Oder nie (43)

Bittet Ya, ihn zur Porte de Clignancourt zu fahren, er wolle noch rasch auf den Flohmarkt. Der Chauffeuer setzt ihn am Eingang ab, und Peter versucht sich zu orientieren. Schaut bei Sos, dem gronländischen Trenchcoat-Händler vorbei. Aber der hat geschlossen. Verläuft sich ein paar Mal und findet dann aber doch den Laden mit dem kleinen jüdischen Pariser, dem er seinen Parka im Tausch gegen Sakko und Pullover gegeben hat. “Ha”, schreit der, weil er den großen, blonden Deutschen sofort erkennt, “der Deutsche! Guter Deutscher, schöner Deutscher, schon wieder in Paris?” – “Immer noch”, sagt Peter. “Was kann ich für dich tun?” sagt der Zwerg auf Deutsch, aber der gute Deutsche antwortet in bestem Französisch: “Ich möchte meine Jacke zurück, die ich dir vor ein paar Monaten verkauft habe. Die grüne Jacke mit der Flagge am Ärmel. Hast du die noch?” Der Händler legt den Kopf schief: “Was zahlst du?” Peter legt seinen Kopf in die andere Richtung und fragt: “Wieviel willst du?” Über das Gesicht des kleinen Mannes ziehen Stürme des Denkens. Nach einer Weile: “Sagen wir dreihundert, weil du es bist.” Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern holt sein Kunde eine Rolle Banknoten aus der Hosentasche und zählt sechs Fünfiger ab. Hält sie dem Händler hin, der sofort danach greift. “Moment, erst die Jacke!” Und der Flohmarktmann verschwindet im Dschungel seiner Schränke und Kleiderstangen. Sie tauschen Kleidung gegen Geld, und der Jude fragt: “Sonst noch was?” Peter schüttelt den Kopf, reicht dem Mann die Hand und sagt nur: “Danke.”

Er ist mit der Metro zur Opera gefahren und den Boulevard hinab geschlendert, an der Madeleine vorbei zur Rue de l’Arcade, zum Hotel. Dort hat er sich umgezogen und macht sich auf den Weg zum Korsen. Es fühlt sich gut an, wieder in Jeans und blauem Hemd mit dem Parka darüber herumzulaufen. Nur die Stiefel, die hat er anbehalten. Und auch die Metro macht ihm wieder Spaß. Schon auf dem Marche aux Puces hat ein leiser, gleichmäßiger Regen eingesetzt, der kontinuierlich stärker wird. Dabei ist es beinahe windstill, aber die wenigen Einheimischen, die nicht in den Ferien sind, hasten sofort unter Schirmen über die Gehsteige und Fußgängerüberwege. Er aber spaziert gemütlich die Rue Royale runter zum Place de la Concorde. Taucht hinab in die Metrostation und nimmt einfach die Bahn zum Etoile. Die weißgekachelten Gänge mit den Reklametafeln. Die Treppen und Übergänge, alles feucht, aber von lauwarmer Luft durchzogen. In einer toten Ecke steht ein junger Mann mit hüftlangem Haar und spielt melancholische Lieder auf seiner Violine. Dann die Flics, die eine Bettlerin aufscheuchen. Ein sehr großer Hund pinkelt an die pneumatische Tür. Von irgendwoher in diesen Katakomben erklingt Akkordeonmusik. Ein feiner Herr mit altmodischem Hut rempelt ihn leicht an und entschuldigt sich sofort, wobei er den Hut zieht. Peter hat die Hände in den Hosentaschen und wechselt von einem Bahnsteig zum anderen. Kommt an den Tunnel Richtung Trocadero und sieht weit drinnen ein Flackern. Das wird ein Bautrupp sein wie der von Pierot, den er damal begleitet hat. Tatsächlich bringt der Metrowind den Geruch geschweißter Schienen herüber.

Er würde gern die ganze Nacht hier unten bleiben, ganz raus nach Defense fahren, dann quer unter der Stadt durch nach Ivry, hoch bis zur Porte de la Chapelle und dann in den Süden nach Bicetre. Einmal mit der Linie 6 bis Nation und weiter mit der 2 rundherum bis zum Etoile. Vielleicht aber auch mit dem Bus von hier kreuz und quer bis zur Porte de Pantin. Irgendwann käme er dann bei Belleville vorbei, und dann wären es nur noch ein paar Schritte bis zum seinem Stanmbistro. Solche Reisen hat er in seiner Heimatstadt nie unternommen, wohl aber zwei oder dreimal in Düsseldorf, diesem ungeliebten Studienort, den er nie verstanden hat. Roland war der einzige echte Düsseldorfer unter den Kommilitonen, ein untersetzer Kerl mit schwarzem Schnäuzer und einer dichten, wilden Frisur, der ständig redete, nie ganz ernsthaft, immer um einen Witz bemüht und mit dem Hauch Arroganz, den man den Eingeborenen der Landeshauptstadt nachsagt. Der war auch in der Fotoklasse von Professor Quasi, hatte aber beschlossen, nur noch Fotos abzupausen und die Zeichnungen zu präsentieren. Roland hielt das für eine originelle Idee, und Peter mochte diese Zeichnungen auch. Es gab sogar ein Poträt von ihm. Sein Kollege hatte eine passfotoähnliche Aufnahme gemacht und auf 40 mal 30 vergrößert. Dann Butterbrotpapier drübergelegt, die Konturen nachgezeichnet und die Halbtöne in Schraffuren übersetzt. Der Klassenleiter fand Rolands Arbeiten grandios und förderte ihn, wo er konnte. Kurz bevor Peter nach Paris gegangen war, erlebte der Mitschüler seine erste Einzelausstellung in einer renommierten Galerie in der Altstadt.

Es war Roland, der ihm beibrachte, dass in Düsseldorf der Rhein nicht immer im Westen läge. Das wäre die Denkfalle, in die beinahe alle Zugezogenen tappten, wenn sie sich orientieren wollten. Denn tatsächlich macht der Fluss ja verschiedene Bögen, gerade im Süden, wo er oft anzutreffen ist, wo ihn kein Ortsfremder vermutet. Oder der Blick aus dem Hafen. Roland hatte gefragt, wo Peter denn den Flughafen vermute. Tatsächlich, so Roland, lägen die linksrheinischen Stadtteile ja auf einer Art Halbinsel, also zu gut 270 Grad vom Rhein umflossen. Deshalb befände sich der Flughafen von Lohausen praktisch hinter der Kirche am Barbarossaplatz. Der war es auch, der Peter ein paar Straßenbahn- und Buslinien zur Erkundung empfahl. Tatsächlich fuhr er dann einmal mit der 1 zum Benrather Schloss und quer in Süd-Nord-Richtung bis nach Rath. Aber außerhalb der Altstadt und Teilen der Innenstadt fand er Düsseldorf langweilig, uninteressant, ja hässlich. Nur der Hafen, der gefiel ihm. Der hatte andere Dimensionen als der winzige Dortmunder Kanalhafen. Da fuhr er mit dem 25er hin, bis zur Bremerstraße, und stromerte dann an den Hafenbecken entlang. Fotografierte die Futtermittelfabriken, das Werk für Asphaltchemie und die Verladestation bei Hamm. Hunderte Fotos schoss er beim Bau des neuen Blocks am Kraftwerk Lausward, und in der Farbenfabrik durfte er sogar in den Produktionsräumen Aufnahmen machen. Im unwahrscheinlichen Fall, so dachte er damals, dass er je nach Düsseldorf zöge, würde er nur im Hafen wohnen wollen. Und hatte sich auch schon eine Adresse ausgeguckt: ein hinter dichtem Buschwerk verstecktes Häuschen, zu dem ein Bootsschuppen gehörte, ganz an der Spitze zwischen den zwei äußeren Hafenbecken.

Und so ist es bereits nach Mitternacht als er bei Claude einläuft. Ob er noch etwas essen könne, fragt er vorsichtig. Der Wrirt grinst und sagt: “Wer keinen schwarzen Anzug trägt, kriegt bei mir zu jeder Zeit was zu Beißen.” Entert höchst persönlich die Küche, und kommt nach einer Viertelstunde mit einer Terrine wieder raus, die dampft und duftet. “Fischsuppe”, sagt er, “von heute Mittag. Hat Ali gekocht nach einem Rezept aus Oran, von seiner Oma. Hab ich heute selbst drei Portionen von gegessen. Hab aber leider kein Brot mehr.” Er stellt seinem Gast einen Teller dazu, und der beginnt schweigend zu löffeln. Gewürze, die er nicht identifizieren kann, ein mächtiges Aroma, das Bilder in seinen Kopf schreibt, ockerfarbene Straßen mit ockerfarbene Häusern an einer ockerfarbene Kaimauer, gegen den mittelmeerblau die Wellen schlagen, die Gischt trägt den Geruch der Meeresfauna mit sich, und auf der Veranda sitzt eine alte Frau und nimmt kleine Fische aus.

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publiziert am 25.07.15 in Oder nie ¦ 907x gelesen ¦ noch kein Kommentar