Oder nie (32)

Am nächsten Morgen begegnet Peter im Wohnraum einem nackten Mann, der sein Zwilling sein könnte. Beide sind etwa gleich groß, schlank, fast dünn und haben kurzes blondes Haar. Mit einem kurzen Blick stellt er fest, dass das baumelnde Glied des anderen auch nicht länger ist als seins. Sie begrüßen sich stumm mit einem Nicken. Dann kriecht der Nackte zurück in Minh Chaus Schlafecke, während Peter im Bad eine schöne lange Dusche nimmt und sich ordentlich rasiert. Seine vietnamesische Mitbewohnerin hat anscheinend ein ziemlich klares Beuteschema. Er fragt sich nur, welche seiner Eigenschaften sie bewogen haben mag, ihn gegen einen anderen auszuwechseln, der ihm zumindest physisch sehr, sehr ähnlich ist. Der Neue muss ihr etwas zu bieten haben, was Peter nicht aufzuweisen hat. Vielleicht hat er Kohle, aber die hat er ja nun auch. Möglicherweise ist der Nachfolger witziger, unterhaltsamer. Oder einfach der bessere Liebhaber. Er hat ja keinen Bezugspunkt, was diese Fähigkeiten angeht. Karin hat sich jedenfalls noch nie beschwert. Weil sie ein eingespieltes Team sind, hat sie – soweit er das beurteilen kann – fast jedes Mal einen Orgasmus. Und in Bezug auf die Frequenz des Geschlechtsverkehrs liegen sie auf gleicher Höhe. Alles was sie im Bett treiben, haben sie sich über die Jahre selbst erarbeitet. Es kommt ihnen normal vor.

Aber, hat Peter schon manchmal gedacht, vielleicht liegen wir ja komplett daneben und machen Dinge, die nicht normal sind. Mehr als das, was in der Bravo bei Dr. Sommer und im Kino in den Oswald-Kolle-Filmen zu lernen war, weiß er über das Sexualverhalten erwachsener Menschen in den ausgehenden Siebzigerjahren nicht. Im Grunde beschäftigt ihn das auch nicht oft und nicht besonders intensiv. Er sieht sich selbst als Romantiker, dem aufrichtige Liebe und Seelenverwandschaft wichtiger sind als schneller Sex. Insofern waren die kurze Affäre mit Minh Chau und der Ausrutscher bei Gisela ganz neue Erfahrungen für ihn, denn beide Frauen hat er nicht geliebt. In die Vietnamesin war er auf unbestimmte Art verliebt, aber das ist nicht dasselbe. Nicht normal ist sicher, dass sowohl er, als auch Karin monogam leben. Und das in einer Zeit, in der wild durcheinander gevögelt wird, in der feste Beziehung als spießig gelten und kaum noch jemand heiratet.

Er macht sich auf den Weg zum Samaritaine, um seinen Anzug abzuholen. Weil es aber noch so früh ist, fährt zuerst hoch ins Cafe, um etwas zu frühstücken. Gete arbeitet hinter der Theke. Sieht ihnn, lächelt, hebt das Handgelenk und lässt das Armband mit den sieben Anhänger klimpern. Peter ist ganz verlegen und traut sich kaum, zu ihr zu gehen, um seine Bestellung aufzugeben. “Danke sehr”, sagt die schöne Frau, “das erste Geschenk seit sehr langer Zeit.” Er nickt nur: “Einfach so.” Die Äthiopierin, die er Gete nennt, lacht kurz. “Ich heiße Makeda. Und du?” – “Peter”, antwortet er und korrigiert sich: “Pierre ist mein Name.” – “Und was möchtest du zum Frühstück?” Jetzt ist er vollends verwirrt und stammelt zusammenhanglos über Kaffee und Brötchen und Marmelade. “Gut, also einen großen Cafe Creme, zwei Corissants, Butter, Konfitüren. Richtig?” Er nickt. Als alles fertig ist, nimmt er das Tablett und geht auf die Terrasse, die inzwischen einer seiner Lieblingsorte in Paris geworden ist – nicht nur wegen Makeda. Beim Rausgehen winkt sie ihn heran: “Kommst du morgen wieder, Pierre?” – “Vielleicht. Oder übermorgen. Am Freitag sicher. Auf Wiedersehen.”

Auf dem Weg ins Basement zum Schneidereischalter kommt er in der Herrenabteilung vorbei und beschließt, sich drei weiße Hemden für den schwarzen Anzug zu kaufen. Dieses Mal wird er von einem alerten jungen Mann beraten, der ein bisschen zu servil ist, ihm aber immerhin ein ziemlich gut passendes Modell verkauft. Das könnte in Zukunft seine Standardbekleidung sein: Schwarzer Anzug und weißes Oberhemd. Fehlen nur noch die passenden Schuhe. Cowboystiefel wären nicht schlecht, denkt Peter, und erinnert sich, auf dem Marche aux Puces einen Stand voller Stiefel dieser Art gesehen zu haben. Dann holt er den Anzug ab und zieht sich in einer der Kabinen dort unten um. Der Spiegel gibt ihm recht. Und der Taxifahrer, von dem er sich zum Flohmarkt bringen lässt, wirft ihm einen Blick zu, den er als erstaunt bis bewundernd einschätzt. Dieses Mal ist er bei einem jungen Mann mit einem REnault gelandet, der offensichtlich aus Nordafrika stammt, aber kein Wort mit ihm spricht, nicht auf die anderen Verkehrsteilnehmer flucht und auch keine Musik hört. Natürlich findet Peter den Stiefelstand nicht auf Anhieb, sondern muss sich durchfragen. Tatsächlich hat der gesuchte Händler seine Hütte direkt um die Ecke vom Kleidungsverkäufer, bei dem Peter sein erstes Pariser Sakko erworben hat.

Der Tag, an dem er mit langen Haaren, Vollbart und Bundeswehrparka am Gare du Nord angekommen ist, erscheint ihm jetzt Jahre entfernt. Er spürt, dass er jetzt schon, nach kaum drei Monaten in der Stadt, ein anderer geworden ist. Auch wenn sich das bislang nur durch die Leichtigkeit, mit der er die französische Sprache spricht, und die völlig neuen Kleider ausdrückt. Wie er so vor den Auslagen mit den vielen Boots steht, fällt ihm ein, dass er eine Serie Selbstporträts fotografieren sollte. Und überlegt schon, wie wo und wann er das tun könnte. Natürlich kommt der Händler aus seinem Wellblechladen und spricht ihn an. Amerikanische Stiefel wie man sie im Western sieht möchte er haben, sagt Peter. Der Typ könnte Mongole sein, findet Peter. Denn auf seinem mittelgroßen, normalgewichtigen Körper sitzt ein großer Schädel mit einem erstaunlich flachen Gesicht, das merkwürdig ausdruckslos wirkt. Obwohl er inzwischen Menschen aus so vielen verschiedenen Regionen der Erde kennengelernt hat, flößt ihm dieser Mensch kein Vertrauen ein. Er ist kurz davor zu fliehen, da öffnet sich das Gesicht des Händlers zu einem breiten Lächeln, das nicht nur den Mund erfasst, sondern die schmalen Augen zu waagerechten Strichen zusammendrückt. “Sie überlegen, woher ich wohl komme. Richtig? Kenn ich. Sie haben so jemanden wie mich noch nie gesehen. Stimmt’s? Ist auch schwer, denn ich gehöre zu den Innuit, komme also aus Grönland und bin laut Pass Däne. Aber die Geschichte, wie ich nach Paris gekommen bin und Händler auf dem Flohmarkt geworden bin, erzähle ich ihnen erst, wen sie mindestens ein Paar Stifel gekauft haben. Einverstanden?” Das Französisch des waschechten Eskimos hört sich gleichzeitig hart und singend an, ist aber was die Grammatik angeht perfekt. “Ich heiße übrigens Sos, das bedeutet Bär. Sos Christensen.” Reicht Peter die Hand, der rasch sagt: “Mein Name ist Peter. Ich bin aus Deutschland.”

Dann wendet sich Sos seinem Beruf zu, stellt Peters Schuhgröße fest, vermisst aber auch die Breite an den Zehengelenken und die Höhe des Spanns und fragt nach seinen Vorstellung in Sachen Farbe und Dekor. “Schwarz”, sagt Peter, “schwarz mit möglichst wenig Dekor.” Der Händler verschwindet zwischen den eng stehenden Regalen und kommt dann mit drei Kartons auf dem Arm wieder. Er hat Peters Wünsche genau verstanden, sodass es eigentlich nur darum geht, ob die Stiefel passen. Als er das erste Paar an den Füßen hat und aufsteht, fühlt er sich sofort zuhause, trotz der engzulaufenden Spitzen und der merkwürdigen Absätze. Er fragt nach dem Preis. “Einfaches Modell. Sagen wir 720.” Das sind 240 Mark, rechnet Peter nach und findet das in Ordnung. “Aber, Moment”, sagt Sos und hält die Hand als Stoppzeichen, “ich habe da ein Paar in deiner Größe, das sehr ungewöhnlich ist, aber das dir sicher gefallen wird. Ausgefallen und selten. Setz dich, ich hol sie.” Dann stehen sie vor ihm, die Stifel ganz aus Schlangenhaut. “Pito negra, also Leder von der schwarzen Python”, erklärt der Händler, “wunderbares Material, ganz unempfindlich, brauchen wenig Pflege.” Und sitzen wieder perfekt an Peters Füßen. “Wieviel?” Sos öffnet und schließt dreimal die linke Hand. Natürlich hat Peter überhaupt keinen Vergleich, aber 500 Mark für diese wunderbaren Stiefel, diese Rarität, erscheinen ihm nicht zuviel. “Nehm ich”, sagt er kurz, und der Stiefelexperte nickt zufrieden. Beim Rausgehen schaut er Peter an, setzt wieder das große Grinsen auf und sagt: “War mir ein Vergnügen. Und jetzt müssen wir uns nur noch verabreden, damit ich dir meine Geschichte erzählen kann und du mir deine. Was meinst du?” Sein Gegenüber nickt. “Morgen schon was vor? Okay, dann lade ich dich in mein Lieblings-Couscous-Restaurant ein. An der Rue de la Chapelle, heißt Porte du Sahara, paar Meter von der Metro entfernt, auf der linken Seite Richtung Stadt. Neun Uhr abends – okay?” Peter nickt wieder und schüttelt die angebotene Hand. Fährt aus Sparsamkeitsgründen mit der Metro zurück zum Haus, in dem Minh Chau wohnt und in dem er sich kaum noch als Gast fühlt.

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publiziert am 03.07.15 in Oder nie ¦ 740x gelesen ¦ noch kein Kommentar