Die Seite 50

Wieder Lügen

„Krieg ich noch’n Bier?“ Greiper steht auf. „Halt! Deine Olle geht.“ Also macht sich Elle auf den Weg in die Küche. Trifonov hat sich auch erhoben, macht ein paar schwerfällige Schritte auf die Terrassentür zu und sagt: „Regnet wie blöde.“ Robert fixiert aus irgendeinem Grund das gelbe Spiralkabel, das angeblich den Sprengstoffgürtel mit dem Zünder verbindet. Das freie Ende steckt in der Gesäßtasche der schmuddeligen Hose Gojkos. Es sieht nicht so aus, als ob sich etwas darin befindet. Er steht auf und weiß, dass ihn der Täter in der Spiegelung der Tür beobachtet. Tritt neben ihn, kaum einen halben Meter entfernt. Beide schauen jetzt in den dunkelgrauen Himmel über der Stadt, aus dem unaufhörlich Wasser fällt. Dann knallt Elle die Bierflasche auf den Tisch und sagt: „So.“ Der vermeintliche bulgarische Frauenrächer dreht sich um, und Greiper nutzt die Gelegenheit, zieht am gelben Kabel, das aus der Hosentasche flutscht. Er hält einen mit Isolierband umwickelten, toten Draht in der Hand. Dann überschlagen sich die Ereignisse. » ganz lesen

publiziert am 01.06.12 in Völkerwanderung ¦ 842x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Hand und Fuß – Teil 5

Natürlich hatten die AMEK-Märkte in den achtzehn Jahren seit der Eröffnung der ersten Filiale in Deutschland einige Metamorphosen durchlaufen. Anfangs hatten sie das Flair von Lagerhallen. Man betrat das Gebäude durch ein Rolltor und fand sich in einer Gasse zwischen Stahlregalen wieder, die exakt so breit war, dass einer der Transportwagen mit dem größtmöglichen Paket beladen hindurch passte. Es galten strenge Verkehrsregeln, und jeder Durchgang zwischen zwei Regalen war als Einbahnstraße gekennzeichnet. An den Stirnseiten waren Tafeln angebracht, die den Inhalt einer Regalstraße auflisteten; für jedes Produkt gab es einen kryptischen Code, den man im Katalog nachschlagen musste, den man am Einlass in Empfang nahm und an der Kasse wieder abgeben musste. Beratendes Personal stand nicht zur Verfügung, nur eine Horde muskelbepackter Helfer in weißen Hosen und blaßgrünen Polohemden, die durchnummeriert waren. Diese waren angewiesen, den Kunden beim Aufladen der Kartons behilflich zu sein, mehr aber auch nicht. Entsprechend dem Zeitgeist der späten achtziger Jahre strahlten die Hallen der Charme von Industrie und Hoffnungslosigkeit aus. » ganz lesen

publiziert am 30.05.12 in Einzelteile ¦ 896x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Gojkos Monolog (2)

Wo war ich stehengelblieben? Ah ja, die Serben und die Rumänen. Wie schon gesagt, Widin ist eine Hafenstadt. Hier machen schon seit Jahrhunderten Schiffe Station auf ihrem Weg vom und zum Schwarzen Meer. Und wie in jeder Hafenstadt sind die Viertel in Donaunähe voller Spelunken und Bordelle. Bis in die dreißiger Jahres holten wir die Nutten von der rumänischen Seite. In der Walachei, so heißt die Region tatsächlich, waren die Bauernfamilien arm und verkauften die hübscheren unter den Töchtern gern für ziemlich kleines Geld. Da wir Bulgaren kein Rumänisch sprechen und die Rumänen kein Bulgarisch, musste man mit den Nutten auch nicht reden. Alles prima. Aber dann zogen drüben die Preise an, und irgendwann war es billiger, Frauen aus Serbien zu holen. Zumal wir orthodox Gläubigen uns ja mit der Unterdrückung der Frau ein bisschen leichter taten als die katholischen Rumänen. Dann kam der Krieg, und die Verhältnisse drehten sich erneut. Jetzt hatten wir die Deutschen am Hals, die in Widin den größten Offizierspuff auf dem Balkan eröffneten. Und weil die Rumänen Verbündete der Wehrmacht waren, holten sie sich vor allem Bulgarinnen in ihr Freudenhaus. » ganz lesen

publiziert am 29.05.12 in Völkerwanderung ¦ 943x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Königskinder 06

Ronny sah sich gezwungen, in einer Wohngemeinschaft Unterschlupf zu finden, während Jojo tatsächlich eine schicke Zweiraumwohnung in Godesberg fand; eine Dachgeschosswohnung in einem bestens ausgestatteten Neubau mit Terrasse und Rheinblick. Inzwischen hatte ein privater Fernsehsender bei ihm angefragt, und er bereitete das Konzept für ein Format vor, das seine frechen Straßeninterviews fürs TV umsetzen sollte. Die beiden hatten selten über Politik gesprochen, aber Ronny kannte die Einstellung seines Freundes bestens: Wer schwach war, war selbst schuld und durfte weder auf Mitleid, noch Hilfe hoffen. Der Staat, so Jojos Ansicht, solle sich aus dem Leben der Menschen heraushalten und lediglich den Rahmen setzen, also unter anderem in Form eines funktionierenden Rechtssystems. Aber auch die Juristerei verstand er äußerst darwinistisch. Gerechtigkeit war ihm unwichtig, und er betrachtete eine gerichtliche Auseinandersetzung als Kampf, den es zu gewinnen gilt, ganz gleich, was im konkreten Falle Recht oder Unrecht ist. So bewertete er selbst seinen Aufstieg in der Medienbranche samt der komfortablen Begleitumstände zu hundert Prozent als eigenen Verdienst. Und vom ersten Fernsehhonorar zahlte er eine gebrauchte Corvette an. » ganz lesen

publiziert am 22.05.12 in Einzelteile ¦ 911x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Abgereist

Natürlich war dieses erste Kriegsjahr kein schönes Jahr. Ab April 1940 fanden immer mehr Trauerfeiern von Angehörigen gefallener Soldaten im Sebastianus-Hof statt. Irgendwann gehörte die Kneipe ganz den alten Männern, weil die Jugend zur Wehrmacht eingezogen wurde. Und am 15. Mai fielen die ersten Bomben auf die Stadt. Tünn, der von allen Männern im Viertel am besten informiert war, weil er den Tag vorwiegend mit Zeitungslektüre und Rundfunkhören verbrachte, beruhigte die Gäste und seine Familie. Der Angriff habe den Stahlwerken gegolten, es habe nur sieben Verletzte und einen Toten gegeben. Aber die Zahl der Bombardierungen stieg. Immer mehr Stadtteile, auch solche ohne kriegswichtige Einrichtungen, waren betroffen. So ging das in diesem Jahr, und es nahm auch 1941 kein Ende – nur die Siegesmeldungen wurden weniger. Im Jahr 1941 hatten sich die Menschen in der Stadt mit dem Krieg arrangiert. Der Gasthof lief wieder gut, Versorgungsengpässe gab es noch nicht. » ganz lesen

publiziert am 22.05.12 in Völkerwanderung ¦ 950x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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