Die Seite 21

Oder nie (24)

Nach zwei Wochen stellt sich Routine ein. Peter gefällt die Arbeit, ihm tut die körperliche Tätigkeit gut. Und auf diese Weise Geld zu verdienen macht ihn stolz. Auch wenn er so gut wie keinen privaten Kontakt mit den Kollegen bei Lebruine und den Nachbarständen hat, fühlt er sich als Teil einer Gemeinschaft. Und verbessert ständig sein Französisch. Der Chef lobt ihn regelmäßig, wenn auch mit äußerst knappen Worten. Und gestern hat er ihm in Aussicht gestellt, demnächst für einen besseren Lohn als Staplerfahrer einsteigen zu können. Weil er aber an seinen Arbeitstagen bis in den frühen Nachmittag hinein schläft, zieht er nur noch wenig von der Stadt. Immerhin hat er bereits zweimal die Leica mit nach Rungis genommen und vor und nach der Schicht in den Hallen und draußen fotografiert, vor allem natürlich die Männer mit den Kisten und Hubwagen. Wie sie schuften, wie sie Pause machen und nach Feierabend am Kiosk ein Bier oder einen Wein trinken. Das grelle Licht in den Hallen zeichnet harte Schatten in die Gesichter, weil es von oben kommt, sieht man die Augen der Männer kaum. Er nimmt sich vor, von den Kollegen Porträts anzufertigen, hier vor Ort mit der realen Beleuchtung. » ganz lesen

publiziert am 17.06.15 in Oder nie ¦ 272x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (23)

„So, du ziehst also bei mir wieder aus? Was Besseres gefunden, was?“ Giselle kippt den dritten Cynar, und Claude schenkt nach. Sie sitzen zu dritt am Tisch. Das Bistro hat bereits geschlossen. Der Wirt hat die Rollläden bis auf den an der Tür heruntergelassen und das Licht gelöscht. Nur über dem Tisch hinten beim Telefon ist die Lampe noch eingeschaltet. Peter würde ihr gerne sagen, dass er ihr sehr dankbar ist dafür, dass sie ihn aufgenommen hat, dass sie ihn so unterstützt hat, aber dass er Angst davor hat, ihr Verhältnis könnte in eine falsche Richtung laufen. Und dass er eben sehr gern in der Nähe von Minh Chau sein möchte. Aber er bringt nicht mehr raus als „Ist praktischer.“ Seine Freundin klaut eine Zigarette bei Claude. Wirft den Kopf zurück und bläst den Rauch zur Decke. „Was hab ich dir denn Schlimmes getan?“ Sie hat ins Französische umgeschaltet, damit ihr der Wirt beistehen kann. Aber der weiß ja schon zu viel und hält sich zurück. Peter sucht nach einer weiteren Ausrede: „Das Zimmer ist größer. Ich zahl zwar Miete, aber ich krieg ja auch einen Job. Ich möchte einfach unabhängiger sein.“ » ganz lesen

publiziert am 15.06.15 in Oder nie ¦ 309x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (22)

Peter geht es gut. Er ist zufrieden. Er ist glücklich. Und befriedigt. Alles ist wie sein soll. Schließlich ist Paris ja die Stadt der Liebe. „Paris, o-la-la“, hieß es früher manchmal in den Männerrunden bei Familienfeiern oder beim Sängerfest oder Frühschoppen. Immer war einer dabei, der 1940 in Paris war. Der von den Mademoiselles schwärmte. Vom lockeren Leben. Und dass alle Französinnen ganz scharf auf die Männer in Wehrmachtsuniform gewesen seien. Dazu dann der Mythos von den fröhlichen Nutten, Irma la Douce etc. Die Filme der Vierziger- und Fünfzigerjahre, das Millieu. Kleine Gauner, schöne Dirnen. Eine Stadt zum Verlieben, dieses Paris. Eine Stadt der Liebenden. Und, was ist schon dabei. Es ist gegen drei Uhr morgens, und Peter spaziert, eine Kippe zwischen den Lippen, beschwingt nachhause. „Man muss ja nicht gleich ein Paar werden, wenn man einmal Liebe gemacht hat“, hat Minh Chau gesagt. „Fünfmal!“ hat er geantwortet. Aber ihr Satz hat ihn ein wenig verschreckt, weil er überhaupt nicht daran gedacht hat, dass die ganze Geschichte mehr als ein Abenteuer werden könnte. Der Place de Bastille liegt still, ein Mofa knattert im Hintergrund, und die Ampeln sind auf gelbes Blinken umgestellt. In einer Seitenstraße schlafen zwei Flics in ihrem Streifenwagen. Am Fischgeschäft sind die Rolläden heruntergelassen, zwei bunte Katzen hocken davor wie wartende Kunden. » ganz lesen

publiziert am 13.06.15 in Oder nie ¦ 285x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (21)

Am nächsten Morgen freut Peter sich auf den Nachmittag bei Madame Krugelheim, auf den Unterricht und vor allem darauf, Minh Chau zu sehen. Langsam kommt es ihm vor, als sei er ein bisschen verliebt in sie. Weil er in seinem Leben erst einmal so verliebt war, dass er dieses Gefühl als solches hatte benennen können, ist er sich nicht sicher. Keine Frage, er findet die kleine Person mit dem kleinen Gesicht und dem ausdrucksstarken Körper sehr attraktiv. Er fühlt sich zu ihr hingezogen und, ja, er hat schon zwei erotische Träume gehabt, in denen sie vorkam. Allerdings ist ihm völlig unklar, ob und in welchem Maße sie diese Gefühlsmischung teilt. Außerdem ist er, das hat ihm Giselle nach der gemeinsamen Nacht ohne Sex an de Kopf geworfen, krankhaft monogam. Weshalb er auch viel öfter an Karin denkt. Und vor einer knappen Woche hat er seiner Gattin einen Brief geschrieben. Der bestand vor allem aus einem minuziösen Bericht, den er anhand seiner Notizen anfertigte. » ganz lesen

publiziert am 11.06.15 in Oder nie ¦ 394x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (20)

Bis mittags hat er bei Edith in der adretten Küche der Concierge-Wohnung gesessen, zugehört und einen Milchkaffee nach dem anderen getrunken. Ihre Lebensgeschichte aufgenommen und immer gedacht: Ja, das hört sich fremd und exotisch an, aber die Probleme und Anekdoten unterscheiden sich im Kern wenig von denen seines Großvaters, der 1913 aus Polen ins Ruhrgebiet gekommen ist. Auch der hat sich sofort der polnischen Gemeinde angeschlossen, allein schon, um nach der Messe mit den Landsleuten in seiner Muttersprache reden zu können. Auch die Geschichte der Auswandererfamilie Blascyk ist voller Trennungsschmerz. Pjotr hat nicht nur seine Eltern zurücklassen müssen, sondern auch seinen unehelichen Sohn. Der war der eigentliche Grund, warum der Opa damals Wloclawek verlassen hat, nicht die wirtschaftliche Situation, nicht die Armut und die Aussichtslosigkeit. Denn die Blascykowskis, so der eigentliche Name seiner Familie, zählten zum eher wohlhabenden Bürgertum. Pjotr war allerdings in mancher Hinsicht das schwarze Schaf der Familie, groß und stark, nicht besonders helle, trinkfest und rauflustig, aber für jegliche Tätigkeit im Sitzen völlig ungeeignet. So wurde er eben zum Auswanderer und in Recklinghausen angekommen Bergmann. Er änderte seinen Namen und brach jeden Kontakt in die Heimat ab. Der Großvater musste nun eine zweite Gattin finden, weil seine geliebte Maria 1914 im Kindbett starb und der noch ungeborene Sohn auch. Erst die Ehe mit der deutschen Therese, der Joseph und Peter die blonden Haare zu verdanken haben, war dann mit Kindern gesegnet und über fünfzig Jahre lang ausgesprochen glücklich. » ganz lesen

publiziert am 09.06.15 in Oder nie ¦ 276x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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