Oder nie (4)

Er hat Gisela ja in alle den Jahren nur zweimal gesehen, denn öfter war sie auch nicht in die Heimat gereist. Beim ersten Mal zu Weihnachten in der Mitte ihres ersten Au-pair-Jahre. Zum zweiten Mal kam sie zur Beerdigung ihres Vaters. Das war vor kurz nachdem sie bei Olivier und Frederic angefangen hatte. Nach der Beerdigung hatte sie sich von einem Cousin nach Dortmund bringen lassen und war mit den beiden füchterlich versackt. Der Herold war damals eine angesagte Kneipe für die Jugend. Man spielte schwierige Rockmusik und ein bisschen was für die Späthippies zum Tanzen. Das Bier war billig und der Apfelkorn auch. Fröhlich war Gisela. Und weil sie so trinkfest war, blieb sie lange halbwegs bei Verstand. Erst gegen halb eins, kurz vor der Polizeistunde, ging es mit ihr durch. Sie schaffte es, dass der Discjockey eine Pause einlegte, und begann “Der Hahn ist tot” und natürlich “Le coque est morte” zu singen. Die letzten Gäste waren verblüfft, aber dann stimmten immer mehr ein, und bald dirigierte Gisela einen astreinen Kanon zu Ehren ihres verhassten Vaters. Bis auf die Kleidung mit einem gewissen Pariser Chic war sie das Bauernmädchen geblieben. Nur die blonden Zöpfe hatte sie abgeschnitten. Karin war der Vorfall peinlich, wie ihr solche Vorfälle generell peinlich waren. Nur nicht auffallen, war ihr Motto. Schon gar nicht in aller Öffentlichkeit, und vermutlich hatte diese Geschichte ihr Verhältnis zu Gisela nachhaltig abgekühlt.

Peter ist nicht nur geblendet nach der Fahrt in der künstlichen Beleuchtung, sondern auch leicht orientierungslos. Es ist etwas anderes, stellt er fest, Straßen entlang zu gehen, abzubiegen und die Fahrbahn zu überqueren, um dann immer noch zu wissen, wo man sich befindet, als mit einem unterirdischen Zug von A nach B geschleudert zu werden. Der Metro-Plan ist keine Hilfe, denn der ist schematisch. Dass er in der Nähe der Seine sein muss, das gibt die bunte Übersicht der Linie jedoch wieder. Er geht ein paar Schritte. Plötzlich taucht die Spitze über den Dächern auf. Das obere Ende des Eiffel-Turms. Kaum einen Kilometer entfernt. Und dann steht er am Rand der New York Avenue und hat den Fluss nund den Turm vor sich, das zu Tode fotografierte Monument, das Ding aus Stahl, aus metallenen Maschen mit Luftlöchern dazwischen, nur im Hochformat darstellbar oder als Staffage auf einem Panorama. Er beschließt, den Eiffel-Turm auf seinen kommenden Fotos zu ignorieren. Die Seine dagegen, so viel ist ihm klar, könnte eine Hauptdarstellerin sein, wie sie von befestigten Ufern gehalten wird und gezähmt. Da fährt ein Lastkahn vorbei mit blubbernder Dieselmaschine. Er hatte nicht geahnt, dass der Fluss mehr zu tragen hatte als Aussichtsboote für die Touristen und kleine Motorboote. Aber das Schiff zieht gleichmäßig seine Bahn Richtung Meer und trägt eine Last aus Schotterbergen auf dem Lastdeck.

Dann hat er die Stelle, an der steht und die Aussicht bewundert, auf dem Stadtplan entdeckt und auch gleich die Rue Goethe gefunden. Kaum fünf Minuten später steht er vor der Nummer 2 und schellt bei Pommerau et Millet. Der Summer geht, er drückt die Tür auf und steht in einem Treppenhaus aus reinem Marmor mit einem gusseisernen Fahrstuhlgerüst in der Mitte. Er schaut nach oben und entdeckt einen großflächiges Glasdach, durch das Licht ins Gebäude fällt. Fährt mit dem Lift in die dritte Etage und betritt das Vorzimmer der Modefirma. Giselle kommt angeflogen, aber er ist sich gar nicht sicher, ob es wirklich Gisela ist, Gisela Krögemöller aus Kökelsum bei Olfen. Sie hängt an ihm, schüttelt ihn, küsst ihn überall hin im Gesicht. Dann hält sie ihn an ausgestreckten Armen von sich, mustert ihn und sagt: “Wie siehst du denn aus?” Peter muss sich erst einmal wiederfinden nach dieser Attacke und schaut sich Giselle genauer an. Es scheint, als habe jemand sie in die Länge gezogen. Sie sieht aus, als sei sie in den letzten fünf. sechs Jahren einige Zentimeter gewachsen. Schlank ist sie, aber auch das Gesicht hat etwas Längliches angenommen. Blond ist sie auch nicht mehr. Trägt die glatten Haare in einem rötlichen Brünett, ist sonnengebräunt und trägt eine ungewöhnliche Brille. “Wie siehst du denn aus”, sagt sie wieder, dieses Mal nicht als Frage, sondern als Feststellung.

Die Empfangsdame hinter ihrer Theke verfolgt jede Bewegung der beiden wie ein Zuschauer beim Tennis den Ball. Giselle wirbelt herum und kräht: “Das ist Francine. Francine, c’est Peter, mon cher ami.” Und: “Du wirst ab jetzt Pierre heißen während deiner Zeit in Paris.” Und ist schon wieder drei Schritte weiter. Zerrt ihn in ihr Büro und schiebt ihm einen altmodischen Stuhl unter. Wie überhaupt alles in diesen Räumen altmodisch ist. Und eher düster. Viel Braun und Rot, Holz in verschiedenen Farben, dicke Stoffe an den Wänden und Teppiche in mehreren Lagen auf dem Parkett. Das hohe Fenster steht leicht offen. Eine Brise bauscht dichte, weiße Vorhänge. “Muss noch einmal telefonieren” und hat schon gewählt. Spricht wieder sehr schnell und sehr konzentriert, und legt nach ein paar Sätzen grußlos auf. “So, Feierabend. Wie war die Zugfahrt?” Peter überlegt, aber bevor er berichten kann, redet Giselle weiter, während sie einen dünne nMantel überzieht und ihre Handtasche greift: “Ich fahre prinzipiell nur noch Erste Klasse, wenn es denn schon mal die Bahn sein muss. Wir fliegen ja eigentlich immer. Nur Frederic, der fährt ja gern Auto, und dann fahr ich bei ihm mit, während Olivier eben den Flieger nimmt. Okay, nach New York muss man ja fliegen. Obwohl Olivier schonmal mit dem Dampfer über den großen Teich…” Dabei ist sie schon vorbei an Francine, Peter drei Schritte hinter ihr, durch die Tür und im Aufzug. Hält ihm die Tür auf, drückt einen Knopf und redet weiter.

Karin und Peter reden beide nicht viel. Sie kennen das nicht von ihren Familien her, dass dauernd einer was sagt oder erzählt oder fragt. Sein Vater war mehr als maulfaul, schweigsam hätte man den Bahner nennen können. Und die Mutter hatte sich dem angepasst. Bei Karins Familie war es umgekehrt. Ihre Mutter kam aus der Gegend von Osnabrück, aus einem kleinen Schweinedorf am Rande vom Moor, wo es immer feucht war und schwer. Und alle immer zu arbeiten hatten und bei den gemeinsamen Mahlzeiten viel zu müde zum Reden. Wie die Menschen dort ohnehin eher wortlos miteinander umgingen. Einmal hatten sie Karins Oma besucht, die noch dort lebte, und Peter war am Sonntagmorgen mit Jürgen, Karins Cousin, auf Tour gegangen. Der hatte einen Rallye-Kadett und raste über die Feldwege von einem Hof zum anderen. Der eine Kumpel war in der Grube unter seinem Auto zugange. Jürgen rief hinab: “Moin, wie iss?” Der andere kam die Treppen hoch, wischte sich die Hände an einem Lappen ab und antwortet: “Muss.” Mit einem “Na, denn” verabschiedete sich Jürgen, sie rasten zum nächsten Kumpel, der gerade sein Segelboot lackierte. Der antwortet auf die Begrüßungsformel gleich gar nicht, sondern zeigte nur auf die Lackdose, den Pinsel und das Schiff. Jürgen nickte, und sie fuhren wieder ab. Karins Vater war dagegen eine Plaudertasche, stammte aus dem Hessischen und sagte immer: “So lange mer babbele, sin mir noch am Lebbe.” Wenn er redete, dann redete er endlos ohne Punkt und Komma, und seine Frau ging schweigend raus. Meist waren seine Monologe frei von nennenswerten Inhalten, aber immer klangvoll und von einer gewissen musikalischen Dramatik.

Dann hatte Karins Vater mit Mitte Fünfzig eine junge Griechin kennengelernt, eine Gastarbeiterstochter, achtzehn Jahre jünger als er, temperamentvoll, mit dunklen Haaren auf den Unterarmen. Da verliebte sich der Hesse, verließ seine Frau und zog nach Frankfurt. Karin brach jeden Kontakt mit ihrem Vater ab, und Peter traute sich nicht, den Schwiegervater, den er immer gemocht hatte, anzurufen oder zu besuchen. Inzwischen weiß er nicht mal, ob der nette Mann mit dem nie endenden Redeschwall überhaupt noch lebt.

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publiziert am 05.05.15 in Oder nie ¦ 753x gelesen ¦ noch kein Kommentar