Oder nie (9)

So ganz genau weiß Peter nicht, weshalb er jetzt auf der Aussichtsplattform eines Hochhauses steht und über Paris schwebt mit seiner Höhenangst. Als er sich in der konfusen Metro-Station verirrt hatte, wählte er einen Ausgang, der ihn direkt ins blendende Sonnenlicht führte. Orientierungslos ging er los, durchquerte eine Grünanlage samt Friedhof und stand dann vor dem himmelhohen Gebäude. Jetzt hält er einen Meter Abstand vom Geländer. Der Wind hier oben ist kalt, er ist fast allein, nur ein asiatisches Paar mittleren Alters teilt die Plattform mit ihm. Er weiß auch nicht, weshalb er überhaupt in den Aufzug gestiegen ist und warum er für zehn Franc eine Eintrittskarte gelöst hat. Ihm war auch nicht bewusst, dass es in der Stadt überhaupt ein solches Gebäude gibt, dachte, einen Überblick können man nur vom Eiffel-Turm haben, den bis zur Spitze hinaufzufahren er sich nicht traut. Die Geräusche mischen sich anders in der Höhe, wo unten auf der Straße die Geräusche des Autoverkehrs dominieren, ist die Luft hier oben von einem unbestimmten Dröhnen erfüllt, in das sich spitze Geräusche mischen, die er nicht zuordnen kann. Er sieht links den eisernen Turm und geradeaus, über die ganze Innenstadt hinweg, Montmartre. Auch den Buttes-Chaumont kann er identifizieren. Dann sieht er noch hinter dem Eiffel-Turm weitere helle Hochhäuser, die er dort nicht erwartet hat. Er tritt an eines der Münzferngläser, wirft ein Franc-Stück ein und holt das Bild näher heran. Laut Stadtplan handelt es sich um “La Defense”.

Peter stellt fest, dass sein optisches Wissen über Paris veraltet ist, weil es fast nur aus Filmen und Bildbänden stammt, die vor 1960 entstanden sind. Hochhäuser, nein, die gab es in seinem Paris nicht. Auch die Geografie dieser Stadt ist ihm nicht vertraut. Dass die Seine durch den Großraum mäandert, dass es an der Peripherie Hügel von einiger Höhe gibt. Paris ist in seiner Vorstellung flach und gleichförmig. Aus dem Häusermeer ragt allein der Eiffel-Turm, und Monmartre ist die einzige Erhebung. Er zückt die Nikon und macht ein paar Panoramaaufnahmen, eher pro forma als im Sinne seines Projektes, über das er sich ohnehin überhaupt nicht klar ist. Am liebsten würde er in eine Fabrik gehen und wenigstens in einen Handwerksbetrieb, um die Menschen bei der Arbeit zu fotografieren. Das kann er, das macht er sei Jahren. Aber ihm ist auch klar, dass er genau das in Paris nicht tun sollte – einfach weitermachen.

Ein Aufseher in einer schwarzblauen Uniform nähert sich, zeigt auf Schwarzrotgold an Peters Parka und grinst. Er sagt einen schnellen Satz, den er nicht versteht, und geht wieder. Er fällt auf, und Auffallen ist das Letzte, was er gebrauchen kann, wenn er als Fotograf unterwegs ist. Ein guter Fotograf, sagt Emil Braun, einer der Dozenten für Fotoreportagen, immer, ist unsichtbar. Der ist da, wo Bilder entstehen, aber idealerweise bemerkt ihn niemand. Wenn Peter in Dortmund unterwegs ist in seinem Parka, dann bemerkt ihn niemand, denn jeder Dritte seines Alters läuft so herum. Weil seine Haar so hell sind, trägt er meistens eine Schirmmütze. Hier in Paris müsste er sich anders tarnen. Und die Matte müsste ab. Er fährt runter, betritt die Straße und macht sich auf die Suche nach einem Frisör. An der Rue Lecourbe findet er einen Salon und kommt auch gleich dran. Mit Daumen und Zeigefinger zeigt der dem Figaro, wie kurz er schneiden soll, und kommt nach einer Viertelstunde als neuer Mensch aus dem Laden. Karin würde ihn vielleicht gar nicht erkennen, den die hat ihn immer nur mit langen Haaren und Schnäuzer erlebt. So läuft er ja schon seit seinem sechzehnten Lebensjahr herum, da war der Bart noch flusig, aber die blonde Matte hing ihm bis fast zum Gürtel.

Ein Sakko braucht er. Die Männer tragen alle Sakkos. Oder Anzüge. Aber auf jeden Fall ein Jackett. Viele der jüngeren Kerle haben Pullover über den Hemden und dazu eben noch ein Sakko. Ja, selbst die vielen Typen auf den Motorrädern und Rollern sind so gekleidet. Jeans sind auch eher die Ausnahme. Oft wählen die Herren offensichtlich hell- oder dunkelgraue Stoffhosen und dazu das Allzwecksakko. Schlampig scheint modern zu sein, den die Jacketts sind häufig angeschmuddelt und zerknittert, die Taschen ausgebeult. Peter hat die überirdische Metro-Linie vor sich und steht am Cambronne. An drei spitzen Straßenecken drei konkurrierende Cafés. Er wählt das mittlere und nimmt draußen Platz. Bestellt routiniert einen Café creme und legt ebenso routiniert Geld ins Schälchen. Offensichtlich hat ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung Mittagspause. Die einen streben in die Bistros und Brasserien, die anderen machen Besorgungen, und schöne junge Frauen flanieren an den Cafés vorbei. Unauffällig schießt er die ersten Bilder von Passanten. Nicht wenige ältere Herren tragen Hüte und haben zusammengerollte Zeitungen unter den Armen. Ein Mann von mindestens siebzig im klassischen Nadelstreifenanzug mit Fliege über dem Hemd, schwingt einen feinen Gehstock mit einem Knauf in Entenschnabelform. Fast jeder hat eine Zigarette zwischen den Lippen oder den Fingern; die Jüngeren reden oft ohne die Kippe aus dem Mund zu nehmen, sodass die Asche beim Wippen herunterfällt.

Eine Fourgeonette bremst, und der Fahrer ruft dem Kellner etwas zu. Der lacht laut und macht eine obszöne Geste. Taxis erkennt man nur an den Schildern auf dem Dach, sie hupen am häufigsten. Ein Dunkelhäutiger im Blaumann schiebt einen Handharren mit mannshohen Eisenrädern quer über den Fahrdamm. Fußgänger überqueten die Straße, wenn es gerade passt, Ampeln haben anscheinend nur symbolischen Wert. Alles ist in Bewegung, und Peter überlegt, ob nicht dies das Thema sein könnte, die Bewegung der Menschen und der Autos, überhaupt: Bewegung. Unschärfe gegen Unschärfe vor scharfem Hintergrund. Verwischte Farben. Ungewöhnliche Blickwinkel.

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publiziert am 15.05.15 in Oder nie ¦ 711x gelesen ¦ noch kein Kommentar