosen Großfamilie endlich eine passende Sozialwohnung zugeteilt, die in einem achtstöckigen Gebäude jenseits der Bahnlinie lag und außer einer winzigen Kochküche und einem engen Bad immerhin sechs annähernd gleich große Zimmer aufwies. Da wohnte Hannes längst in einer eigenen Einzimmerwohnung in Neuss, und seine älteste Schwester Ingrid lernte auf Krankenschwester und hatte ein Zimmer im Schwesterheim des Marienhospitals bezogen. Als Anne der Mutter vorgestellt werden sollte, weil Hannes die Verlobung anzeigen wollte, da geschah das in diesem Hochhaus, und alle Geschwister waren anwesend, hockten schweigend im winzigen Wohnraum, wo Amalie, die es am Rücken hatte, auf dem Sofa lag. Immer schon eher füllig war Hannes‘ Mutter mit zunehmenden Alter auseinander gelaufen wie ein Haufen feuchter Keksteig, in einem konturlosen Gesicht hausten zwei blitzblaue Augen, deren stechenden Blick man auch sah, wenn sie die Lider geschlossen hatte. Amalie mochte das junge Ding nicht und ließ es sie jederzeit spüren. Anne hasste die Schwiegermutter und war froh, sie nur noch selten zu sehen, denn obwohl Amalie inzwischen beinahe Siebzig war, erfreute sie sich einer erstaunlich stabilen Gesundheit.

Anne hatte sich geweigert, die Schwiegermutter über das Ableben ihres Lieblingssohns zu informieren und stattdessen Kathi vorgeschickt, die eine Hälfte des Zwillingspaars, das sie mit Thomas bildete, beide etwa in der Mitte der Kürten’schen Alterspyramide, für die Verhältnisse des Clans ungewöhnlich ausgeglichene und freundliche Wesen, wobei es eben Katharina war, die der Mutter am nächsten Stand und als einziges Kind durchgehend liebevoll behandelt wurde. Auch Anne liebte diese Schwägerin heiß und innig, die wie ihr Bruder etwa in ihrem Alter war, ein zartes, weißblonde Wesen, das anders als ihr zweieiiger Zwilling eben nicht das dicke, dunkle Pferdehaar der Mutter geerbt hatte.

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publiziert am 25.11.17 in 3 Blinde Mäuse ¦ 57x gelesen ¦ noch kein Kommentar