Oder nie (23)

“So, du ziehst also bei mir wieder aus? Was Besseres gefunden, was?” Giselle kippt den dritten Cynar, und Claude schenkt nach. Sie sitzen zu dritt am Tisch. Das Bistro hat bereits geschlossen. Der Wirt hat die Rollläden bis auf den an der Tür heruntergelassen und das Licht gelöscht. Nur über dem Tisch hinten beim Telefon ist die Lampe noch eingeschaltet. Peter würde ihr gerne sagen, dass er ihr sehr dankbar ist dafür, dass sie ihn aufgenommen hat, dass sie ihn so unterstützt hat, aber dass er Angst davor hat, ihr Verhältnis könnte in eine falsche Richtung laufen. Und dass er eben sehr gern in der Nähe von Minh Chau sein möchte. Aber er bringt nicht mehr raus als “Ist praktischer.” Seine Freundin klaut eine Zigarette bei Claude. Wirft den Kopf zurück und bläst den Rauch zur Decke. “Was hab ich dir denn Schlimmes getan?” Sie hat ins Französische umgeschaltet, damit ihr der Wirt beistehen kann. Aber der weiß ja schon zu viel und hält sich zurück. Peter sucht nach einer weiteren Ausrede: “Das Zimmer ist größer. Ich zahl zwar Miete, aber ich krieg ja auch einen Job. Ich möchte einfach unabhängiger sein.”

Giselle ist den Tränen nah. Claude täschelt ihren Arm mit seiner Pranke. Peter versteht ihre Enttäuschung nicht so ganz. Vielleicht ist sie wirklich einsam. Vielleicht fühlt sie sich doch fremd in der Stadt. Vielleicht steht er für Heimat. Oder vielleicht ist sie verliebt in ihn. “Außerdem lerne ich dann Paris noch besser kennen. Sieh mal, ich habe bisher überhaupt noch keine echten Franzosen kennengelernt. Außer deinem Chef und Claude.” Der reagiert sofort: “Moment! Ich bin kein Franzose. Ich bin Korse! Vergiss das nie, mein Freund.” Die Freundin steigert sich hinein in ihre Traurigkeit, beschleunigt vom Likör. “Du musst Pierre einfach gehen lassen, Giselle. Er hat recht. Dann wird er mehr erfahren über Paris. Mehr erleben. Und ihr werdet euch doch trotzdem oft sehen. Zum Beispiel hier bei mir. Zum Essen. Zum Frühstück. Oder einfach auf einen kleinen Muscat. Ihr seid mir beide immer willkommen.” Nach diesem Schlusswort des Wirtes gehen sie mitten in der Nacht Arm ind Arm nachhause, und Peter schläft noch einmal bei Giselle im Bett.

Er hat ein ziemlich großes Blumenbukett gekauft und mitten auf den Tisch in Giselles Wohnung gestellt. Dazu ein dickes “Danke” mit einem ihrer Lippenstifte auf den Kühlschrank gemalt. Ansonsten ist sein Umzug unspektakulär verlaufen. Minh Chau hat ihm das Versteck für den Schlüssel verraten, und er hat sein Sachen in das Zimmer der Zwillinge gestellt. Seine Freundin hat vorher die persönlichen Dinge ihrer Mitbewohnerinnen in der großen Abstellkammer auf Lager gelegt und sein Bett frisch bezogen. Außerdem gibt es in seinem Raum einen Schreibsekretär mit einem altmodischen Drehstuhl aus Holz davor, einen etwas verfallenen Kleiderschrank sowie ein rundes Tischchen mit zwei Sitzgelegenheiten, die man in den Sechzigerjahren Cocktailsessel nannte. In der Mitte baumelte eine nackte 20-Watt-Birne von der Decke, aber sowohl am Arbeitsplatz, als auch am Tisch und am Bett gibt es Lampen. Er hat das Zimmer mit Schritten ausgemessen und kommt auf gut sechzehn Quadratmeter, also das Doppelte von dem, was ihm die Mansarde bei Giselle bot. Quadratisch ist der Raum. Von der Tür aus gesehen links sind zwei hohe, aber schmale Fenster in die Mauer eingelassen. Der Blick geht auf die Brandmauer des Neubaus zwei Häuser weiter. Nur wenn er sich direkt an die Scheibe stellt oder gar hinauslehnt, kann er ein Stückchen Himmel sehen.

Er verbringt den Tag in der Wohnung. Sitzt ein bisschen am Esstisch im großen Raum, wechselt in sein Zimmer. Legt sich ein wenig hin und döst. Stellt sich im Wohnzimmer ans Fenster. Verstaut seine Fotoausrüstung in einem Teil des Kleiderschranks. Dann beginnt er, den Raum, der gleichzeitig Küche, Esszimmer und Minh Chaus Schlafzimmer ist, zu putzen. Er findet einen schwachen, aber lauten Staubsauger, Wischmob und Eimer, Putzmittel und Staubwedel. Dann räumt er den Küchenbereich auf und prüft die Vorräte in den Schränken und im Kühlschrank. Geht um die Ecke in einem Gemischtwarenladen die Zutaten für ein Spaghetti-Gericht einkaufen, dazu drei Flaschen preiswerten Rotwein und ein Brot, das dem ähnelt, was er in Deutschland kauft, sich aber als geschmacksfreies, weiches Etwas erweist. Dann kocht er die Tomatensosse, reibt den Käse und stellt Nudelwasser und Pasta bereit. Da er nicht weiß, wann seine Freundin heimkehren wird, legt er sich in ihr Bett hinter dem Paravent und schläft ein. Erwacht weil jemand laut “Essen fertig!” ruft. Minh Chau lacht über sein verschlafenes Gesicht, nimmt sein Gesicht in die Hände wie sie es immer tut und küsst ihn. Dann essen sie. Ob er später mit zum Großmarkt fährt, fragt sie. Er könne da nach einem Job suchen, während sie beim Fischhändler Nguyen ihre Vier-Stunden-Schicht arbeitet.

Mit der Metro fahren sie bis zur Porte d’Italie, steigen in einen Bus, der sie bis nach Villejuif bringt. Von der Endstation in Chevilly-Larue sind es noch einmal gut zehn Minuten zu Fuß bis zum Tor, das den Fischhallen am nächsten liegt. Es ist kurz nach Mitternacht. Noch herrscht hier wenig Betrieb. Es riecht weniger nach Fisch, findet Peter, sondern nach Meer. Minh Chau muss um ein Uhr anfangen und ist meistens gegen halb sechs am Morgen fertig. Er soll doch mal in der Gemüsehalle nachsehen, da würden immer kräftige Kerle gesucht. Sie gibt ihm einen Kuss zum Abschied und sagt, er solle um fünf Uhr wieder da sein. “Und bis dahin?” fragt er. “Arbeiten”, sagt sie mit einem Grinsen. Er schlendert die Hauptstraße entlang, auf der Hunderte Kleinlaster und Lieferwagen unterwegs sind. Der Markt ist hellerleuchtet, die Listmasten sind nur wenige Meter voneinander entfernt. Gleißendes Neonlicht fällt aus den Toren auf die Wege. Die Hallen sind nicht sehr hoch, aber lang und breit. Die Wände mit einem gemauerten Sockel und Wellblech als Verkleidung. Er betritt eine dieser Hallen, in der es Obst gibt. Die Stände sind quadratisch und nur durch gelbe Linien auf dem Estrich gekennzeichnet. Hier sausen Gabelstapler mit gefährlicher Geschwindigkeit durch die ziemlich schmalen Gänge und hupen unentwegt.

Anscheinend gibt es Haupt- und Nebengänge, den in manchen Gassen sind nur Männer mit Hubwagen unterwegs und ziehen hoch mit Kisten beladenen Karren. In den Karrees sitzen offensichtlich die Verkäufer. Die Käufer begutachten die Ware, gehen dann zum Standpersonal und beginne zu feilschen. Sind sich die Männer einig, füllt der Verkäufer einen Zettel aus und legt den auf die gekauften Kisten. Der Kauf wird dann in einer Liste verzeichnet. Ein paar Minuten später taucht entweder der Käufer auf oder einer seiner Helfer. Der holt das gekaufte Obst und bringt es zu einem der Tore, wo schon der Wagen des Käufers wartet. Dutzende solcher Rolltore gibt es, davor stehen die Lieferautos, geparkt nach einer undurchsichtigen Ordnung. Gesprochen wird wenig in der Halle, man hört vor allem das Quietschen der Staplerreifen und das Knallen der Kisten, wenn sie umgelagert werden. Ein kaltes Licht erfüllt den Raum, aber viele Anbieter haben Lampen mit wärmeren Lichtquellen, um ihre Ware besser aussehen zu lassen. Dann geht er weiter und weiter: Weitere Obsthallen, noch zwei Fischhallen, dann die Hallen für das Fleisch und das Geflügel, schließlich die vier Gemüsehallen. Da steht ein Kerl, kaum kleiner als er, aber deutlich breiter, bekleidet mit einer grünen Latzhose, eine eigenartige Kappe auf dem Kopf, und raucht.

Peter spricht ihn an, ob er wisse, wo es hier Arbeit gibt. Der Typ spuckt die Kippe aus und lacht: “Hier ist alles voll mit Arbeit!” – “Ich suche eine Arbeitsstelle, ich muss Geld verdienen.” Dieses Mal schlägt sich der Mann, der außen neben einem Rolltor Pause gemacht hat, vor Lachen auf die Schenkel. Er wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln und sagt dann sehr ruhig und in einem ausgesucht sauberen Französisch: “Treten Sie ein, junger Mann. Fragen Sie an einem beliebigen Stand. Man wird Ihnen Arbeit anbieten.” Und prustet wieder los. Peter betritt die Halle und spaziert durch die Gänge. Achtet auf die Stapler und versucht, einen sympathischen Händler zu entdecken. Ganz hinten findet er einen Stand, der sich aus sechs Quadraten zusammensetzt. Hier herrscht Trubel: vier Verkäufer versuchen gerade, neun Kunden zu betreuen. Hier wird geschrien, hier ist es laut. Nur der Mann, der an einer der Kreuzungen steht, der ist ganz ruhig. Sicher älter als sechzig, ein bisschen wie Jean Gabin, eine Maispapierzigarette zwischen den Fingern, neben sich am Boden ein Wasserglas halb voll mit dunklem Wein. Er hat die Hände in den Taschen seiner Cordhose und überblickt die Situation.

Den spricht Peter an, ob er einen Helfer braucht. Der Händler mustert ihn von oben bis unten. Sein Blick ist neutral und leicht desinteressiert. “Du bist keine Franzose.” Und bevor Peter nicken kann, sagt der Mann: “Niederlande, Schweden oder Deutschland.” Jetzt kann er zustimmen und seine Frage wiederholen. “Ja”, sagt Monsieur Lebruine – wenn er denn der Eigentümer dieses Standes ist, der einer Firma Lebruine gehört – “wir können starke Jungs immer gebrauchen. Dreizehnfünfzig die Stunde, zusätzlich vierzig Franc pro Schicht, Mittwoch, Donnerstag, Freitag von Mitternacht bis morgens um sieben, Coupons fürs Frühstück. Einmal zu spät oder nicht erschienen – und adieu. Passt das?” Peter rechnet im Kopf und kommt auf über tausendsechshundert Franc im Monat, also mehr als 500 Mark für eine Halbstagsstelle. Das gefällt ihm, und er sagt: “Ja, das passt. Wann fang ich an?” Der Händler zeigt zum ersten Mal eine veränderte Mimik, sagt “Jetzt?” Und zeigt dabei ein schiefes Lächeln. “Muss noch meiner Freundin Bescheid sagen” – “Arbeitet die auch hier?” – “Ja, Fischhalle, fünf Tage die Woche von eins bis sechs.” Der Mann hat sich heruntergebeugt, das Glas aufgehoben, an die Lippen geführt und einen winzigen Schluck genommen, die stinkende Kippe ist längst erloschen. “Dann wird es dir recht sein, dieselbe Schicht zu arbeiten. Hab ich Recht?” Peter nickt. “Also, machen wir es so: Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, immer von Mitternacht bis sechs. Gleicher Lohn, aber nur dreißig Franc Schichtzulage. Gut?” Sein neuer Mitarbeiter nickt.

Dann wird er seinem Verkäufer vorgestellt und fängt an, Kisten nach Anweisung auf Paletten zu stapeln, um dann hinter dem Käufer herzufahren und dem beim Einladen zu helfen. Das geht ohne Unterbrechung so. Und weil er schnell und genau arbeitet, wird er einem zweiten Verkäufer zugeteilt. Gegen vier Uhr fällt ihm ein, dass er seit Stunden nichts getrunken und gegessen hat. Er fragt, ob er Pause machen kann. “Ja”, sagt sein Vorgesetzter, “aber dann mach alles gleichzeitig: trinken, rauchen, pinkeln. Und sei in zehn Minuten wieder hier.” An der Ecke der gegenüberliegenden Halle ist eine Art Kiosk, und er kauft eine Flasche Mineralwasser. Pünktlich ist er zurück. Und schuftet weiter. Dann ertönt ein Signal in der Halle, und von einer Minute auf die andere ist Feierabend. Lebruine kommt rüber, sieht ihn ernst an und sagt: “Gut gearbeitet. Hier dein Geld. Zähl nach.”

Minh Chau sitzt vor der inzwischen geschlossenen Fischhalle auf dem Boden, an die Wand gelehnt, und sieht erschöpft aus. “Schau”, ruft Peter, “fast hundert Franc! Komm, ich lad dich zum Frühstück ein. Hab auch noch einen Coupon.” Aber sie sagt nur: “Bin müde, lass uns heimfahren.”

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publiziert am 15.06.15 in Oder nie ¦ 709x gelesen ¦ noch kein Kommentar