Die Seite 19

Oder nie (35)

Natürlich fällt er auf mit seinem schwarzen Anzug. Auch wenn nur wenige die Schlangenlederstiefel wahrnehmen. Aber ein fast zwei Meter großer, schlanker Mann mit sehr blonden Haaren mit blütenweißem Hemd unter dem nachtschwarzen Jackett, der bleibt selbst in Paris nicht unbeachtet. Einer Stadt, in der es weniger von Originalen, als viel mehr von schönen Menschen wimmelt, die durchweg geschmackvoll gekleidet sind. Langsam begerift Peter, weshalb diese Stadt die weltweite Modemetropole ist. Nach und nach versteht er, was Mode überhaupt ist, wozu sie gut ist und dass sie ein unglaublich großes Geschäft mit unglaublich viel Geld ist. Manchmal kommt ihm der Gedanke, er habe sich Ludwig und Olivier zu billig verkauft. Aber der Luxus, den ihm der Job als zukünftiger Modefotograf bringt, wischt die Bedenken wieder fort. Mit seiner ganz individuellen Mode erregt er nicht nur Aufsehen, sondern spürt, dass ihm viel mehr Respekt, ja, teilweise sogar Bewunderung entgegenschlägt. Das konnte er feststellen, als er zum ersten Mal im Anzug oben bei Makeda im Café des Samaritaine auftauchte: sie sah ihn mit einem ganz anderen Blick an als zuvor. Und vermutlich hätte er sie noch am selben Abend mit ins Hotel nehmen und verführen können. Aber das würde er sich nicht trauen, auffällige Kleidung hin oder her. So wie er ja auch bei Karin lange seh gehemmt war. Ihm kam es damals so vor, als sei sie einfach zu schön für ihn, und manchmal geht es ihm immer noch so, dass er denkt: Was mögen die Leute davon halten, dass diese attraktive Frau mit diesem merkwürdigen Vogel geht, ja, sogar verheiratet ist. » ganz lesen

publiziert am 09.07.15 in Oder nie ¦ 281x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (34)

Am 3.Juli, einem Montag, ist die Stadt zur Hälfte geleert. Die Pariser, die es sich leisten können, sind in die Sommerfrische gefahren. An die Cote d’Azur, an die Atlantikküste, nach Deauville oder einfach in den Süden. Wer Verwandtschaft auf dem Land hat, fällt denen in den nächsten Wochen zur Last. Und wem beides nicht vergönnt ist, der bleibt schlechtgelaunt zuhaus. Auch wenn für die Franzosen der Sommer aus den Monaten Juli und August besteht, deutet das Wetter noch eher auf einen launischen April hin. Im Juni ist es nur an wenigen Tagen wirklich sonnig gewesen, und die Temperaturen erreichten kaum zwanzig Grad. Blieb der Himmel mehr als vierundzwanzig Stunden blau, folgte beinahe zwangsläufig ein Gewitter. Jetzt wälzen sich Touristen durch Paris, immer auf der Spur der obligatorischen Sehenswürdigkeiten; von Notre Dame und dem Hotel de Ville zum Louvre und den Tuilerien, dann natürlich die Champs Elyssee hoch bis zum Arc de Triomphe und rüber zum Eiffelturm. Später dann ein bisschen Place Pigalle und Monmartre oder gar einen Kaffee auf dem Place du Tertre, wo die Porträtisten das immergleiche Gesicht zeichnen und als Bildnis des willigen Opfers bezeichnen. Bis auf den Louvre hat Peter noch keine dieser Attraktionen besichtigt. Dabei ist er jetzt schon über drei Monate in der Stadt. » ganz lesen

publiziert am 07.07.15 in Oder nie ¦ 270x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (33)

Als er kurz vor fünf im U Pinu einläuft und Claude ihn sieht, entfährt dem Korsen ein erstauntes „Putain!“ Dann: „Du siehst fabelhaft aus! Wie ein Star.“ Der Deutsche im schicken schwarzen Anzug dreht sich um die eigene Achse und sagt dann: „Man beachte die Stiefel.“ In dem Moment kommt Giselle ins Bistro und erstarrt: „Peter, bist du das?“ Der grinst wie er sonst so gut wie nie grinst. „Beruhigt euch mal, sind nur neue Klamotten.“ – „Nein, nein“, ruft der Wirt, „das ist ein neuer Peter.“ Seine Stammkundin nickt heftig. „Wir sind verabredet“, sagt er zu seiner Freundin, „du erinnerst dich?“ Langsam beruhigt sich die Sache wieder. Claude bringt drei Likörgläser an den Stammtisch: „Heute eingetroffen – Muscat von der Insel. Stellt euch den Geruch von Pinien vor, Kräuter und Gewürze auf Felsen, ein stetiger Wind und pralle grüne Trauben…“ » ganz lesen

publiziert am 05.07.15 in Oder nie ¦ 240x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (32)

Am nächsten Morgen begegnet Peter im Wohnraum einem nackten Mann, der sein Zwilling sein könnte. Beide sind etwa gleich groß, schlank, fast dünn und haben kurzes blondes Haar. Mit einem kurzen Blick stellt er fest, dass das baumelnde Glied des anderen auch nicht länger ist als seins. Sie begrüßen sich stumm mit einem Nicken. Dann kriecht der Nackte zurück in Minh Chaus Schlafecke, während Peter im Bad eine schöne lange Dusche nimmt und sich ordentlich rasiert. Seine vietnamesische Mitbewohnerin hat anscheinend ein ziemlich klares Beuteschema. Er fragt sich nur, welche seiner Eigenschaften sie bewogen haben mag, ihn gegen einen anderen auszuwechseln, der ihm zumindest physisch sehr, sehr ähnlich ist. Der Neue muss ihr etwas zu bieten haben, was Peter nicht aufzuweisen hat. Vielleicht hat er Kohle, aber die hat er ja nun auch. Möglicherweise ist der Nachfolger witziger, unterhaltsamer. Oder einfach der bessere Liebhaber. Er hat ja keinen Bezugspunkt, was diese Fähigkeiten angeht. Karin hat sich jedenfalls noch nie beschwert. Weil sie ein eingespieltes Team sind, hat sie – soweit er das beurteilen kann – fast jedes Mal einen Orgasmus. Und in Bezug auf die Frequenz des Geschlechtsverkehrs liegen sie auf gleicher Höhe. Alles was sie im Bett treiben, haben sie sich über die Jahre selbst erarbeitet. Es kommt ihnen normal vor. » ganz lesen

publiziert am 03.07.15 in Oder nie ¦ 318x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (31)

Die Fahrt mit dem Taxi hat ihm gefallen. Wie der Armenier mit seinem 404 geschmeidig mitgeschwommen ist im Strom der Autos, durch den sich hier und da Motorrad- und Rollerfahrer schlängeln. Fußgänger steigen ebenfalls an den seichten Stellen in diesen Strom und nutzen die Bewegung um sich auf die gegenüberliegende Straßenseite treiben zu lassen. Das alles frei von Aggression, ganz anders als Peter das aus Deutschland kennt, wo jeder den anderen besiegen will. Nein, das Verhalten der Leute an den Lenkrädern hat nichts mit Rücksicht zu tun, dass sie ausweichen, scheint mehr eine instinktive Handlung zu sein. So wie sich Vögel in einem Schwarm untereinander ausweichen, damit keiner von ihnen abstürzt. Auch das ständige Hupen hat eine eher biologische Funktion; Stimmfühllaute nennt man das in der Verhaltensforschung. Damit kennt Peter sich mehr aus als mit dem Autofahren, denn sein Lieblingslehrer, der Dr. Steinhoff, Mathematik und Biologie, war ein glühender Anhänger von Konrad Lorenz und hatte die jungen Schüler schon mit dessen Thesen vertraut gemacht. Natürlich kennt er „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“ fast auswendig und „So kam der Mensch auf den Hund“ auch. Rüdiger Steinhoff, der sich kleidete wie eine Mischung aus Förster und Wandervogel, hatte ihnen beide Bücher vorgelesen im freiwilligen Zusatzunterricht, den er im Sinne einer Arbeitsgemeinschaft anbot. Da hatte er auch seinen Wolfsspitz Adam mitgebracht, einem offensichtlich schlauen, aber vorwiegend übellaunigen Rüden, der außer seinem Herrn keinen anderen Menschen gelten ließ. Und an den Wandertagen führte Dr. Steinhoff seine Jungs regelmäßig in unwegsame Naturschutzgebiete zum Pflanzenbestimmen und -sammeln und dem Beobachten von Vögeln und Insekten. » ganz lesen

publiziert am 01.07.15 in Oder nie ¦ 380x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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