Schlafende Hunde (1)

Der Jack-Russell-Terrier ist in erster Linie ein Arbeitsterrier, ein Jagdhund. Er ist ein Hund von außerordentlicher Intelligenz. Sein Mut, sein Temperament, seine Ausdauer, sein Lauf- und Springver-mögen und nicht zuletzt sein leichtführiges Wesen machen ihn zu ei-nem außergewöhnlichen Hund. Durch seine Größe und seinen Brustumfang eignet er sich ausgesprochen gut für die Arbeit unter der Erde. Aber auch über der Erde ist er vielseitig einsetzbar. Er demonstriert auf Totsuchen genauso sein Können, wie als Stöberhund z.B. bei der Jagd auf Schwarzwild. Er ist, natürlich in seinem körperlichen Rahmen, ein guter Apporteur. Seine Wasserpassion ist sprichwörtlich und Federwild zieht ihn magisch an. Kleinen Kindern ist er in er Regel besonders zugeneigt. Herumtollen und Toben mag er und zwickende Hände erträgt er mit stoischer Gelassenheit. Er ist umgänglich, anpassungsfähig und gesundheitlich sehr robust. Er bleibt bei entsprechender Haltung bis ins hohe Alter, nicht selten 15 bis 18 Jahre, fit. Diese Eigenschaften machen ihn auch zu einem guten Familienhund.

Mein Vater hatte immer Hunde. Zuletzt einen schwarzen Labrador-Rüden namens Randy. Ich hasste diesen Köter. Er war schwarz wie die Hölle, bösartig und hinterlistig. So ganz anders als das Bild, dass die Welt vom lieben Labrador hat. Vater lebte die letzten zwanzig Jahre seines Lebens, nachdem er die Familie verlassen hatte, in einem ehemaligen Ferienhaus am Waldsee. Zum Glück mussten wir Kinder nur alle vier Wochen hin. So hatten die Richter entschieden. Rüdiger und ich wurden von Mutter zum Bahnhof gebracht. Nach zweieinhalb Stunden Zufahrt kamen wir in O. an, wo uns Vater mit seinem Kombi abholte. Ich hatte nie das Gefühl, dass er sich freute oder sich zumindest für uns interessierte. Er redete wenig. So lange wir noch Kinder waren, nahmen wir an, er lebe allein in dem Haus. Als Rüdiger schon nicht mehr mitfuhr und ich ein bisschen mehr vom Leben wusste, fand ich heraus, dass seine Lebensgefährtin an den Wochenenden meiner Besuche verschwinden musste. Mutter hatte nie darüber geredet, warum Vater gegangen war. Von einer Geliebten war nie die Rede. Aber ich bin mir sicher, dass er damals, er war bei seinem Abgang Anfang Vierzig, wegen einer viel jüngeren Frau abgehauen war. Als ich einmal, da muss ich vierzehn oder fünfzehn gewesen sein, in seiner Abwesenheit im Haus herumstöberte, fand ich in seinem Nachtschrank Kondome und Gleitcreme. Und im Bad hing ein Bikinihöschen zum Trocknen an einem Haken.

Randy hat mich nie angefallen oder gebissen. Er hat mich während des Wo-chenendes einfach nur durchgehend genervt. Ging ich schwimmen, sprang er vom Steg in den See und paddelte in engen Kreisen um mich herum. Wie sollte ich da meine Bahnen ziehen. Saß ich auf dem Klo, kratzte er so lange an der Tür bis ich fertig war. Wie sollte ich da in Ruhe scheißen. Machte ich im Garten meine Übungen, sprang er herum, kläffte und wollte mitspielen. Er versteckte meine Sachen und stahl mir das Frühstück vom Tisch. Vater war das egal. Er sagte nichts dazu, er entschuldigte Randys Verhalten nicht einmal. Nun könnte man sagen, dass der Hund weder bösartig, noch hinterlistig war, ich bin mir aber sicher, dass das Vieh dies alles nur tat, um mit den Aufenthalt am See so unangenehm wie möglich zu machen. Manchmal sah ich in seine Augen und erkannte seinen Hass auf mich.

Das ist der Grund dafür, dass ich mit Hunden nie was am Hut hatte. Jedenfalls nicht bis zu meinem zweiundvierzigsten Lebensjahr. Da traf ich Klara und Schiller.

Ein paar Wochen vorher hatte mich Gisela verlassen, weil es mir mit Kindern ähnlich geht wie mit Hunden: Ich finde die kleinen Racker ganz süß, besonders wenn sie jünger als elf, zwölf sind und sich nicht länger als eine Stunde in meinem Dunstkreis aufhalten. Das mag an meiner Lärmempfindlichkeit liegen oder daran, dass ich es gerne habe, wenn meine Klamotten frei von Matsch-, Bananen- und Erdbeereisflecken bleiben. Vielleicht bin ich ja ein Spießer, aber mein weißes italienisches Ledersofa ist mir heilig, Kinder und Hunde haben darauf nichts zu suchen. Gisela hatte mich quasi vor die Wahl gestellt: Kind oder Sofa. Nein, sie hatte es nicht so ausgedrückt, aber als sie aber zum ersten Mal die biologische Uhr erwähnte, die sie ticken hörte, ahnte ich Ungutes. Meine Güte, sie war doch erst achtunddreißig, wir führten ein angenehmes beruhigtes Leben mit zwei Einkommen, mit denen man auch eine Großfamilie hätte ernähren können, was wollte die denn noch? Ich schlug dann vor, jeden Monat einen substanziellen Betrag in die Patenschaft eines armen Kindes irgendwo in Südamerika zu investieren, was sie rundheraus ablehnte. Das sei nicht dasselbe wie ein eigenes Kind. Ich erhöhte mein Angebot dann auf zwei, später auf drei Patenschaften, aber das nützte auch nichts mehr. Die Hormone hatten bei Gisela eindeutig die Meinungsführerschaft übernommen. Nach einigen Monaten begann sie, gewisse Tage im Kalender zu markieren – übrigens in einem wunderbaren Kalender mit Schwarzweiß-Fotografien von Kindern aus den Favelas Brasiliens –; zunächst die Tage ihrer Menstruation, später dann dick und rot umkringelt die Tage der höchsten Empfänglichkeit. Ich war sehr dankbar dafür und bemühte mich, an diesen Tagen unterwegs zu sein oder zu müde für Sex.
Das alles zog sich über gut ein Jahr hin, und ich hoffte, es würde vorübergehen. Aber dann lernte Gisela einen älteren Herren jenseits der fünfzig kennen, der aufgrund irgendeines psychischen Defekts einen verspäteten Kinderwunsch mit sich herum schleppte und komischerweise immer dann mit ihr ausging, wenn ich unterwegs war oder zu müde für Sex. Vermutlich hat der Typ, dem ich nicht einmal mehr eine dauerhafte Erektion zutraute, gleich beim zweiten Mal voll ins Schwarze getroffen. Jedenfalls wurde Gisela schwanger und eröffnete mir eines Abends nach einem göttlichen Essen bei Victor beim Espresso, dass sie a) schwanger sei und b) zu Hermann – ja, der alte Knacker hieß Hermann! – ziehen würde, es wäre schließlich besser für ihre Tochter in einem Haus mit Garten aufzuwachsen. Das aus Giselas Mund! Die urbane Frau schlechthin! Die gleiche Dame, die es im Urlaub maximal drei Tage im einsamen Häuschen am Meer, fernab von jedem Ort, aushielt und jede Mühe in Kauf nahm, die nächstgelegene Stadt aufzusuchen, um dort einen Streifzug durch Boutiquen und andere Shops zu veranstalten, der ihrer Kreditkarte gar nicht gut tat – immerhin besaß sie eine eigene Gold-Card… Diese Gisela, die sich ein Leben ohne das wöchentliche Konzert einer obskuren Neo-Britpop- oder Postpunk-Band im Rohrschuppen und den täglichen Aperitif bei Viktor an der Bar einfach nicht vorstellen konnte, schilderte mir jetzt das Leben im Reihenendhaus mit einem Garten, der kaum größer sein sollte als unsere Terrasse über der Stadt in den glühendsten Farben. Ja, sie würde sogar selbst Marmelade kochen und Radieschen pflanzen. Es hätte ein netter Abschied werden können, aber ich beging den Fehler ihre Zukunftsschilderungen mit dem Satz zu kommentieren, dass ihr Kind sie in achtzehn Jahren dafür verfluchen würde, im Vorstadtghetto aufgewachsen zu sein. Sie ging wortlos, und ich zahlte die dreistellige Summe wie ein Sünder in vorlutheranischen Zeiten für einen Ablasszettel geblecht haben mag.

Gisela war weg, und ich wurde Single. Zum ersten Mal in meinem Leben ge-noss ich die Freuden des Alleinseins. Ehrlich! Bis dahin hatte ich nie allein gewohnt. Ich zog von den Eltern in die erste gemeinsame Wohnung mit Cordula, meiner Sandkastenliebe, die ich in einem Akt postpubertären Sicherheitsdenkens mit knapp zwanzig sogar heiratete, in der Hoffnung, dass damit mindestens dreimal Sex in der Woche auf ewig gesichert sei und mir die Jagd nach willigen Weibern erspart bliebe. In den drei Jahren unserer Ehe entwickelten wir uns friedlich und unabhängig auseinander, und waren bald etwa so weit entfernt voneinander wie der Neandertaler und der Australopithecus. Auf einer Fete – damals nannte man solche Zusammenkünfte noch so – lernte sie einen wuscheligen, etwas hilflosen Typen kennen, der ihren Mutterinstinkt reizte, und ich ein rothaariges Mädchen, das gut als Grund für alle Vorteile über sexuell völlig enthemmte Frauen dieser Haarfarbe hätte herhalten können. Wir verließen das Fest mit neuen Partner, und dabei blieb es auch – bei ihr für mehr als zehn Jahre, bei mir für drei Wochenenden. Als man meine Kurzzeitpartnerin wegen ausstehender Mietzahlung der WG verwies, übernahm ich kurzerhand ihr Zimmer und fand mich in einer diskussionsfreudigen Bande mehr oder we-niger radikaler K-Grüppler- und -innen wieder. Ganz im Stil der späten Siebziger bumste ich mich einmal rund durch die Zimmer der Genossinnen und hinterließ verbrannte Erde, weil ich mich der Diskussion über dieses Tun, das vor allem vom WG-Vorsitzenden, der es in zwei Jahren nie über die Koje des WG-Mauerblümchens hinaus geschafft hatte und an Details aus dem Sexualleben anderer überaus interessiert war, methodisch entzog.

Damals ging es eigentlich nie um Kinder oder Hunde. Kinder, das war etwas für die Spießer, die ihren dreißigsten Geburtstag überlebt hatten und von den Eltern zu diesem Anlass einen zweiten Bausparvertrag geschenkt bekamen. Hunde gab es nur in Form des deutschen Schäferhundes, sozusagen die hundgewordene Form des Nazi-Parteiausweises, oder bei Hippies, denen sowieso egal war, welche Lebensform sich in ihrer Nähe aufhielt. Und dann gab’s noch die alten Damen, die sonst keine Zielscheibe für ihren Gefühlsüberschuss fanden.

Die nächste WG war weniger politisch, dafür aber ausgesprochen trinkfreudig. In der eigens eingerichteten Bar im Wohnzimmer stand der einzige funktionierende Kühlschrank, immer gut gefüllt mit drei Sorten Bier und den wichtigsten Spirituosen, und wir führten eine mehrwöchige Diskussion zu der Frage, ob es nicht lohnenswert wäre, diesen durch so ein amerikanisches Monstrum zu ersetzen, das auch automatisch Eiswürfel zu bereiten in der Lage sei. Wir entschieden uns dann aber doch dafür, eine entsprechende Investition in die Bestückung der Schnapsregale zu tätigen. Im gutbürgerlichen Reihenhausviertel galten wir als die faulen Studenten, tatsächlich waren aber fünf von sieben Bewohnern ganz normal berufstätig, während die beiden anderen im Messebau arbeiteten und im Wechsel zwei Wochen rund um die Uhr malochten, um dann die nächsten vierzehn Tage völlig abzuschlaffen. Jeden Abend waren wir besoffen – wann dieser Zustand eintrat, hing von der persönlichen Konstitution und der individuellen Zusammenstellung des jeweiligen Trinkplans zusammen. Jeden Morgen beschäftigte sich jedes einzelne WG-Mitglied mit einem bewährten Anti-Kater-Ritual, bevor alle in verschiedenen Richtungen zum Geldverdienen aufbrachen. Es gab zwei feste Paare unter uns und drei umherschweifende Elemente, zwei Herren, eine Dame. Ich hatte angenommen, dass eine Triebbefriedigung im Binnenverhältnis möglich sein würde, aber die Paare erwiesen sich als sehr fest verbunden und unsere Unbemannte zog es mehr zu Frauen hin. Also war ich gezwungen gelegentlich auf die Jagd zu gehen.

Das war mühsam und nicht wirklich befriedigend. Auch wenn in jenen Jahren der Geschlechtsverkehr eher auf dem Niveau einer gemeinsamen gymnastischen Übung mit Austausch von Körpersekreten gesehen wurde, wollte ich von der Idee des Verliebtseins einfach nicht lassen. Damit konnte ich allerdings nur bei den jungen Mädchen landen, die beim Bravo-Lesen noch nicht bis zu Dr. Sommer vorgedrungen waren, oder bei den älteren Enttäuschten, die es aufs Bumsen ankommen ließen, obwohl sie eher reden wollten. Wie gesagt: Diese Zeit war mühselig und unbefriedigend.
Dann fiel die WG auseinander, möglicherweise, weil die Alkoholvorräte aufgebraucht waren und sich unsere festen Paare eigene Flaschen aufs Zimmer legten, vielleicht auch, weil eines der festen Paare sich an drei Tagen im Monat sehr früh am Abend zurückzog und offensichtlich sehr hart daran arbeitete, endlich in ein Reihenendhäuschen mit Garten in der Vorstadt ziehen zu dürfen. Nach und nach waren nur noch Karl und ich übrig, dann wurde uns die Miete zu viel, und wir suchten uns eine gemeinsame Wohnung mitten in der Stadt, in Laufweite der wichtigsten Kneipen und nur ein paar Fahrradminuten entfernt von den kontaktfreudigsten Biergärten.

Karl und ich durchliefen im folgenden Jahr sehr unterschiedliche Entwicklungen, ungefähr so wie sich Yorckshire-Terrier und Dänische Dogge aus der gemeinsamen wölfischen Wurzel sehr unterschiedlich entwickelt haben. Karl hatte über einen Mitleidsfick mit der wirklich hässlichen Tochter eines Uni-Professors einen Weg in die akademische Karriere gefunden, der ihn leider auch in eine Ehe mit dieser Frau, die vermutlich noch bösartiger war als hässlich, führte. Noch heute, er hat die Professur des Schwiegervaters quasi geerbt und ist Vater von vier bösartigen und hässlichen Kindern, bin ich seine letzte Hoffnung, wenn es bei ihm zuhause gar zu schlimm wird. Mich brachte der Zufall, der sich seinerzeit als Studentenvermittlung des Arbeitsamts tarnte, in eine aufstrebende Werbeagentur. Zunächst wurde ich persönliche Assistentin des Leiters der Abteilung FFF, womit umschrieben war, dass hier die Werbergüsse für Film, Funk und Fernsehen erzeugt wurden. Meine Hauptaufgaben bestanden darin, am Telefon grundsätzlich zu behaupten, er wäre gerade nicht da und Kunden möglichst schroff zu behandeln, in Briefen prinzipiell alles abzustreiten und vor allem den Flurfunk auf Mobbing-Versuche gegen meinen großen Vorgesetzten abzuhören und ihm detailliert Bericht zu erstatten. Da es mir immer schon leicht gefallen war, unhöflich zu sein, erfüllte ich diesen Job zu seiner allergrößten Zufriedenheit. Außerdem schmückte er sich gern mit mir, denn einen schnuckeligen Jungen an seiner faltigen Seite zu haben, gab ihm die Illusion, auf dem gleichgeschlechtlichen Markt noch nicht ganz außer Konkurrenz zu laufen. Er beförderte mich auf einen Posten, den es bisher in der Agentur noch nicht gegeben hatte. Auf meiner Visitenkarte, die ich gleichzeitig mit meinem Vertrag als fester Angestellter erhielt, stand unter meinem Namen, der auf seine Anweisung mit dem fiktiven Mittelinitial „Z“ geschmückt war: Stellvertretender Ko-ordinator Produktionen FFF.

Der Job war derselbe, nur dass ich jetzt mehr unterwegs war und auch die Schauspieler, Sprecher und Models beschimpfen durfte. Zudem stellte ich aus der Sicht möglicher Auftragnehmer das Tor zum großen Vorgesetzten dar; wer von ihm engagiert werden wollte, musste an mir vorbei. Und das war nicht einfach, beziehungsweise ohne deutliches Zeigen von vorauseilender Dankbarkeit nicht möglich. Geld nahm ich nicht, und bei den Frauen war ich doch ziemlich wählerisch. Karl war ausgezogen, und ich hatte unsere ehemalige Studentenbude durch Umbauten und eine zielgerichtete Möblierung sachgerecht aufbereitet.

Man darf nicht vergessen, das nicht ich etwas von den Frauen in meinem leicht überdimensionierten Wasserbett wollte, sondern die etwas von mir. Deshalb hatte ich das alte Klo neben der Eingangstür zum Damen-WC mit Dusche umgebaut und mir Karls Zimmer als Refugium für Nächte hergerichtet, die ich nach dem Geschlechtsverkehr mit der jeweiligen Dame nicht mit derselben in einem Bett zu verbringen wünschte. In der Küche hing dauerhaft ein Zettel, der darum bat, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, mich nicht zu wecken, da ich ausschlafen wolle und deshalb die Wohnung möglichst leise zu verlassen. Rund drei Viertel der Besucherinnen hielten sich auch daran, bei den Restlichen kam es vor, dass ich sie mehr oder weniger rüde hinauswarf, und einige wenige waren so still und friedlich beim Frühstück, dass ich sie einfach ertrug. Mit kaum einer der so die Karriere anstrebenden Frauen schlief ich mehr als einmal und erwarb mir auf diese Weise in kaum zweieinhalb Jahren sehr grundlegende Kenntnisse über die weibliche Anatomie und Verhaltensweise.

Dann durfte ich mit ausdrücklicher Erlaubnis des großen Vorgesetzten die Drehbücher der Texter nach Gutdünken verändern, anschließend schrieb ich die ersten Treatments selbst, und schließlich führte ich erstmals Regie bei einem Fernseh-Spot für Teebeutel. Hab ich erzählt, dass mir jeglicher beruflicher Ehrgeiz abgeht? Nein? Das war schon immer so. In der Schule war ich ein unauffälliger, mittelmäßiger Schüler, der sich dreizehn Jahre lang durchmogelte, ohne je nicht versetzt oder für irgendetwas bestraft zu werden. Auf der Uni war ich ein unauffälliger, mittelmäßiger Student der Germanistik und Anglistik, der in fünf Jahren keine Klausur verhaute oder sich in einer Studentenversammlung blicken ließ. In der Agentur hätte ich als Karrierist gelten müssen, da ich mich doch ausschließlich als Protege des großen Vorgesetzten profiliert hatte. Mein fehlender Ehrgeiz hatte jedoch dazu geführt, dass mich alle Kollegen irgendwie mochten, dass sie mich für harmlos hielten und sich mir deshalb gerne anvertrauten. Beim Teebeutel-Spot wandte ich allerdings eine doch recht hinterlistige Taktik an. Aus zahllosen Auseinandersetzungen mit dem Kunden, die ich auf Anweisung und im Namen des FFF-Leiters geführt hatte, wusste ich, dass der Marketing-Leiter des Hauses, ein in Ehren ergrauter Grandseigneur, der Herrn Ogilvy noch persönlich kennen gelernt hatte, wie zu betonen er nie müde wurde, ein großer Verfechter des Packshots war. Wie, so seine These, soll der Kunde unsere Teebeutel kaufen, wenn er nicht einmal die Packung erkennt? Deshalb war seine Vorgabe in allen Lebenslagen, man solle möglichst oft die Verpackung zeigen. Mein Chef hatte mich stundenlang mit diesem netten älteren Herren streiten und etliche durchaus beleidigende Briefe verfassen lassen und am Ende immer genau das gedreht, was er für richtig hielt. Im extremsten Fall bestand einer seiner TV-Spots aus neunzehn Sekunden Nahaufnahme einer dampfenden Teetasse, unterlegt mit klassischer Musik. In der zwanzigsten Sekunde blendete der Name des Herstellers ein, und ein Sprecher sagte genießerisch: „Tut gut.“ Und nun leistete ich Widerstand. Meinem großen Vorgesetzten legte ich ein Treatment vor, dass noch radikaler war als seine schlimmsten Versuche, dem Kunden dagegen ein Drehbuch, dass nur aus der Beschreibung von Packshots bestand. Gleichzeitig ließ ich den Auftraggeber in der Pause einer Besprechung auf dem Herren-WC wissen, dass ich längst nicht mehr einver-standen wäre mit den Auffassungen meines großen Vorgesetzten, was dieser mit einem befreiten Lächeln, das jedoch auch prostatatische Gründe gehabt haben mag, quittierte. Kurz und gut: Ich drehte den Spot, der großen Vorsitzende drehte bei der Voraufführung durch und feuerte mich, und der Marketing-Leiter des Teeherstellers drehte für mich ein Ding: Er brachte mich als seinen Nachfolger ins Spiel. Und so wurde ich im zarten Alter von zweiunddreißig Jahren der Herr über alle Werbemaßnahmen des weltweit größten Erzeugers von Teeprodukten – ein Job, den man, Anfälle von Ehrgeiz vermeidend, bis ins Rentenalter gut aushalten kann.
Übrigens: Mein Vorgänger, der mir bei seinem Abschiedsfest das Du anbot, und den ich seitdem Wilhelm nennen darf, lebte mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau, einer wahren Schönheit, die er natürlich beim Dreh eines Webespots für ein Instant-Tee-Getränk, mit dem der britische Markt erobert werden sollte, kennen gelernt hatte, in einer verwunschenen Villa mitten in einem halböffentlichen Park in Flughafennähe. Sie hatten keine Kinder, dafür aber zwei große schwarze Schnauzer und eine peruanische Zugehfrau. Seit zehn Jahren bin ich jeden Montag zum Abendessen zu Gast, kraule kurz die Hunde, gehe mir dann die Hände waschen und flirte auf Teufel-komm-raus mit der Hausherrin, was diese genießt und was ihrem Gatten ein wohlwollendes Lächeln ins Gesicht zaubert als wolle er sagen: Eines Tages wirst du auch in ihrem Bett mein Nachfolger sein.

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publiziert am 01.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 1538x gelesen ¦ noch kein Kommentar