Die Seite 10

Warst du treu?

Normalerweise fragte Elle, wenn sie von einer Dienstreise zurückgekehrt war, ihn “Warst du treu?” Und Robert anwortete dem Ritual entsprechend “Nein, ich habe sieben dicke Weiber gevögelt; eine für jeden Tag deiner Abwesenheit.” Woraufhin sie die Augenbrauen hochzuziehen und mit gespitzten Lippen ein “Aber, Robert…” zu flöten hatte. Dies Mal ist alles anders. Sie ist gleich vom Bahnhof aus zu ihm gefahren. Robert hat sie heftig in den Arm genommen, wild geküsst und mit Inbrunst gesagt: “Mann, bin ich froh, dass du wieder da bist!” So viel Engagement ist Elle von ihm nicht gewohnt, und so vergaisst sie, die Frage zu stellen. Erst nach dem Essen, nach dem ersten Mal und beim dritten Glas Wein fällt es ihr ein: “Warst du mir treu?” Robert senke den Blick ein wenig, und sie ahnt, dass er nicht dem gewohnten Ablauf folgen würde. “Eigentlich nicht,” brummt er nach einer Weile. Und: “Ich weiß es nicht.” Elle trinkt das halbvolle Glas auf einen Sitz aus: “Was weißt du nicht?” – “Ob das, was mir passiert ist, unter Untreue läuft.” Sie bleibt ruhig und bittet ihn zu erzählen.
“Es war war am dritten oder vierten Abend. Ich kam vom Präsidium und war auf dem Weg nachhause. Ich komm ja immer an diesem Haus vorbei, wo für asiatische Massagen geworben wird. Da steht auch ein Schild auf dem Gehweg, wo drauf steht ‘Keine Erotik’ – bringt mich immer zum Schmunzeln.” » ganz lesen

publiziert am 25.06.11 in Exil am Platz ¦ 137x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Die Bande

Der Platz ist unbestritten das Herz des Viertels. Auch wenn er zu Anfang, in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts für Militärparaden gedacht war, nutzen ihn schon die ersten Anwohner als Oase in der Hektik der Stadt. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte man einen halbherzigen Spielplatz angelegt, aber die Attraktion – zumindest im Sommer – war das große Wasserbecken des Industriebrunnens mit seinen drei Bronzeriesen. Da ging es zu wie in der Badenanstalt. Vor einigen Jahren musste dieser Platz von ziemlich genau der Größe eines Fußballfeldes sich einer Verschönerung unterziehen. Man unterkellerte ihn, um Parkplätze zu schaffen, änderte die Verkehrsführung und spendierte eine gigantische Sandspiellandschaft mit Matschmöglichkeiten, eine luxuriöses Klettergestell aus Holz und Seilen sowie einen überdimensionierten Käfig für die Basket- und Fußballspieler. Und immer schon war der Platz Brutstätte und Treffpunkt für allerlei Rudel Jungmänner. Das war jetzt auch nicht anders. Hauptkommissar Greiper kannte die alle vom sehen, die Jungs, die er zur Bande zählte. » ganz lesen

publiziert am 19.06.11 in Exil am Platz ¦ 144x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Eine Zeugin

Eigentlich war Robert ganz froh darüber, dass Elle und er nun doch nicht gemeinsam auf den alten Kahn im Hafen gezogen waren. So blieb ihm der Blick über die Stadt von einer der beiden Terrassen seiner viel zu großen Wohnung mit den vier Zimmern, von denen zwei völlig leerstanden. Nicht einmal Gerümpel hatte er dort gelagert, weil er keine überflüssigen Möbel und Sachen besaß. Er war schon immer ein Wegwerfer. Natürlich waren ihm die meisten Gegenstände abhanden gekommen, als seine Frau Knall auf Fall ausgezogen war und er eine völlig leere Wohnung vorfand als er nach sechsundzwanzig Stunden Dauerdienst frühmorgens nach Hause gekommen war. Das war zur selben Jahreszeit wie jetzt, und das Wetter war damals genauso frühsommerlich.
Vor ein paar Wochen war eine junge Frau in das Appartement eine Etage tiefer gezogen. Eine groß gewachsene, ziemlich dünne Rothaarige. Robert hatte den Möbelwagen gesehen, einigermaßen überdimensioniert für die wenigen Stücken, die von den Packern ausgeladen wurden. Er hatte ein paar Minuten zugesehen. Dann kam sie aus der Haustür, ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand: “Hallo”, sagte sie mit leichtem Akzent, “ich bin die neue Bewohnerin. Fiona Amsel ist mein Name.” » ganz lesen

publiziert am 17.06.11 in Exil am Platz ¦ 137x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Schönes Verhör

Acht der neun Jahre, in denen Robert im Viertel wohnte, war er beinahe täglich die 220 Schritte zu Ümits Büdchen gegangen, meistens am frühen Abend. Seitdem er das Rauchen aufgegeben hatte, gab es keinen Grund mehr, sich den Launen des Mannes auszusetzen, von dem sie sagten, er sei ein Arschloch. Und nun stand der kleine Mann, den das jahrelange Stehen und Sitzen im Laden verformt hatte ohne Schaufensterscheiben da. Denn die Wucht der Explosion von gegenüber hatte sämtliches Glas in kleinste Partikel zerlegt. Das Zeitschriftenregal war umgefallen und einer der Kühlschränke mit gläserner Tür. Natürlich war der als möglicher Augenzeuge auch zu befragen, und Greiper freute sich darauf, dem Türken des Arroganz heimzahlen zu können. Die Leute munkelten auch, dass es bei Ümit nicht bloß den üblichen Büdchenkram gäbe, also Zigaretten, Süßigkeiten, Getränke, Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch Ware, die irgendwo vom Lkw gefallen wäre, ja, einige sagten, man könne bei ihm auch gezielt bestimmte Produkte bestellen. Und die ganz Mutigen sprachen hinter vorgehaltener Hand davon, dass es bei Ümit auch Schusswaffen zu kaufen gäbe. Dass der sich seinen E-Klasse-Kombi nicht mit Knabberzeug und Kippen zusammengespart haben konnte, war offensichtlich. Zweimal waren sie andeinander geraten, der Hauptkommissar und der türkische Kleinhändler. Einmal hatte Greiper versucht eine Flasche Bier umzutauchen, deren Kronkorken wohl undicht war, sodass die Brühe total schal schmeckte. Da hatte Ümit behauptet, Robert habe die geöffnete Flasche einfach zu lange rumstehen lassen. » ganz lesen

publiziert am 14.06.11 in Exil am Platz ¦ 135x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Møre Åkelomme

“Es ist Møre Åkelomme,” sagte HH im Reinkommen. “Was?” Greiper schreckte von seinem Schreibblock auf, “was ist mit Möhre?” HH seufzte und beugte sich runter zum Hauptkommissar: “Sie wollten doch wissen, auf wen die Bar lief?” – “Ja, aber was hat das mit Gemüse zu tun?” Der Zweimetermann seufzte erneut: “Der heißt so: Møre Åkelomme. Dänischer Name. Ist aber Deutscher aus Neumünster. Ethnische Minderheit, Sie wissen schon, südschleswiger Wählerverband, granatiert immer drin im Landtag.” Greiper war aufgestanden: “Ich kann Ihnen nicht folgen, überhaupt nicht. Was hat unser Fall mit Schlewswig zu tun?” – “Nichts. Nur dass der Mensch, auf dessen Name die explodierte Bar lief, eben Møre Åkelomme heißt. Und das ist ein dänischer Name.” Der Hauptkommissar wedelte mit der Hand vor HHs Nase herum: “Und weiter? Was ist daran besonders?” » ganz lesen

publiziert am 11.06.11 in Exil am Platz ¦ 137x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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