Die Seite 28

Oder nie (41)

Da kann er nicht antworten. Aber Giselle, die er in die Rue des Rigoles begleitet, hakt auch nicht nach. Soll sie mit dem moralischen Zeigefinger wedeln, ihm ein schlechtes Gewissen machen? Natürlich ist sie klug genug zu ahnen, dass Peter genau das, was er in Paris betreibt und erlebt, für den Rest seines Lebens brauchen wird. Ganz gleich, ob er zu Karin zurückkehrt. Sie weiß, er muss das alle tun – jetzt oder nie. So plaudern sie Unverfängliches bis sie an der Haustür sind. Edith liegt mitten in der Nacht in ihrem Fenster, die feisten Arme auf einem orientalischen Kissen gelagert. „Ach, herrje, ich warte doch auf den Referend. Der wollte mir noch die Kostüme der Chorsänger zum umnähen bringen“, jammert sie. „Mitten in der Nacht?“ fragt Giselle. „Ja, ja, der ist mit dem Zug aus Lille gekommen, Ankunft dreiundzwanzig Uhr neunzehn. Und braucht natürlich auch noch seine Zeit bis er mit dem Taxi hier ist. Wie wär’s mit einem kleinen Likör zur guten Nacht? Kommt rein.“ Und dann sitzen sie in der blitzblanken Küche am Tisch, auf dem eine Plastikdecke mit Weinranken und Tomaten liegt, und trinken einen schrecklich süßen Fruchtlikör aus fingerhutgroßen Gläsern. Die Frauen reden belangloses Zeug, und Peter hört nur zu und fühlt sich plötzlich ganz zuhause. » ganz lesen

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publiziert am 22.07.15 in Oder nie ¦ 746x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (40)

Peter war dann doch widerwillig mitgegangen ins Kino, weil Karin unbedingt diesen Tanzfilm sehen wollte. Im Mittelpunkt diese fürchterliche Musik mit im Falsett singenden BeeGees und ein Typ namens Travolta, der im weißen Anzug merkwürdige Bewegungen zu den ewig gleichen Rhythmen machte. Karin war ganz verrückt nach dieser Musik, und Peter war heilfroh, dass es in ganz Dortmund keine Disco gab, in der zu diesem Quatsch getanzt wurde. In Düsseldorf, da gab es das Big Apple an der Königsallee, da gingen die Disco-Freunde wohl hin, aber von seinen Kommilitonen war niemand Anhänger dieser Tanzerei. Und er hütete sich, Karin zu erzählen, dass es an seinem Studienort mehrere solcher Orte gab, an den man das Saturdaynightfever in der Realität nacherlebte. Zum Glück hielt weder Karins Begeisterung lang an, noch hatte die Disco-Welle Frankreich in größerem Ausmaß überrollt. In Paris waren vor allem die französischen Rockmusiker und Chansonsängerinen en vogue, dazu die weltweit berühmten Bands, aber eben auch ein schräger Typ wie Plastic Betrand, der eine Musikrichtung verfolgte, die man in New York begann Punk zu nennen. Peter war in Sachen populärer Musik auch im wilden Jahr 1978 eher konservativ. Seine Plattensammlung war etwa auf dem Stand von 1974 und umfasste den üblichen Querschnitt von Beatles und Stones über Cream und Led Zeppelin bis Genesis und Emerson, Lake & Palmer. Natürlich hatte er die erste Rockpalast im Sommer zuvor verfolgt. Sie waren bei Karins Kollegin Gabi eingeladen. Deren Freund hatte ihr seine abgekegte Stereoanlage geschenkt, und sie hörten den Radioton, während die Bilder über den Fernseher flimmerten. Er wäre viel lieber live dabei gewesen in der Grugahalle, aber alleine wollte er nicht, und Karin hatte Panik bei größeren Menschenansammlungen. Dass der Dash Club eine Discotheque ist, beunruhigt Peter ein bisschen, weil er fürchtet, dass am Freitag dort nur diese monotone und blöde Musik laufen und er dazu mit Makeda wird tanzen müssen. » ganz lesen

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publiziert am 19.07.15 in Oder nie ¦ 756x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Dialektik

Dialektik ist, wenn der Postmann zweimal klingelt. Der Postmann besteht aus den zwei Seiten einer Medaille und ist zusammengenommen dein altes Ego. Wie die zwei Backen, die den Arsch bilden. Zwischen den Seiten das Vakuum, das Nichts. Insofern ist der Hintern eine wunderbare Metpaher für das dialektische Prinzip: zwei antagonistische Seiten und dazwischen ein Arschloch.

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publiziert am 17.07.15 in Thibaud ¦ 755x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (39)

Ist den ganzen Tag unterwegs. Dreht Schleifen ums Samaritaine. Hat die Mamiya dabei und das Stativ und versucht Panoramaaufnahmen von den Brücken, von Notre Dame, von den Ufern. In den Boul’Mich hinein, auch im Jardin du Luxembourg. Nimmt hier ein Taxi, lässt sich irgendwo hin bringen, kehrt wieder zurück an den Pont Neuf. Hoch ins Café, aber Makeda ist nicht da. „Hat heute vormittag frei“, sagt die Kollegin mit der Kinderstimme. Baut seine Ausrüstung draußen auf der Terrasse auf und fotografiert über die Dächer des Quartier Latin hinweg. Verschießt sieben, acht Filme. Hoch zu Sacre Coeur. Weitere Aufnahmen vom Kopf der Treppe aus. Es ist schwül, die Luft milchig. Hat sein Jackett längst abgelegt. Schwitzt in seinen Stiefeln. Kauft Turnschuhe im Kaufhaus. Dann ins Hotel. Die Nikon mit dem starken Tele. Zieht sich um: die alte Jeans und dieses quergestreifte T-Shirt. Jetzt ist es zwei, und er läuft zum Samaritaine. Makeda müsste jetzt da sein, ihr Schicht beginnt. Aber die freundliche Thekenverkäuferin sieht ihn amüsiert an und teilt ihm mit: „Hat sich krankgemeldet, die liebe Kollegin.“ Ob sie denn wisse, wo Makeda wohnt. „Ach, im Abessinierviertel, oben im Goutte d’Or.“ Ja, das wisse er schon, habe aber keine Adresse. » ganz lesen

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publiziert am 17.07.15 in Oder nie ¦ 809x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (38)

Peter nimmt sich frei. Müht sich mit einem Brief an Karin ab. Auf Briefpapier des Hotels mit einem Füllfederhalter, den er auf dem Flomarkt gekauft hat. Hat Ya gebeten, ein paar Polaroids von sich zu machen. Die legt er bei, damit seine Frau weiß, wie er jetzt aussieht. Hat zum letzten Mal im April geschrieben und versucht einen Bericht. Über die Arbeit am Großmarkt. Über den Auftrag. Über seinen Umzug. Über das, was noch kommt. Zum Schluss schreibt er die üblichen Fragen auf: Wie es ihr geht, wie es dem Kind geht, ob sonst alles in Ordnung ist. Dann noch „Ich vermiss dich“ und „Ich hab dich lieb“. Den Brief bringt er zur Hauptpost an der Rue du Louvre. Dort lässt er Karin zudem 1200 Franc telegrafisch anweisen. Denn seit seinen ersten großen Einkäufen hat er kaum Geld ausgegeben, weil er ja im Hotel wohnt und frühstückt und mit Ya durch die Stadt fährt und so nur noch die Kosten für das Abendessen bei Claude oder einen Kaffee hier und da hat. Immer noch sind dann 1000 Franc übrig, und übermorgen bekommt er schon die zweite Rate des Honorars. Unterwegs zum Postamt trifft er überall auf die Hinterlassenschaften der Zuschauermassen, die am Sonntag die letzte Etappe der Tour verfolgt haben: Tricolore-Fähnchen aus Papier, meistens zerrissen, Pappbecher mit Weinresten, Tüten mit angebissenen Sandwiches, Konfetti, luftleere Ballons und allerlei Werbekram. Auch die Absperrgitter sind noch da; an den Straßenecken zusammengerückt. » ganz lesen

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publiziert am 15.07.15 in Oder nie ¦ 601x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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