Die Seite 9

Adele und Wilhelm

Wenige Tage nach der Beerdigung ihres geliebten Mannes beschloss Adele, sich das Leben zu nehmen. Schon als sie ganz allein hinter dem Wagen mit der Urne ging und später als der Bestatter den Behälter in einem Loch in der Erde versenkte, war ihr der Gedanke gekommen. Wider Erwarten hatte dieser Beschluss nichts Trauriges an sich. Sie saß bei einer Tasse Tee an der offenen Terrassentür, blickte auf den Garten, den sie und Wilhelm einst angelegt und beinahe vierzig Jahre gepflegt hatten, und war heiterer Stimmung. Natürlich dachte sie ständig an ihn, so wie sie in den fast sechsundsechzig Jahren ihrer Ehe immer an ihn gedacht hatte. Immer waren sie ein schönes, aber beinahe unmögliches Paar gewesen, die sie beide im selben Jahr und im selben Monat und nur mit zwei Tagen Abstand voneinander geboren waren. Kaum drei Wochen vor Wilhelms Tod waren sie neunundachtzig Jahre geworden und hatten wie immer gemeinsam an einem Tag gefeiert. Zum ersten Mal allein, denn mit Adeles Schwester Claire war die letzte Verwandte gestorben. » ganz lesen

publiziert am 14.07.16 in Paare ¦ 311x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Antoine und Inge

Als Antoine ein Dutzend Lammkoteletts bestellte, legte ihm Inge die Hand auf den Unterarm und sah ihn mit leichter Mißbilligung an. Er lachte kurz und mit weit geöffnetem Mund, sodass man die vielen Lücken und Zahnruinen sehen konnte. Das erste Glas Wein leerte er in einem Zug. Wie immer tropfte ihm das Hammelfett aufs Hemd. Auch die Fritten aß er mit den Fingern. Seine Lebensgefährtin hatte eine kleine Portion Moussaka bestellt und stocherte im Auflauf herum. Sie machte sich Sorgen um Antoine. Sie war der Ansicht, in seinem Alter müsse man mehr auf die Gesundheit achten, nur noch in Maßen essen und sich regelmäßige Ruhepausen gönnen. Dabei war ihr Mann nicht im mindesten krank. Wie schon mit neunzehn, zwanzig stach er aus jeder Menschenmenge heraus: Sehr groß, absolut schlank mit einem wilden Haarschopf und einem kaum gestutzten Bart. Seit Jahren durchzogen graue Strähnen sein Haar, und er fand, das mache ihn noch attraktiver. Genau wie seine Narben. » ganz lesen

publiziert am 12.07.16 in Paare ¦ 276x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Monika und Bernd

Dieser Tage wachte Monika in der beginnenden Morgendämmerung auf stellte fest, dass Bernd auf dem Rücken lag und leiste schnarchte. Sie erschrak und setzte sich auf. In den mehr als 30 Jahren, in denen sie mit ihm das Bett geteilt hatte, war das noch nie geschehen. Immer schlief er auf dem Bauch. Manchmal auch auf seiner rechten Seite, den Arm lang ausgestreckt. Und geschnarcht hatte er noch nie. Monika war schockiert und wusste, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Leise stand sie auf, um sich einen Tee aufzusetzen. Gegen vier saß sie auf der Terrasse, in eine Decke gewickelt, und hörte den frühen Vögeln zu. » ganz lesen

publiziert am 11.07.16 in Paare ¦ 256x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Der Igel an den Bären

Nur weil wir beide immer den Winter verschlafen, sind wir noch lange nicht Kollegen. Und du brauchst dir auf deine Größe und deine Kraft nun wirklich nichts einzubilden. So offensiv wie du bist, so defensiv bin ich. Man sagt dir ja nach, alter Brummbär, dass dein Hirn in Relation zur Körpermasse winzig sei. Bei mir ist es umgekehrt. Deshalb hast du über alles gesehen keine Chance gegen mich. Es ist auch bekannt, dass du Gewalt für eine Lösung hältst. Das muss mit deinem kleinen Hirn zusammenhängen, denn wer gern nach vorne geht und draufhaut, hat zweifellos Angst vor der intellektuellen Auseinandersetzung, der er sich nicht gewachsen fühlt. Ich würde trotzdem nicht so weit gehen, dich dumm zu nennen. Und böse bist duch auch nicht. Du kannst an guten Tagen ziemlich nett sein. Außerdem sagen alle übereinstimmend, dass du treu wie Gold bist und deinen Freunden immer beistehst, wenn sie dich brauchen. Das gefällt mir. Aber trotzdem möchte ich nicht dein Freund, nicht einmal dein Kollege sein – wir spielen einfach in zwei ganz unterschiedlichen Ligen. So, und jetzt troll dich bevor ich meine Stacheln ausfahre.

publiziert am 27.04.16 in Thibaud ¦ 301x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Der Adler zu den Hühnern

Ich fliege nicht so hoch, sagte der Adler zu den Hühnern, weil ich mich über euch erheben will, sondern weil die Höhe mein angemessener Lebensraum ist. Natürlich wirkt es lächerlich wie ihr mit gesenkten Köpfen hin und her trippelt und auf dem Boden herum pickt. Oder hüpft und das für Fliegen haltet. Ich verachte euch nicht dafür, denn ich weiß, ich käme nicht besser weg, würde ich mich auf den Boden begeben. Sicher bin ich euch überlegen, weil ich den Überblick habe, weil ich den Horizont sehen kann und einen Blick auf die Erde einschließt, der mehr Dinge einschließt, als ihr euch vorstellen könnt. Aber das heißt nicht, dass ihr nicht auch Vögel seid wie ich, mit Feder und gelegten Eiern. Manchmal bewundere ich euch für eure große Friedfertigkeit und bin neidisch, dass ihr nicht töten müsst um zu überleben. Aber so ist es eben. Selbst wenn ich wollte könnte ich euch nicht das Fliegen beibringen, ihr seid dafür nicht geschaffen. Und ich kann nicht werden wie ihr, weil ich von Körnern allein nicht leben könnte. Also hört auf schlecht über mich zu denken, euch gegenseitig zu versichern, wie arrogant und überheblich ich sei, dass ich einfach immer weit über euren Köpfen am Himmel kreise als sei ich etwas Besseres. Lasst mich einfach in Ruhe so wie ich euch in Ruhe lasse.

publiziert am 24.04.16 in Thibaud ¦ 277x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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