Oder nie (8)

Es müssen Spatzen sein, die ihn mit ihrem Getöse wecken. Pariser Spatzen, denkt Peter, der in Dortmund schon seit Jahren keine mehr gesehen und gehört hat. Er hat fest geschlafen, traumlos, beinahe zehn Stunden lang. Jetzt ist er ausgeruht und voll da. Edith Piaf fällt ihm ein, der Spatz von Paris, und das bisschen französischer Chansons, das er kennt. Ein Radio wäre nicht schlecht. Wird sich ein billiges Transistorgerät kaufen. Geht runter in Giselles Wohnung. Überall liegt Kleidung herum, nasse Handtücher über den Stuhllehnen. Drei, vier leere Weinflaschen auf dem Tisch. Daneben ein Zettel: “Bin auf Arbeit. Meld dich mal. Kuss – Giselle”. Peter duscht ausgiebig. Beim Zähneputzen schaut er in den Spiegel. Der Bart muss ab. Rasiert sich ausführlich, selbst die Koteletten müssen fallen. Er findet, jetzt sieht er irgendwie neutraler aus, nicht mehr so nordisch. Nimmt die Reste vom Vorabend zum Frühstück. Schafft es sogar, sich mit der Espressokanne auf dem Gasherd einen Kaffee zu brauen. Hat sich eine Liste gemacht mit Dingen, die er von Paris kennt, von Namen, von Orten, von Assoziationen. Die geht er nun durch; zweiundachtzig Positionen, unsortiert. Stößt auf das Wort “Katakomben”. Unterirdische Schädelstätte, stand in einem Reiseführer. Ob man die besichtigen kann, fragt er sich. Unterirdisches hat ihn schon immer fasziniert. Spätestens seit er mit den Eltern als kleiner Junge die Dechenhöhle im Sauerland besucht hatte.

Urlaubsreisen gab’s bei den Blascyks nicht. Und natürlich hatte der Vater auch kein Auto, bloß ein Moped für den Weg zur Arbeit. Aber im Frühjahr und Sommer unternahm er an vielen Wochenenden Ausflüge mit der Familie. Meist mit dem Bus, immer billig, weil von irgendeiner politischen Organisation oder von der Arbeiterwohlfahrt organisiert. Und so kamen sie auch nach Iserlohn, da war Peter vielleicht fünf oder sechs, jedenfalls noch nicht in der Schule. Man führte die Gruppe von gut dreißig Leuten einzeln durch den schmalen Eingang und dann über die betonierten Wege, gesichert durch dünne Drahtseile. Man hörte das Echo des Atmens der Menschen. Dazu Tropfen, die ins Wasser fielen. Erst im großen Saal begann der Fremdenführer mit seinem Vortrag. Und damit war der Zauber vorbei. Ein anderes Mal kamen sie nach Odenthal und besichtigten den Altenberger Dom. Die Dame, die sie durch die Kirche führte, berichtete von einer unterirdischen Krypta, von dort begrabenen Äbten und davon, dass die Legende ging, es gebe einen kilometerlangen Gang von dort aus zur Klosterruine. In der Erinnerung hatte Peter diese beiden Ausflüge miteinander verbunden und war sich sicher, dass es eine unterirdische Verbindung zwischen dem Altenberger Dom und der Dechenhöhle gäbe.

Wie es überhaupt überall auf der Welt unterirdische Verbindungen zwischen allen wichtigen Orten gäbe. Ein Kollege seines Vaters, ebenfalls Bahnbeamter und leidenschaftlicher Zugbeobachter, der als Pensionär seine ganze Zeit damit verbrachte, bestimmte Lokomotiven und Waggons aufzuspüren, hatte ihn als Fotograf engagiert. Er wollte die ganze Palette der Werksbahnen im Ruhrgebiet dokumentieren, und Peter begleitete ihn einen Sommer lang. Einmal sagte Erwin, so hieß der Experte, komm, lass uns zu Fuß vom Bahnhof nach Hoesch gehen, unter der Erde. Ein paar Meter neben dem Haupteingang fand sich eine Stahltür, die Erwin aufschloss. Er trug ein gewaltiges Schlüsselbund mit sich, offensichtlich lauter Schlüssel aus dem Bahnbereich. Der Gang war schlecht beleuchtet, schmal und leicht abfallend. Am Ende gab es eine weitere Tür, nicht abgeschlossen, die in ein Treppenhaus führte. Fünf Etage tief ging es hinab. Erwin wusste von jedem Stockwerk zu berichten, was dort untegebracht war: Umkleiden, Lager für Büromaterial, Freizeiträume, Werkstätten. Ganz unten stießen sie wieder auf eine verschlossene Stahltür. Erwin öffnete, und sie fanden sich erneut in einem Gang, der alle fünfzehn, zwanzig Meter durch eine 20-Watt-Kellerleuchte erhellt war. Betonwände und ein kiesiger Boden. Der Gang wand sich, nach gut zwei Kilometer gab es einen rechtwinkligen Knick, und plötzlich war der Boden mit Estrich geschützt, die Wände hellgrau gestrichen, an der Decke Neonröhren. Jetzt ging es sanft und schnurgerade aufwärts. Eine Viertelstunde später standen sie an einer doppeflügligen Tür, die Erwin aufschloss. Das grelle Sonnenlicht blendete Peter. Sie standen direkt neben einem Lokschuppen der Werksbahn von Hoesch.

Paris, das hatte er gelesen, ist ganz und gar unterhöhlt, weil im Kalksteinboden gut graben ist. Deshalb war es so einfach, die Tunnel für die Mero zu bauen. Zig Kilometer, viele ungenutzte darunter, ganze Linien, in denen nie Gleise gelegt worden sind. Auch das möchte er sehen. Und fotografieren. Am besten mit einem hochempfindlichen Diafilm und der extrem lichtstarken Optik an der Nikon. Weitwinkel, natürlich. Aber erstmal musste er diese Höhle und Gänge finden. Er beschließt, zuerst die Katakomben zu besichtigen. Denfert-Rochereau hat er als Stichwort notiert, eine große Metro-Station, Linie 4. Und macht sich mit der Nikon in der kleinen Kameratasche auf den Weg. Geht auf gut Glück los, landet auf einer stark befahrenen Straße mit dem komischen Namen Oberkampf. Läuft und schaut. Wieder ein blendet blauer Himmel. Es ist schon nach Zwölf, kurze Schatten, ausgeblutete Farben. Eine fast menschenleere Metro-Station Parmentier. Geht zum dem Schalter, der mit verschidenen Landesflaggen als mehrsprachig gekennzeichnet ist. Darin ein sehr breiter, dunkelhäutiger Mann mit einem maskenhaft starren Gesicht. “Sprechen Sie deutsch?” Der Metro-Beamte nickt. “Was muss ich kaufen, wenn ich den ganzen Tag lang mit der Metro fahren will?” Der Mann zieht einen schmalen, langen Pappstreifen aus einem Apparat: “Zwölf Franc. Carnet für ein Tag.” Peter zahlt und bekommt das Dauerticket.

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publiziert am 13.05.15 in Oder nie ¦ 711x gelesen ¦ noch kein Kommentar