Oder nie (50)

Dann stehen sie wieder auf der Straße, und noch immer drängen sich Hunderte am Einlass zum Club Dash. Makeda zieht ihn weiter in Richtung Beaubourg, hält dann an, dreht ihn zu sich um und sagt: “Komm, lass uns in dein Hotel gehen. Ich möchte die Nacht mit dir verbringen.” Und küsst ihn lange auf den Mund. Jemand fährt auf dem Moped vorbei und pfeift den beiden nach. Ansonsten ist Paris jetzt zur Ruhe gekommen. Kolonnen der Stadreinigung fegen mit Reisigbesen den Rinnstein längs der Rue de Renard. Weiter hinten das gelbe Blinklicht eines Wassersprengers, der den Dreck von der Fahrbahn an die Seite spült. Arm in Arm schlendern sie die Rue Rivoli entlang, an den Tuilerien vorbei bis zum Place de la Concorde. Am Obelisk küssen sie sich wieder sehr lange. Auf die Madeleine zu, dann links und in die Rue de l’Arcade. “Oh, Monsieur Pierre, sie haben Besuch?” begrüßt sie der Nachtportier und übergibt den Schlüssel. “Moment, da ist etwas für Sie gekommen.” Greift ins Fach und überreicht Peter einen kleinen, fetten Umschlag, auf dem mit dickem Stift “von OP & LL” steht. Sie fahren aufs Zimmer, und während Makeda sich umschaut und schließlich im Bad verschwindet, öffnet Peter das Couvert.

Ein Bündel Banknoten ist drin, dazu eine Karte wie das Billet, mit dem Olivier ihn zur Party eingeladen hat. “Lieber Peter, hier das restliche Honorar und eine kleine Prämie. Es war uns beiden eine große Freude, dich und deine Arbeit kennengelernt zu haben. Leider haben wir uns nun doch dazu entschieden, dass Bernard die Foto-Session unserer Kollektion übernimmt. So hatten wir es geplant, bevor du nach Paris kamst. Wir schätzen dich als Mensch und Fotograf und würden uns sehr freuen, wenn wir in Kontakt bleiben. Bis dahin wünschen wir dir alles Gute für die Zukunft und verbleiben mit herzlichem Gruß: Olivier und Ludwig.” Peter zählt nach, zählt ein zweites Mal. Zwanzigtausend Franc haben ihm seine Auftraggeber, die nun nicht mehr seine Auftraggeber sind, ihm überlassen, das Vierfache von dem, was ihm noch zugestanden hat. Er rechnet: Das sind fast siebentausend Mark, und er hat ja noch gut zweitausend Franc in der Tasche. Davon kann er noch eine ganze Weile in Paris leben.

Dann steht sie nackt da. Im Halbschatten, seitlich beleuchtet vom Licht aus dem Bad. Sanft glänzend wie eine Bronzestatue. Lichtreflexe, Glanzlichter auf verschiedenen Hautpartien. Sehr aufrecht. Ihren Gesichtsausdruck kann er nicht erkennen. Sie macht einen Schritt ins Zimmer und sagt: “Komm.” Sie machen zweimal nacheinander Liebe und brauchen dazu kein Bett. Sie ruhen dann ein wenig, schweigend. Dann machen sie Liebe im Bett und schlafen gemeinsam ein, Makeda auf Peter. Sie wachen mit der Dämmerung auf und haben wieder Sex miteinander. Dann noch einmal. Peter wacht auf und erkennt am Licht im Zimmer, dass es heller Tag ist. Die Sonne scheint in den schmalen Innenhof, und die hellen Wände der Anbauten reflektieren das Licht. Makeda liegt nicht neben ihm. Er geht pinkeln. Im Bad ist sie auch nicht. Ihr Kleid ist weg. Makeda ist weg. Und das Geld vom Schreibtisch ist auch weg. Nur der Umschlag und die Karte sind noch da. Auf die Rückseite des Couverts hat sie mit dem Hotelkugelschreiber eine Botschaft hinterlassen: “Danke, Peter. Es war schön mit dir. Meine Familie braucht das Geld dringender als du. Geh du besser nach Hause zu deiner Frau und zu deinem Kind. Mach es gut, deine Yeshi.” Und ein PS: “Gib dir keine Mühe. Du wirst mich in Paris nicht finden.”

Zwei Tausend-Franc-Scheine hat die Frau, die er als Makeda kannte, hinterlassen. Mehr als genug für eine Rückfahrkarte. Er weiß, was zu tun ist. Am wichtigsten ist, seine Ausrüstung und die Negative zu holen, beides hat er im Labor von Elle-Elle gelagert. Aber natürlich erst, wenn dort niemand mehr ist. Er hat noch den ganzen Tag. Packt seine wenigen Sachen. Lässt den schwarzen Anzug und die weißen Hemden im Kleiderschrank. Nur die Stiefel aus Schlangenleder, die er bei Sos gekauft hat, nimmt er mit. Nein, er wird nicht an der Rezeption Bescheid sagen, dass er auszieht. Sollen sich doch die Leute von P&M damit herumschlagen. Er wird nach einer Wäscherei fragen, wenn er mit seiner Reisetasche vorbeikommt. Aber am Schalter ist niemand um diese Zeit, und er geht mit seinem bisschen Gepäck zur Metro hinter der Madeleine. Zweimal umsteigen und der ist am Gare du Nord. Bringt seine Sachen in einem Schließfach unter. Dann zur SNCF, den Fahrschein kaufen. Wann er fahren möchte, fragt die blasse Frau hinter dem Schalter. Der nächste direkte Eilzug Richtung Berlin, der gehe am nächsten Morgen um 6 Uhr 47. Da müsse er in Brüssel nicht umsteigen. Peter nickt. Ob er erste oder zweite Klasse buchen möchte. Er entscheidet sich für die erste Klasse, auch in der Hoffnung, ein Abteil für sich zu haben. Sie stellt etwas am Billetdrucker ein, betätigt einen Hebel und hat dann seine Fahrkarte in der Hand, die nicht viel anders aussieht als ein Metro-Ticket. Fünfhundertdreiundsechzig Franc hat er zu zahlen.

Er fühlt sich erleichert als er aus dem Portal tritt. Peter steht da im Sonnenschein. Es sind nur wenige Fußgänger unterwegs, die meisten Leute sind auf der Arbeit. Dafür flitzen Lieferwagen hin und her. Männer schieben große Handkarren durch den Autoverkehr. Am Taxistand patroullieren zwei Polizisten mit steifen runden Kappen und wirbeln dabei ihre Gummiknüppel um die Handgelenken. Irgendwo bläst jemand in eine Trillerpfeife, und eine Droschke setzt sich in Bewegung. Sieben, acht Jungs streifen über den Vorplatz, rempeln sich an, lachen laut oder rufen Beleidigungen, die niemand Speziellen gelten. Ein sehr altes Paar in Schwarz, beide mit Gehstöcken bewegt sich unter großen Mühen Richtung Haupteingang. Im Halteverbot steht ein weißes Cabrio mit einem Kerl, der eine lederne Schiebermütze trägt, ein Kippe zwischen den Lippen. Schnell sind die Flics da und fordern ihn zum Weiterfahren auf. Er macht ein paar große Gesten und rauscht dann mit quietschenden Reifen los. Ein Schwarm Spatzen macht sich über ein Stück Baguette her, das jemand hat fallen lassen. Peter kreuzt die Fahrbahn und landet im selben Café, in dem er am Tag seiner Ankunft seinen ersten Kaffee in Paris getrunken hat.

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publiziert am 13.08.15 in Oder nie ¦ 853x gelesen ¦ noch kein Kommentar