Oder nie (39)

Ist den ganzen Tag unterwegs. Dreht Schleifen ums Samaritaine. Hat die Mamiya dabei und das Stativ und versucht Panoramaaufnahmen von den Brücken, von Notre Dame, von den Ufern. In den Boul’Mich hinein, auch im Jardin du Luxembourg. Nimmt hier ein Taxi, lässt sich irgendwo hin bringen, kehrt wieder zurück an den Pont Neuf. Hoch ins Café, aber Makeda ist nicht da. “Hat heute vormittag frei”, sagt die Kollegin mit der Kinderstimme. Baut seine Ausrüstung draußen auf der Terrasse auf und fotografiert über die Dächer des Quartier Latin hinweg. Verschießt sieben, acht Filme. Hoch zu Sacre Coeur. Weitere Aufnahmen vom Kopf der Treppe aus. Es ist schwül, die Luft milchig. Hat sein Jackett längst abgelegt. Schwitzt in seinen Stiefeln. Kauft Turnschuhe im Kaufhaus. Dann ins Hotel. Die Nikon mit dem starken Tele. Zieht sich um: die alte Jeans und dieses quergestreifte T-Shirt. Jetzt ist es zwei, und er läuft zum Samaritaine. Makeda müsste jetzt da sein, ihr Schicht beginnt. Aber die freundliche Thekenverkäuferin sieht ihn amüsiert an und teilt ihm mit: “Hat sich krankgemeldet, die liebe Kollegin.” Ob sie denn wisse, wo Makeda wohnt. “Ach, im Abessinierviertel, oben im Goutte d’Or.” Ja, das wisse er schon, habe aber keine Adresse.

Das Viertel der Äthiopier im Quartier der Afrikaner umfasst nur zwei Häuserblocks an der Rue Ordener. Hier sind die Gehwege bevölkert mit schönen Menschen beiderlei Geschlechts und aller Altersklassen, die würdevoll unter den Platanen schlendern oder dekorativ am Straßenrand stehen und plaudern. Die zwei Restaurants heißen Adis Abeba und Erithrea, in den Obstläden werden Berge von Früchten angeboten, die Peter nicht kennt. Dazu Kartoffeln, die riesig sind und spitze Enden haben. Der Duft hier unterscheidet sich deutlich von dem im Rest des Goutte d’Or. Genau wie die Kleidung. Die Kinder sind durchweg westlich gekleidet, die jungen Menschen auch. Nur zwei, drei alte Männer laufen in schlichten Umhängen aus naturfarbener Baumwolle mit dezenten Franstreifen an den Rändern umher. Sie tragen Gehstöcke mit geschnitzten Tierköpfen. Auch die Musik, die aus den Bars und Cafés dringt. hört sich völlig anders an: melodischer, weniger hektische Rhythmen und eine weiche Sprache. Im Hotel hat er die Nikon gegen die unauffällige Leica eingetauscht, traut sich aber nicht, die Menschen zu fotografieren. Außerdem hat er Wichtigeres zu erledigen.

Betritt auf gut Glück die Bar an der Ecke. Alle Tisch sind besetzt, die Männer reden leise und trinken Tee aus hohen Gläsern. Am Tresen ein sehr hochgewachsener Mann, den Peter auf mindestens vierzig schätzt. Der poliert Gläser und verfolgt ihn mit den Blicken. “Makeda? Ich suche eine Frau namens Makeda.” Der Mann setzt das Glas, an dem er gearbeitet hat, sanft aufs Regalbord und hängt das Geschirrtuch an einen Haken daneben. Er wendet sich Peter zu: “Suchen wir nicht alle eine Frau? Seitdem unsere Mütter uns nicht mehr gestillt haben? Muss es eine Makeda sein? Wie wärs mit einer Gete, Bikele, Marie, Hanniya oder Helga?” – “Nein, nein, ich suche eine ganze bestimmte Makeda, die arbeitet im Samaritaine. Muss ihr dringend etwas sagen.” Der Barmann schaut sich suchend im Gastraum um, dann ruft er in seiner Sprache etwas zu einem der Tische herüber. Ein ganz junger, sehr dünner Typ steht auf und kommt rüber. “Makeda, hä?” Peter nickt. “Und warum?” – “Ich will sie einladen auf ein Fest.” Der Schlanke dreht sich zum Barkeeper und sagt betont langsam: “Er will Makeda auf ein Fest einladen. Wahrscheinlich so ein Weißen-Fest mit lauter weißen Männer, die nicht ganz so weiße Frauen mit sich führen. So als Schmuck.” Peter spürt, dass etwas schiefläuft, sagt “Gut, gut…” und ist schon durch die Tür als weitere Gäste sich erhoben haben, um ihm auf den Leib zu rücken.

Er läuft und ist dankbar, dass er die Boots gegen Laufschuhe getauscht hat. Geradeaus und ums Eck. Wechselt dann in einen schnellen Schritt. Hier ist in jedem Haus ein Laden: Lebensmittel, Kleidung, Töpfe und Pfannen, eine Art Drogerie und ein Frisör. Aus den Augenwinkeln sieht er sie: Makeda auf dem hintersten Platz, den Kopf unter einer Trockenhaube halb verborgen, in einer Illustrierten blätternd. Setzt schon an, den Laden zu betreten, hält dann aber inne. Wer weiß, wie die Damen beim Coiffeur es gefallen würde, wenn ein weißer Kerl einfach so hineingestürmt kommt. Er wird warten. Zum Glück steht am Bordsteinrand eine schmächtige Platane. Er lehnt sich an den Stamm und sucht nach seinen Zigaretten. Die hat er im Anzugsakko im Hotel. Sucht mit Blicken nach dem roten, rombenförmigen Tabac-Zeichen. Ungefähr sieben, acht Häuser weiter findet er eins. Überlegt kurz, ob er es wagen kann, wie groß das Risiko ist, sie zu verpassen. Geht dann doch schnell hinüber und kauft eine Gauloises und Zündhölzer. Kehrt zurück, schaut ins Frisörgeschäft und erschrickt: Makeda sitzt nicht mehr auf dem Stuhl unter der Trockenhaube. Sieht sich um, ob sie den Laden vielleicht gerade verlassen hat und auf dem Gehsteig unterwegs ist. Dreht sich um, überblickt die gegenüberliegende Straßemnseite. Als ihm jemand die Hand auf die Schulter legt: “Peter, was machts du denn hier. Wie hast du mich gefunden?”

Dann sitzen sie in einem winzigen Café an einem kleinen Tisch vor großen Kaffeetassen und versuchen, miteinander zu reden. Wo sie sich doch zum ersten Mal außerhalb des Samaritaine treffen, wo er sie doch zum ersten Mal in ihrer eigenen Kleidung sieht, einem dunkelbraunen, nicht sehr kurzen Rock, einem schwarzglänzenden Oberteil mit kurzen Ärmeln. Rote, halbhohe Schuhe an den Füßen. Sie trägt das Armband, das er ihr geschenkt hat. Eigentlich möchte er gern mit der Tür ins Haus fallen, sie also einfach einladen für die Party am Freitag. Fragen, ob sie ihn begleiten wird. Makeda möchte aber lieber wissen, wie er sie gefunden hat. Möchte auch endlich wissen, wer er ist, ihn besser kennenlernen. Und so schweigen sie und nippen am Kaffee; der beste Kaffee, den Peter je getrunken hat. Ungesüßt und ohne Milch, kräftig mit einer leichten Zimtnote. “Abessinischer Kaffee”, sagt sie schließlich. “unser Kaffee aus dem Hochland. Der Wirt röstet selbst.” Pause. “Du bist gar nicht krank?” Makeda lacht kurz auf. “Nein, hatte keine Lust. Außerdem gibt’s ein Problem in der Familie. Mein Cousin…” Er nickt. “Aber jetzt. Warum hast du mich gesucht?” Peter windet sich ein bisschen, schaut links und rechts an ihrem schönen Gesicht vorbei und sagt dann: “Wollte dich einladen. Freitagabend. Auf eine Party. In einer Diskothek. Freunde von mir, weißt du.” Sie strahlt: “Ja, gerne begleite ich dich. Wunderbar, war schon lange nicht mehr auf einer Party, und Diskothek kann ich mir nicht leisten. Oh, Peter, ich freu mich.”

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publiziert am 17.07.15 in Oder nie ¦ 985x gelesen ¦ noch kein Kommentar