Die Seite 9
“Hör mal, Jung, ich sach dir watt”, begann Walter Hinz und leerte das Bierglas mit zwei Schlucken bis zur Hälfte, “ich bin Aufklärer. Nich was du denkst. Hab ich gelernt. In der Wehrmacht. Feindaufklärer.” Der alte Mann knetete den erkalteten Zigarrenstummeln zwischen Daumen und Zeigefinger, und Hauptkommissar Greiper sah, dass er das wohl regelmäßig tat, denn die Haut dort war fast schwarz vom Teer. “Ich seh alles, ich weiß alles, aber ich sach nicht alles.” Greiper ließ ihn reden. “In der Nacht als es gerummst hat, weißte, da hab ich so gegen halb vier noch mal die Straße observiert.” Er blickte weiter geradeaus über den Tresen auf das Regal mit den Spirituosen. Trank das Glas leer. Branko stellte zwei frische Alt vor die beiden Männer hin. Die Kneipe war leer bis auf Greiper und Hinz und den Örtzel, der hier sein kostenloses Mittagessen genoß. “Glaubste nicht, aber ich war in Stalingrad. Bin mit nem Kameraden auf diesen Turm ab Hafen geklettert. Von da haben wir alles gesehen und alle zwei Stunden Bericht gemacht. Übers Feldtelefon. Direkt an General Paulus. Auch’n Schnaps?” Greiper schüttelte den Kopf. » ganz lesen
In der Nacht war ein Ascheregen über der Stadt niedergegangen. Als Robert gegen acht auf die Terrasse tratm hinterließen seine nackten Füße deutliche Spuren in der graumelierten Schicht. Die Kastanien auf der Straße sahen aus wie gepudert, die üblichen Geräusche erklangen gedämpft wie an Schneetagen. Er rief sofort Elle an. Ja, bei ihr am Hausboot sei es so schlimm gewesen, dass die Feuerwehr sie evakuiert habe. Ob sie wisse, was passiert sei. Ja, sagte sie, man habe ihr erzählt, der Hauptfilter an einem der Kraftwerksschlote sei explodiert. Die ganze dort gelagerte Asche sei dadurch in die Luft geschleudert worden. Sie selbst habe so fest geschlafen, dass sie keinen Knall gehört hätte. Aber, wandte Robert ein, das Hausboot läge doch kaum 200 Meter von diesem Block entfernt. Trotzdem, sagte Elle. » ganz lesen
Keiner weiß was über ihn, aber er wiß viel über die Leute. Jeden Tag schiebt der kleine Mann, so breit wie hoch, seinen Rollstuhl durch die Gegend. Oft redet mir sich selbst mit dieser hellen Kinderstimme, die zur Nervensäge wird, wenn er die Laustärke höher stellt, um jemanden anzusprechen. Schrill ist das, und der unbestimmte Akzent, vielleicht fränkisch, macht es schwer, ihn zu verstehen. Ein paar ungekämmte, grauweiße Fusseln auf dem Kopf, wasserblaue Augen, die hervortreten. Den Örtzel nennen sie ihn, und niemand hat eine Ahnung, wie der dicke Kerl, der hinten in dem neuen Sozialbauhaus wohnt, zu diesem Spitznamen gekommen ist. Manche halten ihn für schwachsinnig, vielleicht auch schon dement, wobei schwer zu schätze ist, wie alt er sein mag. In den letzten Jahren ging es stetig bergab mit ihm. Greiper erinnert sich noch an die Zeit, als der Örtzel vom einen auf den anderen Fuß wankend durchs Viertel geschlichen ist. Dann marschierte er einige Zeit mit Unterstützung einer Krücke herum, die eher symbolische Bedeutung hatte. Als er zwei Gehhilfen benutzen musste, hatte der Örtzel ein Problem mit seinem Gepäck, das aus einer Reihe Jutebeutel und einer antiken Airline-Umhängetasche bestand. » ganz lesen
Ja, beide Leichen seien weiblich, hatte Ulf gesagt, das hätten die Untersuchungen von Dr. Dropheide ergeben. Warum ihm das der Doktor nicht selbst berichtete, fragte Greiper und wusste im selben Moment, dass der Mann, den sie Laborratte nannten, der falsche Ansprechpartner war. Er bekam ohnhein keine Antwort und ließ sich die Details nennen. Obwohl die Körper massiv verkohlt waren, konnte zweifelsfrei festgestellt werden, dass es sich um zwei Frauen im Alter zwischen 20 und 30 gehandelt hatte, vermutlich von heller Hautfarbe und mit hoher Wahrscheinlichkeit schwarzhaarig oder brünett. Über Größe und Gewicht konnten auf Grund des Zustands nur Schätzungen abgegeben werden – beide seien wohl mittelgroß und eher schlank gewesen. Eine habe eine Metallplatte im rechte Bein gehabt, hatte also vor nicht langer Zeit einen Beinbruch erlitten. Bei der andere war ein Verhütungsspirale gefunden worden, und es sprachen einige Indizien dafür, dass beide Frauen wenige Stunden vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr gehabt hätten. Zumindest die eine Dame sei schon vor dem Verbrennen tot gewesen, ein diagnostizierter Schädelbruch unterstützte diese These. » ganz lesen
Den Mann erkannten alle im Viertel auf große Entfernung. Ohne einen Stumpen im Mund ging Walter Hinz nicht vor die Tür. Und wo er gegangen war und gestanden hatte, da lag noch Minuten später der Geruch in der Luft, den die meisten Gestank nannten. Aus seiner Wohnung hatte man ihn rauswerfen wollen, weil das ganze Haus nach dem schlechten Tabaksqualm roch. Aber Walter wusste sich zu wehren. Denn Walter wusste eine Menge über andere Leute. Das lag vielleicht daran, dass seine Hauptbeschäftigung darin bestand, Leute zu beobachten. Hinter den gelblichen Gardinen seiner Wohung im dritten Stock eines unscheinbaren Altbaus schräg gegenüber der Bar hatte er eine Teleskop auf einem Stativ, das er bisweilen gegen ein Nachtsichtgerät austauschte. Im Umgang mit Ferngläsern war er geübt. Darin hatte man ihn 1943 ausgebildet. Späher war er gewesen. Zuletzt auf einem Vorposten, rundf zwazig Kilometer östlich der Stadt, wo später die NATO eine Raketenstation errichtet hatte. Den Winter 44/46 hatte er fast ganz allein verbracht in der getarnten Hütte und den Nachthimmel beobachtet. Dreimal hatte er Bomberschwärme so frühzeitig entdeckt, dass er den Luftschutz der Stadt rechtzeitig warnen konnte. Einen Orden hatte man ihm verliehen. » ganz lesen
