Notnagel

Sie hat die Decke mit dem Rankenmuster aufgelegt. Dazu das passende Platzdeckchen aus hellem Bast. Eine gelbe Rose in der schlanken Vase. Zwei weiße Kerzen in den silbernen Leuchtern. In dieser Woche ist das schlichte weiße Geschirr dran. Wie immer hat Almut drei Scheiben vom gesunden Brot mit der Maschine geschnitten und ins Körbchen gelegt. Zwei davon wird sie essen. Mit Messer und Gabel. Gerade hat sie sich hingesetzt und einen Schluck vom Hagebuttentee genommen. Sie hat sich Kräuterquark zurechtgemacht und Radieschen. Das Radio spielteStreichquartette von Brahms, und sie ist ganz allein. Ja, sagte sie den wenigen Bekannten und Verwandten auf Nachfrage, ich bin gern allein. Muss ich auf niemanden Rücksicht nehmen, kann machen, was ich will. Meistens geht es ihr auch gut, da istsie nicht einsam, nur allein.

In der Nachbarschaft nennt man sie die alte Jungfer. Das weiß sie, und es macht ihr auch nichts aus, weil es ja nicht stimmt. Mit ihren dreiundsechzig Jahren fühlt sie sich überhaupt noch nicht alt. Und eine Jungfrau ist sie ja nun beileibe nicht. Ein paar Bekannte nennen es einen Fehler, dass sie sich mit sechzig hat pensionieren lassen nach über dreißg Dienstjahren als Schulsekrtärin am Konrad-Adenauer-Gymnasium. Sie hat da gern gearbeitet. Fels in der Brandung nannte Direktor Dr. Lindt sie immer. Denn ganz gleich, welcher Trubel im Sekretariat um sie herum tobte, wie die Schüler lärmten und die Studienräte nervten, Almut blieb ruhig und löste die Aufgaben sorgfältig und hielt auf Distanz. Bis zu dessen Tod hatte sie fast zwanzig Jahre lang ein Verhältnis mit Dr. Lindt, den alle für einen eingefleischten Junggesellen hielten. Der schlecht sitzende Anzüge trug und geschmacklose Krawatten, in Sandalen in die Schule kam und nachlässig rasiert. Sie passten äußerlich kein bisschen zueinander, waren aber Seelengeschwister, so sah sie das. Außerdem war da der Sex. Dieter war erst der dritte Mann, mit dem sie geschlafen hatte. Und er machte es genau richtig.

Almut zieht die erdfarbene Strickjacke enger um die Schulter und trinkt die Tasse leer. Der Herbst wurde in diesen Tagen zum Winter, und die Heizung im Appartmenthaus, in dem sie nun auch schon fast zwanzig Jahre wohnt, ist noch nicht angelaufen. Natürlich hat sie es auch mit dem Zusammenleben probiert. Damals in den wilden Jahren in einer Wohngemeinschaft. Kein Jahr hatte sie das ausgehalten, den ständigen Krach, den Schmutz, die unordentlichen Verhältnisse der Bewohner untereinander. Außerdem hatten die anderen sich hinter ihrem Rücken über sie lustig gemacht, wenn sie vom Dienst nachhause kam, im konservativen Kostüm, die Haare zum Dutt aufgesteckt, eine große Brille. Karrierefrau, hatten die gesagt. Dabei konnte sie auch ganz locker sein. Trug dann Jeans und buntfarbige Bluse, manchmal ließ sie sogar die Haare offen im Wind flattern. Zieh dich doch mal sexy an, hatte der eine Typ, dessen Namen sie vergessen hat, gesagt, du hast doch eine klasse Figur. Eigentlich entsprach sie sogar dem damaligen Schönheitsideal: Recht groß, sehr schlank, nicht zu große Brüste, schmale Hüften, naturblond mit ausdrucksstarken Augen.

Schlank ist sie immer noch, eher zu dünn, hager nennt sie selbst diesen Zustand. Das viele Sitzen im Beruf hat ihren Rücken leicht gebeugt. Sport hat sie nie betrieben, kann nicht radfahren und nicht schwimmen. Dann hatte sie mit einer Freundin eine gemeinsame Wohnung. Die wollte sie immer mitnehmen. Komm mit nach draußen, du verblödest doch hier drin. Elke hieß die Mitbewohnerin, eine burschikose Person, die ständig verabredet war, auf Feten ging, in einem Sportverein war. Keinen Sinn für Ördnung und Sauberkeit hatte die, schon gar nicht für Ästhetik. Warf ihr verschwitztes Turnzeug einfach vor die Waschmaschine. Nach vierzehn Monaten warf Almut sie raus. Ein paar Jahre später kaufte sie ihre Eigentumswohnung.

Sie sitzt jetzt da und ist unglücklich. Immer wenn sie an früher denkt, ist sie unglücklich. Als ob es früher besser war. Ihr wird nie klar, was von dem, was früher war, sie vermisst. Sie wünscht sich einfach ein bisschen warmes Leben um sich herum. Manchmal, nicht immer. Hat ja auch schon die Anbahnungsseiten im Internet ausprobiert. Da war Wilhelm, ein fröhlicher Mann von weit über siebzig, der ständig Witze riss, der sie dauernd anfassen wollte, der sie umarmte, als wolle er ihr die Rippen brechen. Mit dem hätte sie ins Bett gehen wollen, aber als die Situation dann so weit war in dieser Maiennacht in ihrem Appartement, als sie voreinander standen und sich küssten, da schob er sie auf Armeslänge von sich und sagte: Ich kann nicht, das Thema ist durch bei mir. Oder Jürgen, ein langer Kerl mit Pferdegesicht, der ständig Cordanzüge trug, ein melancholischer Typ, mit dem sie ans Meer fuhr. Hatten sich ein Kabrio gemietet, und er lenkte, denn Almut hat keinen Führerschein. Sie bestand im Hotel auf Einzelzimmer, und nachdem sie das an der Rezeption kundgetan hatte, sprach Jürgen kein Wort mehr mit ihr. Mit Jorge, dem spanischen Bäcker, hatte sie das getan, was man früher Petting nannte. Aber der roch nicht gut. Und nachdem sie fast zwei Jahre lang alle paar Wochen einen anderen Mann kennengelernt hatte, wurde ihr das alles zu viel und sie stellte die Suche nach einem Partner ein.

Eine Kollegin hatte ihr zu einem Hund geraten als Begleiter in der Zeit als Pensionärin. Obwohl Almut sich für sehr tierlieb hält, konnte sie sich bisher nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass ein Lebewesen mit Fell dauernd in ihrer Wohnung wäre. Vielleicht ein Wellensittich, denkt sie manchmal, mit dem kann man reden. Die Eltern hatten immer Katzen, das heißt: durch die Gärten der Reihenhaussiedlung streunten Katzen, die niemandem gehörten. Bei welcher Familie am häufigsten etwas zum Fressen an der Gartentür lag, der wurden sie zugeordnet. Tante Lisbeth, die bei ihnen wohnte, die Schwester der Mutter, fütterte die Katzen. Obwohl es die Schwester es ihr verboten hatte. Almut sah den Katzen gern zu, mochte sie aber nicht anfassen. Und weil es hieß, Lisbeth sei geistig behindert, verband sie die Liebe zu Katzen immer mit dem psychisch Gestörten, dem Abseitigen.

Jetzt hat sie den Abendbrottisch abgedeckt, abgewaschen und die Küche aufgeräumt. Sitzt in ihrem Lesesessel mit dem aufgeschlagenen Buch auf dem Schoss. Dr. Faustus von Thomas Mann, zum vierten oder fünften Mal liest sie den großen Roman. Aber in diesem Moment denkt sie an Herr und Hund und überlegt: Vielleicht sollte sie doch mal ins Tierheim fahren und nach einem Hund Ausschau halten. Dann verwirft sie den Gedanken wieder; wäre ja ohnehin nur ein Notnagel, das Tier, das sie ins Haus holen würde.

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publiziert am 12.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 898x gelesen ¦ noch kein Kommentar