Oder nie (37)

Er hat es sich gemütlich gemacht in seinem kleinen Hotelzimmer mit dem Fenster zum Innenhof und einem Duschbad, das er fast ganz ausfüllt, wenn er sich die Zähne putzt. Außerdem ist es so niedrig, dass er sich beinahe den Kopf stößt. Das Bett hat eine ungewöhnliche Breite, und der fagt sich, wie zwei erwachsene Menschen auf geschätzten Einsvierzig gleichzeitig schlafen können. Außerdem ist es zu kurz für seine Länge von fast zwei Metern. Trotzdem ist er gern hier. Sitzt im Cocktailsesselchen oder im Bett, angelehnt an das gepolsterte Kopfteil, trinkt seinen Bourbon und schaut Fernsehen. Gerade läuft die Tour de France. Hinault strampelt wie ein Verrückter, und weil die französischen Reporter kommentieren wie die Verrückten, hat er den Ton abgeschaltet. Überall in der Stadt sitzen jetzt Männer in den Cafés, die L’Equipe, die Sportzeitung, lesen, weil alle wollen, dass dieser bullige Bretone gewinnt. Wie ja jeder Franzose immer will, dass ein Franzose die Tour gewinnt. Peter interessiert sich nicht besonders für sportliche Wettkämpfe und schon gar nichts für Radrennen. Ihm gefällt das bunte Gewimmel der Fahrer, die Farben der Zuschauer und besonders die Luftaufnahmen, die erstmals von einem Helikopter aus aufgenommen werden. Er nippt gerade am dritten Whiskey, da schellt das Telefon. Ludwig ist dran und keift ohne jede Begrüßung los: “Was hast du mit Charles gemacht!”

Nachdem LaBanda ungefähr fünf Minuten am Stück gezetert und geschimpft hat und eine Pause macht, sagt Peter: “Dem Arsch eine verpasst. Das hab ich gemacht.” Und berichtet in knappen Sätzen, was am Vormittag im Stau geschehen ist. “Menschenskinder, Peter, der ist zur Polizei gerannt und hat Anzeige erstattet! Jetzt bist du dran. Kannst froh sein, wenn sie dich ausweisen und nicht gleich in den Knast stecken.” Peter sieht den kleinen, dürren Kerl mit den abstehenden Haaren förmlich wie ein Rumpelstilzchen um den Telefonapparat tanzen. “Ich ruf gleich Olivier an, der soll seinen besten Anwalt losschicken. Und du rührst dich nicht vom Fleck bis dich der Anwalt angerufen hat. Mensch, Mensch, Mensch, musste das denn sein?” Da erzählt ihm Peter, wie oft Charles ihn versetzt hat wie feindselig er sich verhalten und wie hasserfüllt er Ya, den Mann aus dem Senegal schon beim Einsteigen angeschaut hat. “Du müsstest das doch kennen, von Rassisten gehasst zu werden, Lu…” – Gut, gut, gut”, antwortet der Emigrant, “Charles ist ein Arschloch, aber ein fantastischer Fototechniker. Was soll ich tun? Nur weil der ein Antisemit und Rassist ist, kann ich den doch nicht rausschmeißen.” – “Doch”, antwortet Peter und legt auf.

Natürlich beunruhigt ihn die Sache. Er kann nicht einschätzen, wie bedrohlich die Situation wirklich ist. Würde sich jetzt gern mit Claude beraten, aber der dürfte jetzt gegen zwei Uhr nachts schon nicht mehr im Lokal sein. Oder Karin anrufen. Aber die schläft sicher auch schon. Aber genau in dem Moment, kaum eine Viertelstunde nachdem er mit Ludwig telefoniert hat, meldet sich Oliviers persönlicher Anwalt, Maitre Leducq. Der nuschelt ein ausgefeiltes Französisch in die Sprechmuschel, sodass Peter kaum die Hälfte versteht. Jedenfalls solle er sich am kommenden Morgen um neun in der Kanzlei in der Rue de Montevideo einfinden und unbedingt seinen Reisepass mitbringen. Man werde dann gemeinsam zum Commissariat des zwölften Arrondissment fahren, wo dieser Charles seiner Anzeige erstattet hat. Dort wird Peter dann mit Unterstützung des Anwalts seine Aussage machen. Leducq fügt hinzu, dass er den dortigen Leiter kenne, da werde die Sache wahrscheinlich schon mit der Vernehmung erledigt sein. Peter fragt, weshalb er den erst in die Kanzlei kommen müsse, die am ganz anderen Ende der Stadt läge, und sie sich nicht gleich in Bercy treffen sollten. “Das müssen Sie schon mir überlassen”, sagt Leducq barsch, fügt knapp “Gute Nacht” hibzu und legt auf. Nach einem weiteren Glas vom Bourbon kann Peter dann auch einschlafen.

Der Hauptgrund, weshalb Eduard als schwarzes Schaf der Familie galt, war, dass er regelmäßig mit der Polizei zu tun hatte. Man hatte nichts mit der Polizei zu tun. Das war so. Denn wer mit der Polizei zu tun hatte, der war nicht sauber, nicht seriös, nicht bürgerlich. Was konnte es für eine Arbeiterfamilie in den Sechzigerjahren Schlimmeres geben, als nicht bürgerlich zu erscheinen? Wer wollte noch Proletarier sein, wo doch selbst die Sozialdemokratische Partei sich von diesem begriff verabschiedet hatte? Gut, gerade im Viertel gab es eine Menge Familien, die nicht im mindestens bürgerlich waren. Clans wie die Knorreks mit ihren zwölf Kindern, von denen es hieß, sie würden untereinander Kinder machen. Aber die hatten mit der Polizei zu tun, wenn das Familienoberhaupt wieder einmal seine Frau geschlagen und die Nachbar den Streifenwagen gerufen hatten. Oder die vaterlosen Pagas aus der Lessingstraße, deren beiden ältesten Söhne Anführer einer Rockerbande waren, die nicht nur die halbe Stadt terrorisierte, sondern sich durch Einbruchdiebstahl ernährten. Frau Paga, hieß es, werde schon schwanger, wenn sie nur eine Männerunterhose aus der Ferne sähe. Ihre neun Kinder, hieße es auch, stammten von acht verschiedenen Vätern. Und das auch nur, weil die mittleren Töchter Zwillinge seien. Nur die kleinkriminellen Söhne, die seien quasi rechtmäßig entstanden. Gerhard, der älteste, als Sohn des ersten Ehegatten der Frau Paga, der 1941 in Weißruthenien fiel, woraufhin sie umgehend wieder heiratete und gleich schwanger wurde. Jürgen hieß der zweitälteste, der 1942 auf die Welt kam. Beide wurden allerdings nicht alt. Jürgen starb bei einem Unfall als er mit seiner schweren Norton ungebremst gegen einen Brückenpfeiler der Überführung über die B1 in Dorstfeld raste; da war er gerade sechsundzwanzig. Sein älterer Halbbruder erreichte immerhin seinen dreißigsten Geburtstag, den er mit seinen Kumpels groß im Bordell in der Linienstraße. Wenige Tage später legte er sich draußen in Methler mit Zigeunern an, denen er einen Winnebago hatte abkaufen wollen. Mit dem Wohnmobil wollte er die ganz große Reise antreten, Türkei, Afghanistan, Indien und so, weil er sich nun als Hippie fühlte, und vor allem wegen Moni, die ihn bekehrt hatte. Es hieß, er habe versucht, die Zigeuner zu bescheißen. Jedenfalls fand man ihn am nächsten Morgen mit siebenunvierzig Stichwunden im Leib im Straßengraben an der Landstraße auf halbem Weg zwischen Kurl und Asseln. Den Tag überlebte er nicht mehr. Jedenfalls gingen die Streifenbeamten bei den Pagas ein und aus, und Joseph sagte immer: “Haltet euch von denen fern, sonst kriegt ihr auch Ärger mit der Polizei.”

Die Sache klärt sich dann erstaunlich schnell. Auf der Wache werden Maitre Leducq und er sofort ins Büro des Präfekten gebeten, wo man ihnen gleich Kaffee kredenzt. Der Anwalt und der Polizist reden schnell und in komplizierten Sätzen voller Fachbegriffe, die Peter nicht kennt. Er hört nur mehrfach das Wort “Missverständnis” und “Lügner”. Dann steht der Vorsteher auf, reicht Peter die Hand und sagt auf Deutsch: “Guten Tag!” Damit sind sie entlassen, und Leducq chauffiert Peter in seinem dunkelblauen Renault R20 bis zur Place de la Concorde. Er bedankt sich beim Anwalt, der ihn durchweg eher unhöflich behandelt hat, und bekommt ein “Bis zum nächsten Mal” als Abschiedsgruß.

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publiziert am 13.07.15 in Oder nie ¦ 671x gelesen ¦ noch kein Kommentar