Die Seite 10

Karin und Josèphe

Er war der schwärzeste Mensch, den ich je gesehen habe. Wenn Josèphe und ich in jenem Sommer mit den Kindern im Freibad auftauchten, lagen alle Augen auf ihm. Damals kamen aber auch so gut wie keine Schwarzafrikaner ins Schwimmbad, und überhaupt gab es in der Stadt viel weniger Dunkelhäutige als heute. Seine Haut war nicht dunkelbraun, sondern schwarz. Es gab ein paar Stellen mit helleren Schattierungen und natürlich die Handflächen und Fußsohlen, aber sonst war Josèphe schwarz wie die Nacht. Und wenn wir im Schwimmbecken Ball spielten, dann glänzte seine Haut vom Wasser wie die fabrikneue Lackierung eines Mercedes. Mein Sohn Philipp und seine Tochter Zizi waren etwa gleich alt und wurden einen Sommer lang dicke Freunde. Verrückt genug, dass Phil in diesen sonnigen Monaten viel brauner wurde als Zizi. Die war in dieser Hinsicht ganz offensichtlich genetisch eine Fiftyfifty-Mischung. Denn Karin, ihre Mutter, war strohblond und hatte eine fast schneeweiße Haut. So weit sich das feststellen ließ, weil sie selbst bei größter Hitze und hier im Freibad nie mehr auszog als ihre Schuhe. » ganz lesen

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publiziert am 12.01.17 in Paare ¦ 206x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Erik allein

Auf einmal war alles zu groß und unübersichtlich. Erik hatte am Tag von Olivers Beerdigung die grundsätzliche Orientierung verloren in seinem Raum-Zeit-Kontinuum. Er erwachte Stunden früher oder später als all die Jahre, konnte kaum noch länger an einem Platz sitzen und legte Wege in der Wohnung zurück, die sich von den gewohnten Pfaden unterschieden. Sein Leben geriet zunehmen aus den Fugen. Und je chaotischer die Dinge wurden, desto weniger trauerte er um seinen Mann. Erik wurde wütend. Er begann mit dem toten Olli zu reden, ihm Vorwürfe zu machen, dass er ihn allein zurückgelassen hatte. Ständig gingen Dinge zu Bruch. Alle Akkus waren auf einmal leer, und nachdem de Kühlschrank seinen Geist aufgegeben hatte, stellte bald auch die Spülmaschine ihren Dienst ein. Oliver hätte solche Probleme mit links geregelt. Der wusste, wo Garantieunterlagen abgeheftet waren, und hatte ein Telefonverzeichnis ausschließlich für Handwerker, Notdienste und Hersteller. Erik wusste davon nichts und stand dem Desaster hilflos gegenüber. » ganz lesen

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publiziert am 07.01.17 in Paare ¦ 240x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Metin und Denise

Als sich Metin in Densise verliebte, bekam niemanden aus seinem Umfeld es mit. Die Menschen, mit denen er zu tun hatte, hätten es auch nicht verstanden. Zu unmöglich war diese Liebe. Damals lebte er im Haus seines Cousins Can in einem Vorort. Drei Jahre zuvor war seine Frau gestorben. Der einzige Sohn hatte seine Eltern schon mit siebzehn verlassen und war in das Dorf an der Schwarzmeerküste zurückgekehrt, in dem seine Großeltern wohnten. Außer Can, seiner Frau, den sechs Kindern und ihm hatten noch zwei Neffen und der alte Onkel Zimmer im Haus. Metin war einundvierzig und arbeitete seit mehr als zwölf Jahren als Busfahrer. Als er an einem sonnigen Junimorgen Denise in ihrem Rollstuhl an der Endhaltestelle sah, tat er, was vorgesehen war. Er holte die Rampe aus ihrem Fach, legte sie am mittleren Ausstieg an und half ihr in den Bus zu kommen. Dabei achtete er nicht besonders auf die junge Frau. Drei Haltestellen lang waren sie allein im Bus, und er bemerkte, dass sie ihn über den Spiegel genau beobachtete. Ihre schwarzen Augen begannen, ihn zu hypnotisieren, sodass er froh war, als weitere Fahrgäste zustiegen. » ganz lesen

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publiziert am 05.01.17 in Paare ¦ 217x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Herr Schilling und Jullie

Sich selbst hält Herr Schilling für ganz normal. Aus seiner Sicht führt er ein normales Leben, hat einen normalen Beruf, normale Hobbys, eine normale Familie und so weiter. Eine Vorstellung davon, was andere Leute von ihm halten, hat er nicht. Auch kann er nichts damit anfangen, wenn ihn jemand gelegentlich Spießer nennt oder Langweiler. Ihm hat der Ausdruck Otto Normalverbraucher immer gut gefallen. Wobei ihm nie ganz klargeworden ist, was das Normale mit dem Verbrauchen zu tun hat. Eigentlich führt Herr Schilling so lange er denken kann ein normales Leben und ist sehr zufrieden damit. Inzwischen hat er eine Frau, zwei Kinder, einen Passat als Dienstwagen und ein Eigenheim. An Umstände, über die sich andere vielleicht beklagen würden, hat er sich gewöhnt. » ganz lesen

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publiziert am 01.01.17 in Paare ¦ 245x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Luise und Cho

Manchmal ist sich Luise nicht sicher, ob sie sich die ganze Geschichte nur eingebildet oder ausgedacht hat, ob es überhaupt eine Person namens Cho gab. Ob sie diese Person überhaupt gekannt hat. Ob sie Cho jemals begegnet war. Ihr ist bisweilen nicht einmal klar, ob sie je in Shanghai war. Ob sie sich dort in Cho verliebt hat. Und er sich in sie. Aber ganz unabhängig davon, ob es diese Begebenheit gegeben hat, weiß sie, dass die Sache massiven Einfluss auf ihr Leben hatte. In ihrer Erinnerung ist sie 1943 als junges Mädchen, kaum zwanzig Jahre alt, mit ihren Eltern nach China gekommen, die dort als geduldete Missionare wirkten. Dass sie rasch Mandarin gelernt hat und auf die katholische Mädchenoberschule gegangen ist, obwohl Vater und Mutter Baptisten waren. » ganz lesen

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publiziert am 31.12.16 in Paare ¦ 249x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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