Die Seite 28

Oder nie (17)

Es hat eine Zeit gedauert bis Peter aus Minh Chau so richtig schlau geworden ist. Sie unterhalten sich inzwischen auf Französisch. Er hat in de fremden Sprache viel weniger Schwierigkeiten mit der Wortfindung als wenn er Deutsch spricht. Als er acht war, ist einer Lehrerin seine Behinderung aufgefallen. „Ihr Sohn ist sehr still, Frau Blascyk“, hatte sie der Mutter gesagt, „und wenn er was sagt, dann kann man ihn manchmal kaum verstehen.“ Peters Mutter hatte dann erklärt, dass der Junge zuhause auch kaum redete und sich oft mit den Wörtern verhaspelte. „Wir sollen sehen“, hatte die Pädagogin angemerkt, „wie sich das im zweiten Halbjahr entwickelt und dann eventuell fachmännischen Rat einholen.“ Er war dann in logopädische Therapie bei Frau Dr. Zeisig gekommen, einer gelernten Buchhändlerin, der das Wort an sich am Herzen lag – ob geschrieben und gedruckt oder gesprochen oder gesungen. In den Stunden saß sie Peter meist mit geschlossenen Augen gegenüber und führte ihm die Übungen vor: „A, o, u, i, i, o, a, u. Bsss, bsss. Trrr, trrr.“ Aber die Laute zu bilden, damit hatte er keine Probleme. Wenn er einen Satz dachte, dann kam der eben nicht einfach heraus aus seinem Mund, sondern etwas andere, etwas ähnliches, etwas, das sich annähernd so anhörte wie das, was er meinte. » ganz lesen

publiziert am 02.06.15 in Oder nie ¦ 502x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (16)

Jeden Tag belichtet Peter zwei bis drei Filme. Die Ausbeute sammelt sich unter seinem Bett in einem Schuhkarton. Es wird Zeit, Zugang zu einem Labor zu bekommen, um wenigstens die Negative entwickeln zu können. Außerdem hat er sich auf Giselles Rat zu einem Intensivkurs Französisch im Institute Francaise angemeldet und geht nun an drei Tagen der Woche jeweils vier volle Stunden zur Sprachschule. „Du musst doch die Sprache können, sonst kannst du dich ja gar nicht verständlich machen“, hatte seine Freundin gesagt. Er hatte das nicht kommentiert, aber gedacht, dass er sich auf Deutsch auch nicht wirklich verständlich machen kann. Ihm scheint es wichtig, Französisch zu können, um die Gesprächsfetzen zu verstehen, die er ständig aufnimmt auf den Straßen, in der Metro und in den Bistros. Zwölf Personen sind sie im Kurs, der im obersten Stockwerk eines gesichtslosen Hauses in einem öden Viertel südlich des Montparnasse stattfindet. Die Lehrerin heißt Mallorie Krugelheim, eine Elsässerin, die darauf besteht, dass ihr Name „Krügellem“ ausgesprochen wird. Streng ist die kaum einssechzig große Frau, die immer Grau trägt. Passend zu ihrer straffen Frisur. Dazu Herrenschuhe mit dicken Sohlen. Peter ist der einzige Deutsche, kann sich also darauf verlassen, dass Madame Krügellem ihn versteht, wenn er etwas in seiner Muttersprache sagt. Außerdem versteht sie nach eigenem Bekunden auch noch Englisch, Spanisch und Italienisch. » ganz lesen

publiziert am 31.05.15 in Oder nie ¦ 547x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (15)

Zehn Tage ist Peter jetzt in der Stadt. Dabei ist schon ein wenig Routine entstanden, hat er Gewohnheiten entwickelt. Nach dem Aufstehen geht er runter in Giselles Wohnung. Die ist dann schon weg zur Arbeit. Er duscht und frühstückt. Manchmal hat seine Gastgebern frische Croissants geholt, manchmal nicht. Je nachdem trinkt er nur einen Kaffee und geht dann später bei Claude, um dort etwas zu essen. Dann macht er sich auf den Weg. An der Wand in seinem Zimmer hängt jetzt ein großer Stadtplan, und er markiert die Viertel und Stellen, die er schon besucht hat. Außerdem hat er ein Schreibeft angeschafft, in dem er jeden Tag notiert, wo er war, was er getan und ob er auch fotografiert hat. In der Nacht von Freitag auf Samstag ist Giselle mitten in der Nacht zu ihm gekommen und zu ihm ins Bett gekrochen. „Bin so einsam“, hat sie gesagt, und er hat Platz für sie gemacht. Sie hat sich an ihn geschmiegt und beide sind sofort eingeschlafen. Morgens war sie schon fort, und übers Wochenende sah Peter sie gar nicht. » ganz lesen

publiziert am 29.05.15 in Oder nie ¦ 533x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (14)

Dann hatte er sich an dem Tag, dem man ihm per Brief mitgeteilt hatte, an der Kunstakademie eingefunden. Peter erinnert sich noch genau wie er vor dem Portal, hoch aufragend, wie eine Kathedrale, wie ein Tempel. Wie er die schwere Tür aus Eisen mit kleinen Glasscheiben aufdrückt und im Vorraum steht. Der Geruch nach Terpentin und alten Lumpen. Hall von Gesprächen von weit hinten. Weiß und grau, und alles im Hochformat oder quadratisch. Wie er die Praktika auspackt und sein allererstes Foto in der Akademie macht, dem Hunderte folgen werden. Dass der Empfang im Sekretariat eher nüchtern aus fiel, wo er doch beinahe ein Ritual wie bei einer Priesterweihe erwartet hat oder bei der Aufnahme neuer Mönche in ein buddhistisches Kloster. Statt dessen händigte ihm die schweigsame Dame sein Studienbuch aus, den Enpfang musste er quittieren. Dann nimmt er sich ein Vorlesungsverzeichnis vom Tresen und geht wieder. Vorher war er vielleicht drei- oder viermal in Düsseldorf. Einmal beim Schulausflug in die Landeshauptstadt. Den Landtag hatten sie besichtigt, ein rechteckiger Bau an einem Weiher, nicht sehr hübsch. Wie er überhaupt enttäuscht war, denn er hatte eine strahlende Metropole erwartet, einen bedeutenden Ort, wo die Geschicke seines Bundeslandes gelenkt werden. Aber beim Gang durch die Altstadt an einem grauen Vormittag kam ihm Düssedorf eher vor wie eine Kleinstadt. Erst der mächtige Strom jenseits der stark befahrenen Bundesstraße, der schien zur Bedeutung der Stadt zu passen. » ganz lesen

publiziert am 27.05.15 in Oder nie ¦ 511x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (13)

Peter liegt auf dem Bett in der kleinen Dachkammer und versucht nachzudenken. Immer wieder verliert er das Ziel aus den Augen. Wenn sein Aufenthalt in Paris überhaupt ein Ziel hat. Tourist will er nicht sein, der die Sehenswürdigkeiten abklappert, Einheimischer kann er nicht sein. Was er in der Stadt überhaupt sein kann, das ist ihm nicht klar. Es ist später Nachmittag, und der Himmel ist schon beinahe schwarz hinter den dichten Wolken. Es klopft: „Kann ich reinkommen?“ fragt Giselle und steht auch schon mitten im Zimmer. „Na, wie war dein Tag? Ordentlich rumgekommen? Viel gesehen?“ Er richtet sich auf: „Sehe immer viel.“ Wenn sie einen Bericht von ihm erwartet, dann wird er sie enttäuschen müssen. So wie Karin immer enttäuscht ist, wenn er mit den Kameras unterwegs war, manchmal zwei, drei Tage lang, und sie nach seiner Rückkehr hören möchte, was ihm alles passiert ist. Und er dann nur sagt: „Warte bis ich die Abzüge habe.“ Weil er aber an diesem Tag nichts fotografiert hat, kann er Giselle so nicht vertrösten. Sie hat die Tür hinter sich geschlossen und lehnt am Türrahmen. „Und morgen?“ Peter zuckt mit den Schultern. „Ach, eh ich’s vergess. Olivier möchte dich bei Gelegenheit kennenlernen. War seine erste Reaktion als ich erzählte, dass du Fotograf bist.“ » ganz lesen

publiziert am 25.05.15 in Oder nie ¦ 451x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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