Oder nie (12)

Giselle hat ihm einen Zettel geschrieben, Bedienungsanleitung für die Espressokanne auf dem Gasherd. Dazu einen Gruß und den Abdruck ihres Kussmundes. Frische Croissants stehen auf dem Frühstückstisch. Über Nacht ist das Wetter umgeschlagen. Über den grauen Himmel segeln milchige Wolken im starken Wind. Das alte Fenster klappert ein bisschen, und es ist kalt in der Wohnung. Jetzt fehlt ihm sein Parka, und Peter überlegt, zum Flohmarkt zu fahren, um seine wetterfeste Jacke zurück zu kaufen. Aber dann denkt er, dass ein regendichter, halblanger Mantel wie ihn die Männer hier tragen, besser passt und er ohnehin das Kaufhaus Samaritaine besichtigen wollte. Routiniert kauft er ein Tages-Carnet und fährt Richtung Opera. Es ist ziemlich kühl, aber trocken. Er geht zu Fuß in Richtung Louvre, dann ein Stück die Rue de Rivoli entlang, um dann zum Pont Neuf abzubiegen. Er streift die Sehenswürdigkeiten nur mit kurzen Blicken, will die noch gar nicht sehen, sich nicht ablenken lassen. Heute ist Paris farblos und unfreundlich. Kaum Touristen unterwegs, stetig fließender Autoverkehr. Viele mürrische Gesichter, viele, die beim Gehen zu Boden blicken. Polizisten, die sich in Hauseingängen vor dem kalten Wind schützen. La Samaritaine ist eine Kathedrale voller Waren. Niemand, der sonst im Kaufhof oder bei Karstadt kaufen geht, würde diesen Palast ein Warenhaus nennen. An jeder Auslage eine Verkäuferin. Dazu junge Frauen in dunkelgrauen Kitteln mit weißen Schürzen und Häubchen, die den Damen die Einkaufstüten nachtragen oder Gekauftes einsammeln und zur Zentralkasse bringen. Aus dem Erdgeschoss kann man in der Mitte durch alle Etagen sehen bis zu einem gewaltigen Glasdach.

Die Stockwerke sind mit Jugendstilgeländern gesichert, es gibt eine altmodische Rolltreppe, die aber nur aufwärts fährt. Und je einen Aufzug an den Enden der weitläufigen Verkaufsfläche. Er erreicht die Herrenabteilung, wo vor allem Männer im besten Alter, gekleidet wie Mitglieder des Adels, beratend zur Verfügung stehe. Kaum hat er die Mäntel entdeckt, steht auch schon ein Verkäufer neben ihm. Spricht ihn an. Peter macht eine entschuldigende Geste, und der Berater sagt: “You speak english? Sprechen sie deutsch? Parli italiano? Vy govorite po-russki?” – “Ja”, sagt Peter und wird in fast akzentfreiem Deutsch gefragt, wie man ihm behilflich sein könnte. Er suche eine Mantel, sagt Peter, einen wetterfesten, und schon hält ihm der Verkäufer zwei, drei passende Stücke hin: ein einfacher, sehr heller Mantel mit rundem Kragen, ein ähnliches Teil in Dunkelblau und einen klassischen Trenchcoat. Peter deutet auf den dunklen Mantel, und der Herr hilft ihm hinein. Sieht richtig aus, denkt Peter. Passt prima. “Was kostet?” fragt er und hört eine Zahl, die ungefähr die Hälfte seiner Reisekasse darstellt. “Überleg nochmal. Danke.” Der Verkäufer deutet eine Verbeugung an und schaut durch seinen Kunden hindurch.

Ganz oben ist das berühmte Café, das mit der Aussichtsterrasse, die jetzt menschenleer ist. In der Mitte des Raums davor steht ein Quadrat aus Theken, hinter denen fünf junge Frauen Dienst tun. “Self-service” steht auf dezenten Schildern, die über der Verkaufsinsel hängen. Und dann sieht Peter ein Gesicht. Er muss sie anstarren, diese Frau, dieses Wesen, dieses schönste, ja, Antlitz, das er je gesehen hat. So ebenmäßig, milchschokoladenbraune, glatte Haut, die über den Wangenknochen schimmert. Perfekt geschnittene, sehr dunkle Augen und dazu passend, fein geschwungene Augenbrauen. Ein paar Lippen, das ihn an die Maske der Nofretete erinnert. Er will dieses Gesicht fotografieren. Es fehlt nur das richtige Licht. Er will ein formatfüllendes Porträt. Die junge Frau könnte ihr Haar auch weiter so streng tragen unter dem weißen Häubchen. Jetzt merkt sie, dass Peter sie anstarrt und verzieht den Mund zu einem Lächeln, das ihn völlig wehrlos macht. “Du bist so schön”, sagt er auf deutsch. Und sie antwortet: “Pardon?” Er kriegt die Kurve und bestellt einen großen Milchkaffee. Sie dreht sich zu den Kaffeemaschinen in der Mitte der Thekeninsel, und für einen kurzen Moment sieht er ihr Profil, das sich sofort einbrennt wie das Licht in ein Stück Film. “Sprechen Sie deutsch? Do you speak english?” fragt er, als sie ihm seine Tasse bringt. “Yes, a little”, antwortet sie. “Where you from?” sagt Peter. “Ah, Montpellier”, sagt sie, “parents are from Ethopia.” Sie lächelt still und schaut ihn unbewegt an.

Peter muss sich abwenden, um wieder zu sich zu kommen. Er zahlt, vergisst das Trinkgeld aufzuschlagen und trägt seinen Kaffee hinaus auf die Aussichtsplattform. Da gibt es Stehtische. Der Blick reicht von Notre Dame ganz in der Nähe über den Tour de Montparnasse im Süden bis zum Eiffelturm ganz rechts. Und hinab auf die Seine und die Insel im Fluss, das andere Ufer mit dem Quartier Latin, der Sorbonne und dem Jardin du Luxembourg. Der Kaffee wird kalt, seine Hände frieren ein, und als er wieder hineinkommt, ist die schöne Äthiopierin nicht mehr da. Peter weiß, er wird noch öfter hierher kommen und es vielleicht schaffen, diese schönste aller Frauen zu ein paar Fotos zu überreden.

Dann ist er wieder auf der Straße, überquert den Pont Neuf und landet im Gewirr der schmalen Gassen diesseits des Boulevard St. Michel. An der Rue Danton stößt er auf einen Laden mit Gebrauchtklamotten, eine staubige, dunkle Höhle, die unbewohnt scheint. Bis sich eine große Gestalt aus den Schatten zwischen den Kleiderstangen löst, ein Mann mit langen dünnen Armen und einem knochigen Gesicht, der nach ihm greift. Peter tritt einen Schritt zurück und sieht genau von dieser Position aus einen dunkelbeigen Trenchcoat in Griffnähe. Er zeigt darauf, und das Wesen nimmt den Mantel mit spitzen Fingern vom Bügel, um ihn seinem Kunden zu reichen. Der Trenchcoat passt bestens. “Combien?” fragt Peter und verwendet eines der wenigen französischen Wörter, die er beherrscht. Der Verkäufer, die immer noch schweigt, zieht einen Schreibblock und einen Kugelschreiber aus der Tasche seines dunkelgrünen Jacketts und schreibt “100”. Peter nickt, holt die passenden Banknoten aus dem Portemonnaie und zahlt. Jetzt hat er genau das Kleidungsstück, das ihm noch gefehlt hat.

So schwimmt er mit im Strom der Passanten, den Boul’Mich auf der einen Seite herunter bis zum Park, dann auf der anderen Seite wieder hinauf. Kein Haus ohne Ladengeschäft oder Café oder Restaurant, zwei Kinos. Dann wechselt er in die Parallelstraße und geht runter bis zur Rue Gay-Lussac. Wie ein Segler auf dem Meer vor einem Hafen kreuzt er durchs Viertel, erkennt manches am Namen, wird vom Pantheon überrascht, übersieht beinahe das Portal der berühmtesten aller Universitäten. Erkennt die Ecken, an denen die Studenten im Mai 68 von den Spezialpolizisten zusammengeknüppelt wurden, aber auch Stellen, die er meint aus alten Filmen zu kennen. Geht und geht bis ihm etwas eingibt, umzukehren oder die Richtung zu wechseln und landet immer wieder an den Gittern zum Jardin du Luxembourg. Läuft sich fast die Füße wund und hat mittags um eins, nach fast drei Stunden, einfach nur Hunger. Kehrt ein in einem einfachen Bistro, das so heißt wie die Straße, an der es liegt. Und bestellt ein Bier pression zur Plat du jour. Der Kellner behandelt ihn eher gleichgültig, die Atmosphäre ist freundlich, das Dutzend Gäste isst und schweigt dabei. Peter hat das Gefühl dazu zu gehören.

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publiziert am 21.05.15 in Oder nie ¦ 853x gelesen ¦ noch kein Kommentar