Oder nie (44)

Hat die ganze Nacht von Donnerstag auf Freitag im Labor verbracht. Obwohl er selbst kaum noch auf Fotosafari war vor lauter Besichtigungsfahrten, hat sich doch eine ganze Menge Material angesammelt. Gegen Morgen hat Peter zwölf groß gezogene Aufnahmen an die Wand gepinnt, steht davor und schaut sie sich in Ruhe an. Eines wird im klar: Um ausreichend viele und gute Fotos für die Examensarbeit muss er sich keine Sorgen machen, denn auch dieses Mal sind mindestens sechs, sieben Bilder dabei, die ins Konzept passen. Zum Beispiel zwei Totalen in der Teppichfabrik, drei Fotos aus der Gießerei und die letzten Aufnahmen vom Großmarkt. Er wird nicht beim Schwarzweiß bleiben, sondern auch einige Farbabzüge brauchen. Wird Lus Assistenten fragen, ob ihn jemand dabei unterstützen kann, denn mit dem Farbpositivprozess kennt er sich nicht aus. Überhaupt: Vielleicht können ihm die Leute von Elle-Elle auch dabei helfen, eine Ausstellungsmöglichkeit zu finden, denn je öfter er die sehr großen Anzüge sieht, desto deutlicher steht ihm eine Ausstellung vor Augen. Eine Präsentation der Examensarbeit im Rahmen einer Galerie, zum Beispiel. Dann geht er das Archiv seiner Paris-Fotos noch einmal durch und trägt in seiner Kladde nach, was er bisher nicht dokumentiert hat. Im Morgengrauen verlässt er das Labor. Die Stadt ist in ein milchiges Licht getaucht, der Regen der Nacht verdampft auf dem Asphalt, die wenigen Menschen, die um diese Zeit unterwegs sind, bewegen sich wie Roboter: schnell, zielgerichtet, rücksichtlos. Flaneure wie er sind in der Frühe nicht vorgesehen.

Er nimmt einen Kaffee und eine Brioche in einem winzigen Café beim Pantheon, wo ein Radio läuft, offensichtlich auf Mittelwelle eingestellt, das fremde Musik spielt. Etwas Tanzbares mit viel Trommeln, ganz unpassend für Ort und Zeit. Die Wände sind tapeziert mit bunten Plakaten, mehrer Lagen übereinander. Und im Regal hinter dem Tresen stehen Dutzende Rumsorten. Die Bedienung ist eine dunkelhäutige Frau mittleren Alters mit einer gewaltigen Afrokrause und einem gelbgrundigen Hosenanzug, auf dem vielfarbige Figuren tanzen. Sie hat ihn nicht begrüßt, hat nicht nach seinem Wunsch gefragt und auf seine Bestellung nicht geantwortet. Vielleicht ist sie noch nicht richtig wach, denkt Peter. Vielleicht aber sind die Menschen, die aus den Tropen hierher gekommen sind, aber alle mehr oder weniger schlechtgelaunt, weil hier so selten die Sonne scheint und weil die Stadt die ganze Natur verdrängt hat. Über der Seine liegt eine Schicht aus Nebelschwaden, vielleicht bis einen Meter Höhe über dem Wasser. Die Sonne scheint hindurch, und die Strahlen werden gebrochen und reflektiert. Das würde er gern auf Film bannen, weiß aber, dass solche Lichteffekte kaum zu fotografieren sind. Ein dunkelrotes Kanu fährt rechts an der Ille des St. Jaques vorbei, zwei junge Männer in weißen Unterhemden darin. Am Ufer wäscht sich ein Clochard die Hände im Fluss. Und schon steht er wieder einmal vor dem Samaritaine, einem seiner Angelpunkte in Paris. Aber das Kaufhaus hat jetzt um kurz vor sieben natürlich noch nicht geöffnet. Außerdem ist seine äthiopische Freundin heute ohnehin frei oder ist immer noch krankgeschrieben.

Soweit er sich erinnern kann, war sein Vater in all den Jahren nurn einmal krankgeschrieben. Das war nach dem schweren Unfall, der letztlich zu seinem Tod führte, lange Zeit nachdem er zwischen die Puffer geraten war. Die ersten zehn Wochen hatte Joseph im Katholischen Krankenhaus in Kirchlinde verbracht. Erst nach zehn Tagen durfte die Familie ihn besuchen; vorher war er nicht ansprechbar und musste alle paar Stunden in die Eiserne Lunge. Peter sah das Gesicht seines Vaters und erschrak so sehr, dass er nicht ein einziges Mal wieder mit ins Krankenhaus ging. Überhaupt: Nach diesem Schock ging er nie wieder jemanden im Krankenhaus besuchen. Joseph hatte beinahe zwanzig Kilo abgenommen. Aus dem großen, starken Kerl war ein Phantom geworden, einer von der Sorte, die keinen Schatten werfen – wie er selbst sagte -, die beim Duschen von Strahl zu Strahl springen müssen. Schlimmer als sein körperlicher Zustand nach den fast drei Monaten in der Klinik war, dass ihm sein Optimismus vollständig abhanden gekommen war und dass er nur noch bittere Witze zu reißen wusste. Aber Joseph war ein Kämpfer, und seine Frau fütterte ihn mit viel fettem Fleisch, gab ihm abends Brühe zu trinken, backte Kuchen, die er mit Genuss verschlang. Gut ein halbes Jahr nach dem Unfall war er äußerlich fast wieder der Alte, auch wenn sein linker Lungenflügel außer Funktion blieb und er von da an ständig mit Lungenentzündungen zu kämpfen hatten. Dass er aber in den Innendienst versetzt wurde, weil er zur Schwerstarbeit nicht mehr taugte, das ihm die Lebensfreude. “Darf nur noch Pappschildchen schieben”, erzählte mit einem schiefen Lächeln. Und im folgenden Sommer blieb er blass, wo er doch sonst durch das ständige Malochen draußen zwischen den Gleisen sonst immer aussah wie ein Knecht in den weißrussischen Weizenfeldern in der Gegend, aus der seine Urgroßeltern stammten.

Peter spaziert die Avenue de L’Opera auf der linken Seite entlang, der Gehweg ist fast leer, und auch auf der Fahrbahn bewegt sich wenig um diese Uhrzeit. Am Tabac an der Ecke zur Rue d’Antin kauft er Zigaretten und raucht seit langem wieder eine. Dann sieht er das Motorrad kommen. Er erkennt, dass da jemand auf dem Sozius sitzt, sieht dessen Arm ausgestreckt, sieht den etwas schleudern und spürt den Schmerz an der Schläfe. Fällt nach vorn auf die Knie, versucht sich abzustützen, schürft sich die Hände auf, landet auf dem Gesicht. Dann spricht ihn jemand an, jemand anderes versucht ihm aufzuhelfen, einer fragt dauernd, was passiert ist, und irgendwann hört Peter Sirenen. In der Ambulanz kehrt er zurück in die Welt. Ein Sanitäter versorgt die Wunde an der Stirnseite. Der andere wiegt einen Pflasterstein in der Hand und sagt: “Den haben sie abgekriegt. Die Polizei ist verständigt, war ja wohl ein Attentat.” Peter wiederholt: “Attentat” und weiß in dieser Sekunde genau, wer geworfen hat und aus welchem Grund. In der Notaufnahme macht eine junge Ärztin in einem Kittel, der ihr viel zu groß ist, ein paar Tests. Sagt schließlich: “Scheint wirklich nur eine Platzwunde zu sein. Das werden wir eben nähen.” Sitzt dann in einem Stuhl, ein dunkelhäutiger Arzt, ein Koloss von sicher hundertachtzig Kilo mit schweißnassem Gesicht, setzt ihm die Betäubungsspritzen und summt dabei fremdländische Melodien. Dann teilt er Peter mit, dass es jetzt ein bisschen weh tun wird und beginnt. Sechsmal tut es weh. Dann kommt eine Kraneknschwester und verbindet die Wunde. Außerdem fragt sie seine Daten ab, ob und wie er versichert ist und wo er wohnt. Als sie erfährt, dass er in Frankreich nicht krankenversichert ist und in einem Hotel wohnt, sagt sie nur: “Dann müssen sie in bar zahlen.”

Zuletzt kommt noch einmal die schmale Ärztin vorbei, macht wieder ein paar Tests, kontrolliert seine Reflexe und seine Reaktion auf Lichtsignale und gibt ihn dann frei. Draußen warten schon zwei Polizisten, die sofort mit dem Verhör beginnen. Schon als er berichtet, dass er zu Fuß von Montparnasse herüber gekommen sei, spürt er das Misstrauen der Beamten. “So, so…”, sagt der eine, und der andere grinst unter seiner steifen Kappe. Ob er wisse, wer da auf ihn geworfen habe, fragt der Erste, und Peter schüttelt nur den Kopf. Dann muss er etwas unterschreiben. Und schon steht die Krankenschwester wieder bei ihm. “Ich bringe sie jetzt zur Kasse.” Achthundert Franc nimmt man ihm ab. Zum Glück hat er einen guten Teil der zweiten Honorrate immer dabei, eine fette Rolle Banknoten, von der er ziemlich lässig acht Hunderter abzählt. Er lässt sich ein Taxi rufen und ist anderthalb Stunden nach dem Vorfall in seinem Hotel. Der Tagesportier starrt ihn an und reicht ihm wortlos den Schlüssel. Oben erkennt Peter den Grund: Man hat in der Klinik sein Gesicht nicht gereinigt. Eine Blutspur zieht sich von der Schläfe über die Wange hinab bis zum Hals. Auf dem Parka sitzen noch nicht eingetrocknete Blutflecken, und auch seine Hände sind noch blutig. Dann zieht er sich aus und will duschen. Plötzlich meldet sich der Magen, und er übergibt sich so lange, bis er nichts mehr hat, was er in die Schüssel kotzen könnte.

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publiziert am 29.07.15 in Oder nie ¦ 841x gelesen ¦ noch kein Kommentar