Die Seite 21

Oder nie (51)

Geht zu Fuß den ganzen weiten Weg nach Belleville in die Rue des Rigoles. Es ist seine Abschiedstour, und er möchte Edith noch einmal treffen. Er schellt, aber die Concierge öffnet nicht. Weiter zu Claude. Zum U Pinu ein paar Blocks weiter. Aber das Bistro hat geschlossen. Wegen einer Familienangelegenheit, wie der Zettel am Rollgiter bekanntgibt. Weiter in die Rue du Dessous des Berges. Vielleicht ist Minh Chau zuhause und schon wach. Drei Stunden ist er jetzt schon auf den Beinen, und es tut gut, den leichten Schmerz in den Füßen zu spüren, diese erste Erschöpfung, wenn man geht und geht und geht und sich zwischendurch nie hinsetzt. Er verläuft sich im Viertel. Dann steht er vor der schmalen, blauen Eisentür und tastet nach dem Schlüssel. Aber der ist nicht an der üblichen Stelle. Er nimmt ein schnelles, zweites Frühstück im Café neben dem Chez Trassoudaine, das um diese Uhrzeit noch geschlossen hat. Im Parc de Choisy setzt er sich auf eine Bank. Eine angebrochene Packung Gauloises hat er noch in der Innentasche des Parkas, Streichhölzer auch. » ganz lesen

publiziert am 18.08.15 in Oder nie ¦ 592x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (50)

Dann stehen sie wieder auf der Straße, und noch immer drängen sich Hunderte am Einlass zum Club Dash. Makeda zieht ihn weiter in Richtung Beaubourg, hält dann an, dreht ihn zu sich um und sagt: „Komm, lass uns in dein Hotel gehen. Ich möchte die Nacht mit dir verbringen.“ Und küsst ihn lange auf den Mund. Jemand fährt auf dem Moped vorbei und pfeift den beiden nach. Ansonsten ist Paris jetzt zur Ruhe gekommen. Kolonnen der Stadreinigung fegen mit Reisigbesen den Rinnstein längs der Rue de Renard. Weiter hinten das gelbe Blinklicht eines Wassersprengers, der den Dreck von der Fahrbahn an die Seite spült. Arm in Arm schlendern sie die Rue Rivoli entlang, an den Tuilerien vorbei bis zum Place de la Concorde. Am Obelisk küssen sie sich wieder sehr lange. Auf die Madeleine zu, dann links und in die Rue de l’Arcade. „Oh, Monsieur Pierre, sie haben Besuch?“ begrüßt sie der Nachtportier und übergibt den Schlüssel. „Moment, da ist etwas für Sie gekommen.“ Greift ins Fach und überreicht Peter einen kleinen, fetten Umschlag, auf dem mit dickem Stift „von OP & LL“ steht. Sie fahren aufs Zimmer, und während Makeda sich umschaut und schließlich im Bad verschwindet, öffnet Peter das Couvert. » ganz lesen

publiziert am 13.08.15 in Oder nie ¦ 595x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (49)

Würde man Peter fragen, würde er antworten, er habe keine Erfahrungen mit Drogen. Ja, er habe mal in einer Runde ein paar Mal an einem Joint gezogen, aber nichts gespürt. Alkohol zählt er nicht unter Drogen. Tabletten auch nicht. Damit hat er allerdings Erfahrungen gemacht. Frau Dr. Zeisig, die Logopädin, hatte seiner Mutter damals empfohlen, ihm ein Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat zu verabreichen, um seine Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Dr. med. Kaminski, der Hausarzt der Blascyks verschrieb Ritalin und verordnete anfangs eine halbe pro Tag, nach zwei Wochen eine ganze und ab dem zweiten Behandlungsmonat anderthalb Tabletten morgens zum Frühstück. Da war Peter zwölf und merkte schon nach kurzer Zeit, dass ihn das Zeug fröhlich machte und seine Zunge lockerte. Die Lehrer lobten seine steigenden Leistungen, und es fiel ihm leicht, sich beim Lernen und bei Klassenarbeiten ganz auf den Stoff und die Aufgaben fokussiert zu bleiben. Leider nahm seine Fähigkeit, die Dinge um sich herum wahrzunehmen, gleichzeitig ab. Sprach die Mutter ihn an, während er Vokabeln lernte, reagierte er nicht mehr. Bei einer Mathe-Arbeit vergaß er alles um sich herum und verpasste so, die Lösungen rechtzeitig abzugeben. Was ihn wütend machte. Wie er in der Zeit, als er das Medikament nahm, überhaupt oft wütend war, leicht reizbar, schnell zu provozieren und immer bereit, zuzzuschlagen. Seiner Sprachstörung kam das alles nicht zugute, sodass erste die Logopädin, dann der Arzt davon abrieten, Peter weiter die Tabeletten zu geben. » ganz lesen

publiziert am 11.08.15 in Oder nie ¦ 489x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (48)

Draußen der Loge begrüßen ihn Menschen, an die er sich nicht erinnert. Männer werfen Makeda bewundernde Blicke zu. Manche auch begehrliche Blicke. Peter sitzt direkt an der Balustrade und schaut auf die Menge. An den Seiten gibt es Podeste, die hoch und runter gefahren werden können. Darauf tanzen halbnackte, junge Männer und Frauen. Jeweils allein. Rechts und links gibt es Bartheken, an denen sicher je hundert Gäste Platz finden. Den Discjockey vermutet Peter unterhalb der Empore. Die Musik klingt gleichförmig, es ist immer derselbe Rhythmus, nach dem sich die Tänzer bewegen. Ab und an öffnet sich eine kleine Freifläche, und dann tanzt jemand allein, oder ein Paar führt irgendeine besondere Choreografie vor. Plötzlich formieren sich fast alle in langen Reihen und machen alle dieselben Schritte zu einem etwas langsameren Takt. „Night fever“ kommt im Text des Stückes vor. Peter hat Kopfschmerzen. Von der Wunde und von dieser Beschallung. Makeda steht schon eine ganze Weile bei Frederic. Trotz der Lautstärke scheinen sie sich ohne Schreien verständigen zu können. Dann taucht Lu LaBanda auf. In einem mitternachtsblauen Samtanzug mit einem breitkrempigen, schneeweißen Hut, und dem sein wirre Haar hervorlugt. Der alte Mann mit dem ausgezehrten Körper bewegt sich im Rhythmus der Musik durch die Ehrengäste und strahlt, als habe man ihn angeknipst. » ganz lesen

publiziert am 10.08.15 in Oder nie ¦ 639x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (47)

So weit es bei dieser Mischung aus Dunkelheit und heftigen Lichteffekten zu erkennen ist, scheint die Loge mit dunkelblaumen, hochflorigen Teppich ausgeschlagen sein. Sieben oder acht Gruppen von Sofas, Sessel und Tischen sind auf den gut zweihundert Qaudratmeter über der Tanzfläche verteilt. Die Sitzmöbel sind mit marineblauem Leder bezogen, einige Sessel haben knallrote Bezüge und über allem schwebt eine Deckenbespannung aus weißem Stoff, die in der leichten Brise der Klimanlage sanfte Wellen schlägt. Überall auf den Glastischen stehen Sektflachen, große Sektflaschen, die viel größer sind als alle Flaschen, die Peter je gesehen hat. Eine Schar Kellner in blauen Hosen mit roten Hemden und Blusen, die bodenlange weiße Schürzen tragen, gehen geschäftig hin und her, obwohl der Bereich noch fast leer ist. Ganz hinten links sitzt drei Leute, die er erkennt, als ein Scheinwerferkegel über sie hinweg streicht; es sind die Modeschöpfer. An die Balustrade gelehnt stehen zwei Männer. Der eine dreht sich um, sieht Peter und Makeda, breitet die Arme aus und ruft: „Willkommen!“ Olivier eilt auf die beiden zu. Makeda reicht ihm die Hand, und er haucht mit gesenktem Kopf einen Kuss auf die mokkabraune Haut. Dann umarmt er Peter und küsst ihn dreimal auf die Wangen. » ganz lesen

publiziert am 07.08.15 in Oder nie ¦ 502x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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