Oder nie (16)

Jeden Tag belichtet Peter zwei bis drei Filme. Die Ausbeute sammelt sich unter seinem Bett in einem Schuhkarton. Es wird Zeit, Zugang zu einem Labor zu bekommen, um wenigstens die Negative entwickeln zu können. Außerdem hat er sich auf Giselles Rat zu einem Intensivkurs Französisch im Institute Francaise angemeldet und geht nun an drei Tagen der Woche jeweils vier volle Stunden zur Sprachschule. “Du musst doch die Sprache können, sonst kannst du dich ja gar nicht verständlich machen”, hatte seine Freundin gesagt. Er hatte das nicht kommentiert, aber gedacht, dass er sich auf Deutsch auch nicht wirklich verständlich machen kann. Ihm scheint es wichtig, Französisch zu können, um die Gesprächsfetzen zu verstehen, die er ständig aufnimmt auf den Straßen, in der Metro und in den Bistros. Zwölf Personen sind sie im Kurs, der im obersten Stockwerk eines gesichtslosen Hauses in einem öden Viertel südlich des Montparnasse stattfindet. Die Lehrerin heißt Mallorie Krugelheim, eine Elsässerin, die darauf besteht, dass ihr Name “Krügellem” ausgesprochen wird. Streng ist die kaum einssechzig große Frau, die immer Grau trägt. Passend zu ihrer straffen Frisur. Dazu Herrenschuhe mit dicken Sohlen. Peter ist der einzige Deutsche, kann sich also darauf verlassen, dass Madame Krügellem ihn versteht, wenn er etwas in seiner Muttersprache sagt. Außerdem versteht sie nach eigenem Bekunden auch noch Englisch, Spanisch und Italienisch.

Acht Frauen nehmen teil und vier Männer. Peter hat sich am ersten Abend ohne besondere Absicht neben eine recht junge Asiatin gesetzt. Dann haben sie ihre Namen auf Pappschilder geschrieben und vor sich aufs Pult gestellt. Minh Chau heißt seine Tischnachbarin. Beim Rausgehen nach dem anstrengenden Unterricht fragt er sie auf Englisch, wo sie herkommt. “Vietnam”, antwortet die junge Frau, die er auf höchstens achtzehn schätzt. Er hat noch nie jemanden aus Vietnam kennengelernt. Überhaupt gibt es in Dortmund kaum Asiaten. Ihm fällt nur Ang ein, der eine Pommesbude jenseits der B1 betreibt. Da sind sie als Schüler oft mit dem Rad hingefahren, weil der Chinese sie in Ruhe in seinem Lokal sitzen ließ, auch wenn sie jeder nur eine Tüte Fritten aßen. Mao nannten sie den. Der redete nicht viel, war auch nie besonders fröhlich, traurig aber auch nicht. Nur Bier ließ er sie nie trinken. “Krieg Ärger”, sagte er dann. Peter würde sich gern mit Minh Chau unterhalten, aber er traut sich nicht, längere Gespräche auf Englisch zu führen. Beim Abschied sagt sie knapp: “I like you.” Und ihm fällt keine passende Antwort ein.

Dann sind zwei weitere Woche vorbei. Der Kurs von Madame Krügellem wirkt. Wenn er in der Metro steht und sich die Leute um ihn herum unterhalten, versteht er jetzt zumindest, wovon die Menschen reden. Die weißen Männer reden meist vom Rugby, die dunkelhäutigen von der Familie und der Arbeit. Überhaupt hängt es von der Tageszeit ab, wem er in der Bahn begegnet. Und natürlich vom Viertel, in dem die Fahrgäste ein- und aussteigen. Arbeiter trifft er sehr fürh am Morgen, und die fahren meist quer durch die Stadt, von einer Vorstadt in die andere. Er ist auch schon mit dem RER rausgefahren nach Nanterre, zu den Fabriken gewandert, den Schichtwechsel beobachtet. Ein Werk für Tiefdruckmaschinen, Arbeiter, die im Blaumann zur Arbeit gehen und die Fabrik verlassen, ohne sich umzuziehen. Das kennt er aus seiner Heimatstadt anders, wo die Männer nach der Maloche natürlich erst einmal duschen und sich waschen, um dann die dreckige Arbeitskleidung gegen zivile Sachen zu tauschen. Aber wie in Dortmund raucht auch hier jeder beim Rein- und Rausgehen. Er baut sich an der Pforte auf und schießt regelmäßig auf die heranströmenden Arbeiter, drei Filme voll. Hier fühlt er sich zuhause, hier hat er keine Scheu zu fotografieren. Auch wenn gut drei Viertel der Belegschaft ehr dunkelhäutig ist, vermutlich Nordafrikaner, denn die erkennt er inzwischen. Weiß dass die meisten von denen nach der Unabhängigkeit aus Algerien kamen, viele aber auch aus Marokko.

Am Sonntag hat Giselle ihn mitgenommen zu einer Stadtrundfahrt. An der Madeleine sind sie in einen Doppeldeckerbus gestiegen und haben sich auf das offene Oberdeck gesetzt. Es war ein erster milder Tag im April, starker Wolkenzug von Westen, aber mit fast warmen Winden. Sie teilten den Bus mit kaum einem Dutzend Touristen. So sah Peter zum ersten Mal die Champs Elyssee, den Place de la Concorde, den Louvre. Am Place du Tertre gab es einen Zwischenstopp, eine Viertelstunde Pause. Während die anderen auf den Montmartre hasteten, nahmen Peter und Giselle einen kleinen Roten in einem stillen Café in einer Seitenstraße. “Sonntags ist nichts los in Paris”, erklärte sie, “da besuchen sich die Leute gegenseitig und verbringen den Tag in den Wohnungen.” Und dass es fast unmöglich sei, von Franzosen nachhause eingeladen zu werden, und dass Kinder ihre Eltern siezen, zumindest in der älteren Generation. Dass seit dem Weltkrieg auch die meisten Frauen rauchen und Alkohol in der Öffentlichkeit trinken, was früher unmöglich gewesen sei. Sie kommen an dem gewaltigen Loch vorbei an der Stelle, wo die Großmarkthallen standen, eine Gegend, die er aus vielen Filmen kennt, die in Paris spielen. Wo die Nutten um Les Halles kreisen und die Nachtschwärmer in der Morgendämmerung eine Zwiebelsuppe essen. Drei Stunden sind sie unterwegs. Und abends lädt Giselle ihn zum Diner bei Claude ein, der sonntags am Abend für Stammgäste ein spezielles Drei-Gänge-Menü bietet.

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publiziert am 31.05.15 in Oder nie ¦ 871x gelesen ¦ noch kein Kommentar