Oder nie (26)

Er müsste mit jemanden reden. Wieder hat er spontan eine schwierige Entscheidung getroffen, und wieder trifft ihn der Zweifel sofort. Er weiß nicht einmal genau, welche Entscheidung er da jetzt getroffen hat und welche Folgen sie haben wird. Wenn er sich richtig erinnert, soll er im Auftrag der Fotoagentur Elle-Elle die neue Kollektion der Modeagentur Pommerau et Millet fotografieren. Was immer das genau heißt. Die dabei enstehenden Fotos sollen, gegen den ursprünglichen Willen von Lu LaBanda, unter seinem Namen veröffentlicht werden. Und er wird damit vermutlich sehr viel Geld verdienen, also gemessen an dem, was er bisher fürs Fotografieren bekommen hat. Peter ist sich nicht sicher, ob er damit das Projekt Examensarbeit de facto beerdigt hat. Ober damit nicht sowieso raus ist aus der Fotografie wie er sie bisher verstanden hat. Ob damit sein Plan, Künstler sein zu wollen, als Künstler zu leben ad acta gelegt ist. Er ist verwirrt, und dass ihm Ludwig noch “Ich freu mich auf dich!” nachgerufen hat, macht seine Gefühlslage nicht stabiler. Er hat das Büro der Agentur P & M überstürzt verlassen und ist über den Pont de l’Alma auf die andere Seite der Seine gewechselt. Dann erreicht er das Champs de Mars, und plötzlich geht es los.

Ein Donner, der den Boden unter seinen Füßen erzittern lässt, bildet die Overtüre. Innerhalb von Sekunden verliert der Himmel jede Farbe. Wasser fällt herab, durch brutale Böen zu Säulen verwirbelt. Die wenigen Menschen rennen in allen Richtungen davon. Durchs Schwarze da oben fliegen Blitze in alle Richtungen. Die meisten entladen sich in der Spitze des Eiffelturms, der kaum hundert Meter entfernt von ihm aufragt. In Sekunden ist er durchnässt. Keinen Zweck mehr, sich unterzustellen. Manchmal schlagen drei, vier Blitze gleichzeitig in das sinnlose Bauwerk aus Eisen ein. Elmsfeuer tanzen die Streben hinab, es riecht säuerlich, die Luft schmeckt nach Rost. Jetzt fegen gewalttätige Windstöße parallel zum Boden über das freie Feld, und der Regen kommt von überall her. Rund um ihn herum donnert es, das Gras weicht auf und wird unmittelbar zu Matsch. Die Schuhe wird er sich ruinieren, aber dieses Gewitter gefällt ihm. Wie er es immer schon geliebt hat, wenn das Wetter seine Gewalt gezeigt hat. Ohne Angst vor Blitzschlägen. Nun steht Peter ganz allein unter dem Turm, das Gesicht erhoben, Blick auf die Spitze, wo immer noch die Elektrizität ihr Spiel spielt. Dann kracht es so laut, dass es ihm in den Zähnen wehtut, und im selben Moment hört es auf zu regnen. Der Wind legt sich. Es wird still. Zehn, zwanzig Sekunden, dann beginnen die Vögel wieder mit ihrem Gesang. Das Konzert ist vorüber.

Gewitter sind eines der wenigen Bildthemen, an die er sich nie herangetraut hat. Obwohl er viele Jahre lang Fotos, auf denen Wolken, Hurrikane, Stürme und eben Blitze zu sehen sind, studiert hat. Die Banalität hat ihn meistens abgestoßen, der ewig gleiche Versuch, Wetter als Drama aufzufassen, führt zur immer gleichen Effekthascherei. Wenn überhaupt, hat er einmal für sich allein gedacht, müsste es ein Bild sein, das den Moment zeigt, in dem ein Blitz in einen Menschen einschlägt. Aber ein solches Foto könnte man niemandem zeigen. Nicht einmal der Ehefrau, der Vertrauten oder dem besten Freund, den er nie hatte. Das war schon in der Volksschule so, dass ihm keiner der Jungs so gut gefallen hätte, dass er nur mit dem hätte spielen wollen. Im Gegenteil: Die meisten Klassenkameraden sind ihm immer nur auf die Nerven gegangen. Er fand sie dumm und grob, langweilig und tendeziell gefährlich. Zum Beispiel den Schwemmer, der ihn in der dritten und vierten Klasse permanent geärgert hat, auch ab und an geschlagen. Bis zu dem Tag, an dem er mitten im Malunterricht von Frau Lehmann dauernd Farbe mit dem Pinsel auf Peters Blatt gespritzt hat. Irgendwann stand er auf, trat hinter den Schwemmer, fasst dessen Kopf an den Ohren und schlug ihn wieder und wieder auf die Tischplatte, mitten hinein in das Blatt mit der nassen Farbe. Bis der Schwemmer heulte und weinte und Frau Lehmann ihn wegriss.

Es gab natürlich großen Ärger. Joseph sollte in die Schule kommen, schickte aber seine Frau vor, die von drei Lehrerinnen und Lehrern gleichzeitig in die Mangel genommen wurde. Der man drohte, Peter müsse auf die Hilfsschule, wenn das noch einmal passiere. Ob er schon mal aufgefallen wäre mit solcher Gewalt, ob man ihn vielleicht einmal dabei erwischt hätte, wie er Tiere quälte, ob er ins Bett mache oder sonst irgendwie verhaltensauffällig geworden sei. Die Mutter ließ das alles über sich ergehen, aber der Vater wurde so wütend, dass er seinen Sohn zum ersten und einzigen Mal ernsthaft verdrosch. Er trug einen gewebten Gürtel an seiner Arbeitshose, der mit einer Koppel aus Messing verschlossen wurde, auf dem das alte Wappen der Reichsbahn zu sehen war, natürlich mit weggekratztem Hakenkreuz. Joseph schloss sich mit Peter im Kohlenkeller ein, zog den Gürtel aus den Schlaufen der schwarzen Manchesterhose und entfernte die Koppel. Dann zwang er Peter, die Hose herunterzulassen und sich vorzubeugen. Er bekam mehr Schläge auf den nackten Hintern als er zählen konnte. Keinen Ton gab er von sich, zuckte nur unwillkürlich. Und es war der Vater, der nach dieser schlimmen Tracht Prügel weinte.

Später auf dem Gymnasium gab es den Michael, einen weichen, freundlichen Jungen mit schwarzen Locken, der die Haare viel länger trug als alle anderen und oft richtige Oberhemden trug. Dessen Eltern waren geschieden. Er war der einzige Schüler im ganzen Jahrgang dessen Eltern geschieden waren, und weil seine Mutter nach der Trennung zurück in ihre mexikanischen Heimat gegangen war, lebte Michael beim Vater und dessen neuer Partnerin. Herr Brünsicke war Steuerberater und bewohnte einen hochmodernen, weißen Bungalow, direkt am Wald in Wichlinghofen. In der Garage gab es eine Tischtennisplatte, und immer wenn Peter dort war, spielten sie Tischtennis. Dann brachte Lydia, die Stiefmutter irgendwann immer Cola in hohen Gläsern mit Eiswürfeln und dreieckige Stullen aus Toast mit Dingen belegt, die Peter zuvor nie gegessen hatte. Noch lieber aber war Michael bei den Blasczyks, wo es handfestere Kost gab und Hagebuttentee zum Abendbrot. Außer dass sie beide in der Klasse Außenseiter waren, verband sie nichts. Von der Sexta bis zur Untertertia blieben sie Klassenkameraden, nach den Ferien war Michael weg. Peter fuhr nach Wichlinghofen, fand aber das Haus leer. Er hörte nie wieder von Michael Brünsicke.

Aber dann kam ja auch schon Karin, und gerade in jenem Alter wurde sie sein bester Freund, ja, sie war seine Freundin, ja, sie gingen miteinander und jeder wusste das, aber sie war auch sein bester Freund, also der Mensch, dem er am meisten vertraute, der ihn am meisten ernstnahm und dessen Ratschläge er annehmen und befolgen konnte. Das lag vor allem daran, dass er bei Karin nicht viele Worte brauchte, um sich zu erklären. Schon am Ende ihres ersten Sommers hatte er jede Scham über seinen Sprachfehler bei ihr abgelegt und ließ die Wörter und Sätze bei ihr einfach kommen, wie sie aus seinem Mund kommen wollten. Sie verstand das. Es muss also Karin sein, mit der jetzt zu sprechen hat. Sie muss ihm helfen, die Lage einzuschätzen und zu klären, ob seine Entscheidung richtig war. Niemand sonst. Natürlich nicht Minh Chau oder Giselle, am ehesten noch Claude, aber der lebte in seiner eigenen Korsika-Rugby-Welt und hatte bei allem Zuhörenkönnen nur zu Liebesdingen qualifizierten Rat abzugeben. Und trotzdem macht sich Peter jetzt auf zur nächsten Metro-Station, um hin zu fahren zum Bistro Sous la pin, das der Wirt selbst immer nur U Pinu nennt.

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publiziert am 21.06.15 in Oder nie ¦ 733x gelesen ¦ noch kein Kommentar