Oder nie (Epilog 1)

Über Bottrop, über Prosper thronte das sinnlose Ding auf der Halde, jämmerliche Landmarke, Symbol für einen Wandel, der nicht zustande kam. Auf der obersten Plattform standen an diesem diesigen Tag im April Peter und sein Sohn Simon. Der hatte seinem Vater vorgeschlagen, an den Osterferientagen eine Tour durchs Revier zu machen. Und so waren sie an einem Dienstag in Dortmund-Asseln, vor Peters Haus in der Holstein-Kolonie, losgefahren auf ihren Motorrädern, die Peter vor einem Jahr von seiner Abfindung angeschafft hatte. Zwei 650er-BMW, vernünftige Maschinen, wobei Simon sich für die etwas auffälligere Variante entschieden hatte. Zusammen haben sie den Motorradführerschein gemacht, und Peter war glücklich, endlich etwas gemeinsam mit seinem Ältesten unternehmen zu können.

Ständig hatte ihn in den letzten dreißig Jahren das schlechte Gewissen gequält, nicht genug da zu sein für die Kinder, zu oft unterwegs zu sein, manchmal wochenlang mit irgendeinem Vorstand in Russland, China oder Lateinamerika. Und dann hatte er sich immer wieder gesagt, seine Stellung gebe der Familie immerhin eine Sicherheit und sorge für einen Wohlstand, den nicht viele Männer ihren Frauen und Kindern bieten können. Karin sah es genau so und unterstützte ihn nach Kräften. Nach der Geburt von Simon hatte sie gleich wieder angefangen zu arbeiten und den Sohn bis zu dessen Eintritt in den Kindergarten von ihrer Mutter betreuen lassen. Das war in den Jahren, in denen sich Peter im Unternehmen noch von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelte und immer noch, obwohl längst exmatrikuliert als Werkstudent betrachtet wurde, als überflüssigen Mitesser in Zeiten der Krise, in denen der Laden ja wohl alles mehr brauchte als einen Fotografen.

Das lag jetzt alles hinter ihm, während er mit seinem Sohn da oben im feuchten Wind stand, und beide nach Süden Richtung Essen-Zentrum blickten, dem Ort, an dem ab 1983 sein offizieller Arbeitsplatz untergebracht war. “Und jetzt? Wohin?” fragte Simon. “Irgendwo Mittagessen. Baldeney-See?” – “Gute Idee.” Sie kletterten vom Tetraeder und nahmen den direkten Abstieg zum Parkplatz unterhalb der Halde. Kein Mensch war unterwegs rund um diesen Ort, der keine Funktion mehr hatte. Auf der A42 war auch nicht viel los. Viele Leute waren verreist, vor allem in den Süden, um endlich einen Schlussstrich unter den Winter zu ziehen, der hier noch nicht zum Frühjahr geworden war. Sie fuhren Kolonne; einer im vorneweg und leicht links in der jeweiligen Spur, der andere leicht nach rechts versetzt dahinter. Über die A3 bis zum Breitscheider Kreuz, dann auf die A52, Ausfahrt Kettwig, und über den Schuierweg runter ins Werdener Tal zum See.

Kehrten beim Griechen oberhalb der Regattastrecke ein und waren die einzigen Gäste. Teilten sich die große Grillplatte für zwei Personen, und Simon bestellte eine Extraportion Pommes. Tranken alkoholfreies Weizen und waren anschließend so satt, dass sie kaum noch reden konnten. Dann gingen sie raus zum Rauchen. Es hatte angefangen zu regnen. Ein leichter Nieselregen, der Albtraum der Motorradfahrer, der durch die angeblich wasserdichte Kleidung kriecht, der den Helm von innen feuchtet und das Visier ständig mit feinen Tropfen undurchsichtig werden lässt. Sie hatten entschieden, nach Duisburg zu fahren, nach Ruhrort, um sich im alten Städtchen ein wenig umzusehen. Aber schon bei der Auffahrt auf die A40 war klar, dass sie abbrechen würden. Sie verständigten sich durch Zeichen, fuhren in Frohnhausen ab und gleich wieder in Gegenrichtung auf. Und dann Richtung Dortmund. Simon bog an der Westfalenhalle ab. Sie hatten sich bereits für den nächsten Tag verabredet. Obwohl Peter erst gar nicht begeistert war, hatten sie sich auf Simons Vorschlag verständigt, nach Düsseldorf zu fahren.

Die Kunstakademie hatte Peter nach seinem Examen im Jahr 1980 nie wieder besucht. Ohne besonderen Grund. Es band ihn nichts an die Hochschule und noch weniger an die Stadt, in der er sich nue wohlgefühlt hatte. Nur weil Karin hin und wieder auf einen Einkaufsbummel bestand, waren sie in all den Jahren vielleicht zehn- oder zwölfmal mit dem Zug angereist, und während seine Frau von Kaufhaus zu Kaufhaus und Boutique zu Boutique zog, hatte Peter sich in einer Gastwirtschaft in der Altstadt verzogen, am liebsten bei schönem Sommerwetter draußen, seit es sie gab bevorzugt an den Kasematten unterhalb der Rheinpromenade. Denn wenn er irgendetwas an Düsseldorf mochte, dann den Rhein. Ein paar Jahre lang hatte er vorwiegend für die Gesellschaft des Unternehmens zu tun, die ihren Hauptsitz in der Landeshauptstadt hatte, sodass er gezwungen war, an drei von fünf Tagen dort zu sein. Aber wie während seiner Studienzeit stieg er aus dem Zug, um so schnell wie möglich in die U-Bahn zu kommen, die ihn bis vor das Portal der Firmenzentrale brachte.

Erst Ende der Neunziger Jahre hatte er den Führerschein gemacht und den Dienstwagen, einen Golf, alle vier Jahre das neuste Modell, der ihm zustand, in Anspruch genommen. Aber nach Düsseldorf war er nie anders als mit dem Zug gefahren. Überhaupt fand er nie Spaß am Autofahren. Als die beiden Ältesten aus dem Haus waren und Petra, die jüngste sich für ein Ferienlager der Katholischen Jugend entschieden hatte, waren Karin und er für zwei Wochen in den Club Robinson auf Fuerteventura gereist. Es gefiel ihnen überhaupt nicht, und sie hatten nicht damit gerechnet, dass im Hochsommer ein heißer Wind von Afrika herüberweht, der sich anfühlt wie ein großer Fön. Und weil es nicht ihre Sache war, den ganzen Tag am Strand zu liegen, um dann abends das Animatiponsprogramm zu verfolgen, hatte Peter ein Motorrad gemietet. Eine Kawasaki mit der Anmutung einer Geländemaschine, die aber für kürzere Strecken durchaus zwei Menschen befördern konnte. Wider Erwarten fühlte er sich auf dem Zweirad sofort wohl. Und sie verbrachten die restlichen Urlaubstage mit Touren, die sie bis auf die Nachbarinsel Lanzarote fürhten, an den Leuchtturm von El Cotillo und die winzigen Dörfer an der Westküste. Von diesem Zeitpunkt an hatte Peter sich immer ein Motorrad gewünscht, während Karin glücklich damit war, das Auto nach Belieben nutzen zu können.

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publiziert am 27.08.15 in Oder nie ¦ 850x gelesen ¦ noch kein Kommentar