Oder nie (7)

Erst jetzt merkt er, dass er schon seit fast zwanzig Stunden nichts mehr gegessen hat. Im Kühlschrank findet er einen fürchterlich stinkenden Käse und eine steinharte, dünne Salami. Brot gibt es gar nicht. Immerhin hat Giselle auch eine Flasche Weißwein und eine Flasche Mineralwasser gelagert. Trotzdem beschließt er, einkaufen zu gehen. Allein schon um sich ein paar Dosen Bier zu besorgen. Die Straße liegt still da. Nur hinter wenigen Fenster sind die Zimmer erleuchtet. Peter findet die Alimentation mit dem 24-Stunden-Dienst. Ein merkwürdig geformter und gestalteter Laden: Kaum zweieinhalb Meter breit mit verglasten Klapptüren, die offenstehen. Dafür aber gut zwölf, dreizehn Meter lang. Vorne ein paar Kühltruhen, dann je ein Regal an jeder Längswand. Ganz hinten verglaste Kühlschränke für Getränke. Ungefähr auf halber Höhe rechts eine ziemlich angeranzte Kasse, hinter der ein dürrer, unrasierter Mann unbestimmter Herkunft hockt und in einer Autoillustrierten blättert. Der erwidert Peters Gruß nicht. Drahtkörbe gibt es für die Waren, und er entscheidet sich für einen abgepackten Brie, eine eingeschweißte Wurst und einen Karton mit winzigen Bierflaschen, von denen jede einzelne kaum mehr als ein Glas füllen könnte. Kronenbourg ist anscheinend eine beliebte Marke, denn der Kühlschrank ist voll von Flaschen verschiedener Größe mit dem entsprechenden Etikett. Hinter dem Kassierer hängt ein Holzgestell an der Wand, in dem drei Baguettes lagern. Peter deutet darauf, und der Mann reicht ihm das Brot. Addiert die Preise mit einem Bleistift auf einem schmierigen Zettel und nennt eine Zahl. Er bekommt einen Fünfzig-Franc-Schein und gibt ein paar Münzen heraus.

Peter hat sich mit seiner Mahlzeit in seine Mansarde zurückgezogen und schneidet Käse und Wurst mit seinem Taschenmesser, einem Erbstück vom Vater, der immer behauptet hat, jeder Bahnbeamte bekäme ein solches Messer bei der Einstellung. Das Bier ist dünn, aber schön kalt. Kein Vergleich mit dem Pils aus seiner Stadt. Nachdem er die Brauerei durch und durch fotografiert hatte, ging er in die Fabriken. Zu Hoesch, zu Thyssen, Klöckner und all den anderen Hütten und Röhrenwerken. Konzerntrierte sich auf die Malocher, ging nah ran, sodass er manchmal Schweißtropfen auf der Linse hatte. Lernte einen jungen IG-Metaller kennen, dem die Bilder gefielen. Bernhard Kott ist der, und hatte sich selbst den Spitznamen “Boy” gegeben. Gab sich radikal, war aber doch bloß ein unkündbarer Gewerkschaftssekretär. Peter nannte ihn Bernie, was auch okay war. Arbeiterfotografie sei das, was Peter da mache, sagte Bernie. Er wäre also ein Arbeiterfotograf und stünde damit in einer wichtigen Tradition der Arbeiterbewegung. Zumal er ja auch noch Arbeiterkind sei, quasi geborener Proletarier. Kott verschaffte ihm Aufträge, und Peter verdiente gleichmäßig Geld mit seinen Fotos, die überall in den verschiedenen Gewerkschaftspublikationen zu sehen waren und auch in diversen Broschüren und Büchern abgedruckt wurden.

Nach und nach erwarteten seine Auftraggeber einen ganz bestimmten Stil von ihm. Dass die Arbeiter im Mittelpunkt zu stehen hätten, dass sie als die Beherrscher der Maschinen dargestellt würden, als harte Kerle. Dabei fand Peter oft ganz andere Szenen viel spannender: Die Schattenrisse der Hüttenwerker beim Anstich vor dem Feuerloch. Ein Haufen Asbestschürzen vor der Tür zum Pausenraum. Der Stiernacken unter dem Helm in Nahaufnahme. Reflexionen des fließenden Stahls. Blicke durch Röhren. Der Himmel über dem Förderturm. Ausgediente, rostige Maschinenteilen im Brachland mit wilder Vegetation. Details der Gebäude, der Maschinen, der Rohrleitungen und Kamine. Leere Räume. Enge Büros mit blassen Sachbearbeitern. Schwarz- und Weißkaue. Kraftfahrer, die quer im Führerhaus schlafen. Bosse in modischen Anzügen, denen der Chauffeur den Wagenschlag aufhält. Damit verdiente er keine müde Mark. Kaum zwanzig Jahre alt erkannte er den Unterschied zwischen Geldverdienen und Kunst machen. Und entschied sich für die Kunst. Reichte eine Mappe an der Kunstakademie Düsseldorf ein und wurde angenommen. Als er den Zulassungsbrief aufriss und las, wurde ihm schlecht, und er musste sich übergeben. Als er Karin abends traf und davon berichtete, fragte die nur: Und, was wirst du dann, wenn du fertig bist. Das wusste er auch nicht. Er weiß ja jetzt auch nicht, was er werden würde, wenn seine Zeit in Paris vorüber wäre. Ein ganzes Semester würde er mindestens hier bleiben. Er würde wichtige Vorlesungen und Seminare versäumen, und es könnte sein, dass er so das Lehramtsstudium schmeißen würde. Immerhin würde er eine Examensarbeit haben, die Mappe mit seinen Parisfotos.

Zehn kleine Flaschen Kronenbourg hat er geschluckt. Sie liegen in der Hand wie Granaten, wurfbereit. Man könnte kleine Molotow-Cocktails aus ihnen machen. Und vielleicht haben die Studenten das im Mai 1968 auch getan, als die Revolution vor der Tür stand in der Stadt, in der Revolutionen immer vor der Tür stehen. Als sich gegen jede Erwartung die Renault-Arbeiter aus Nanterre mit den Bürgerkindern von der Sorbonnen verbündeten und mit ihnen auf die Straße gingen. Die Straße eroberten. Was wohl mit den Arbeiter geschehen ist, fragt sich Peter. Wie die heute, keine acht Jahre später, geworden sind. Ob sie noch von Barrikaden träumen, vom Sturm auf das Parlament oder den Elyssee-Palast. Ja, nach Nanterre würde er fahren, gleich morgen. Dort würde er mit seiner Arbeit beginnen. Mit diesem Gedanken lässt er sich rücklings ins schmale Bett unterm Dach fallen und schläft sofort ein.

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publiziert am 11.05.15 in Oder nie ¦ 656x gelesen ¦ noch kein Kommentar