Oder nie (41)

Da kann er nicht antworten. Aber Giselle, die er in die Rue des Rigoles begleitet, hakt auch nicht nach. Soll sie mit dem moralischen Zeigefinger wedeln, ihm ein schlechtes Gewissen machen? Natürlich ist sie klug genug zu ahnen, dass Peter genau das, was er in Paris betreibt und erlebt, für den Rest seines Lebens brauchen wird. Ganz gleich, ob er zu Karin zurückkehrt. Sie weiß, er muss das alle tun – jetzt oder nie. So plaudern sie Unverfängliches bis sie an der Haustür sind. Edith liegt mitten in der Nacht in ihrem Fenster, die feisten Arme auf einem orientalischen Kissen gelagert. “Ach, herrje, ich warte doch auf den Referend. Der wollte mir noch die Kostüme der Chorsänger zum umnähen bringen”, jammert sie. “Mitten in der Nacht?” fragt Giselle. “Ja, ja, der ist mit dem Zug aus Lille gekommen, Ankunft dreiundzwanzig Uhr neunzehn. Und braucht natürlich auch noch seine Zeit bis er mit dem Taxi hier ist. Wie wär’s mit einem kleinen Likör zur guten Nacht? Kommt rein.” Und dann sitzen sie in der blitzblanken Küche am Tisch, auf dem eine Plastikdecke mit Weinranken und Tomaten liegt, und trinken einen schrecklich süßen Fruchtlikör aus fingerhutgroßen Gläsern. Die Frauen reden belangloses Zeug, und Peter hört nur zu und fühlt sich plötzlich ganz zuhause.

Tritt den Heimweg dann zu Fuß an. Hat den falschen Film in der Leica, sodass ihm viele Motive im nächtlichen Paris verloren gehen. Überlegt, was ihm eigentlich noch fehlt, was er also noch nicht gesehen oder erlebt hat in der Stadt von den Dingen, die das Leben in dieser Stadt ausmachen. Er hat sich auf verschiedene Weise durch die Stadt bewegt, ist viel mit der Metro gefahren, zu Fuß gegangen, hat Taxen genutztund sich in einer Limousine chauffieren lassen. Nur ist er weder geraddelt, noch hat er selbst am Lenkrad eines Autos gesessen; aber beides kann er ja auch nicht. Er war einkaufen, hat auswärts gegessen und kann das U Pinu sogar seine Stammkneipe nennen. Jede Menge ganz verschiedener Leute hat er kennengelernt und dabei hat sich schon eine Art Freundes- oder wenigstens Bekanntenkreis gebildet. Allerdings war er noch nie Im Kino oder auf einem Konzert. Und eine Party oder Feier hat er auch nicht miterlebt. Und schließlich spricht es nicht für ein Zuhause-Gefühl, in einem Hotel zu leben anstatt in einer eigenen Wohnung. Dafür spricht der Sprache fast besser als seine eigene und kennt sich in Paris mittlerweile perfekt aus.

Plötzlich erhebt sich linkerhand eine Backsteinmauer, vielleicht drei Meter hoch. Die Straße beschreibt eine leichte Kurve und führt sanft hügelaufwärts. Zwei getigerte Katzen kommen ihm entgegen, eng an der Mauer entlang. Erst gut hundert Meter weiter ein großes schmiedeeisernes Tor. Ein Park, ein Kiesweg, der hineinführt, und im Hintergrund eine düstere Villa. Mitten in Paris. Zwei Hunde schlagen an, eine Stablampe wird eingeschaltet, jemand blendet ihn. Er sieht den Menschen nicht, er hört nur die Schritte auf dem Kies. Dann senkt der Mann die Lampe und spricht ihn an: “Na, so spät noch unterwegs?” Er trägt eine Flinte über dem Unterarm, neben ihm hecheln zwei große, schwarze Hunde, die er an schweren Lederleinen führt. “Ja, nachhause”, antwortet Peter. Und ist doch neugierig: “Wer wohnt da?” Der Typ tritt ganz dicht ans Gitter und setzt das Gewehr ab. “Die Millets, aber nur die alte Herrin ist da. Ist sowieso kaum noch jemand hier in letzter Zeit. Alle unterwegs. Amerika, und so. Monte Carlo, Cote d’Azur, Saint Tropez, was weiß ich. Bin ja nur der Wachmann.” – “Gibt es einen Sohn namens Frederic?” Der Wachmann denkt kurz nach: “Glaube nicht, höchstens ein Neffe oder so. Also keiner, der zum Clan gehört. So, ich muss mal wieder los, die Runde gehen. Guten Heimweg.” Und verschwindet im Schatten der Mauer.

Obwohl es schon fast drei Uhr ist, braucht Peter zwei Whiskey, um einschlafen zu können. Er fällt in einen Traum, in dem er schnell läuft. Über eine hügelige Sommerlandschaft. Kornfelder und Weiden durchzogen von schmalen Wegen. Kein Dorf, keine Stadt. Irgendwo rauscht ein Bach, da ist ein Gehölz. Er ist erschöpft und durstig. Doch als er am Gewässer ankommt, liegt es trocken. Als ob jemand den Hahn zugedreht hätte. Draußen sind die Felder jetzt abgeerntet. Die Wiesen hat man mit Schotter zugeschüttet. Er verliert im Laufen einen Schuh. Bald ist die Sohle blutig. Die Sonne steht unentwegt genau senkrecht über ihm. Er muss jetzt etwas trinken. Ein Gebirge erhebt sich. Die Luft wird kühler. Er gerät in eine Schlucht. Am Ende ein kreisrunder See, in den sich ein Wasserfalls aus großer Höhe ergießt. Bis auf zwei Meter kommt er heran, ab die letzten Felsen bieten keine Möglichkeit, sie zu übersteigen. Die Schlucht wird zum Tal, die Felsen zu Hügeln. Der geteerte Weg ist links und recht von leeren Flaschen gesäumt, manche zerbrochen. In der Erde neben der Straße feuchte Flecken. Am Horizont ein Wirtshaus. Bedienungen in prallen Dirndln schleppen schwere Maßkrüge. Dann hat er den Biergarten erreicht. Aber der Wirt schüttelt den Kopf: Wir schließen. Peter bittet und bettelt, aber der Inhaber verweigert ihm ein Getränk. Dann plötzlich die Lambachstraße, das Haus, in dem er wohnt. Er schafft die Stufen noch. Eine fremde Frau steht in der Wohnungstür, eine schöne, große Frau. Sie reicht ihm eine Schale. Es ist ein heller Wein, und er trinkt alles auf einen Zug aus. Sie nimmt das Gefäß, schaut ihn mit traurigen Augen an und schlägt dann die Tür vor seiner Nase zu.

Nur selten erinnert er sich an seine Träume. Und wenn, dann bleiben nur Bilder hängen, Momentaufnahmen, Szenerien, Gesichter. So auch am folgenden Morgen. Er erwacht voller Trauer und spürt, dass er etwas verloren hat. Ist sich nicht sicher, ob er dafür etwas gewonnen hat. Er sitzt im Bett, hat sich einen Milchkaffee und ein Brioche bringen lassen und schaut fern. Das Telefon schellt, er hebt ab. “Pass auf, du Drecksau”, sagt eine Stimme, die er sofort erkennt, “so kommst du aus der Sache nicht heraus. Dass du mir die Nase gebrochen hast, wäre nicht das Problem. Aber dass ich wegen dir den Job verloren habe, dafür wirst du büßen. Du wirst keinen sicheren Platz mehr finden in dieser Stadt. Glaub mir, ich bin hier geboren und aufgewachsen, habe mein ganzes Leben hier verbracht, ich kenne jeden Winkel. Vor mir kannst du dich nicht verstecken, hörst du. Und irgendwann werde ich dich erwischen. In der passenden Situation. Und dann wirst du bereuen, dass du mir überhaupt begegnet bist. Dass du überhaupt nach Paris gekommen bist. Am besten wäre, du verpisst dich einfach.” Der andere legt auf, und Peter starrt minutenlang der Hörer an.

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publiziert am 22.07.15 in Oder nie ¦ 923x gelesen ¦ noch kein Kommentar