Schlafende Hunde (8a)

Die gnadenlose Selektion des Sahel hat im Azawakh einen Hund ge-schaffen, der sich durch äußerste physische Härte, Robustheit und Genügsamkeit auszeichnet. Azawakhs müssen bisweilen trocken-heiße Sommertemperaturen von 39 Grad Celsius und mehr ertragen und gelegentlich sogar Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Sie trotzen orkanartigen Sandstürmen ebenso wie extremer Trockenheit und Futterknappheit. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass sie mit zu den härtesten und zähesten Hunderassen gehören, die wir kennen und auch noch unter für uns unvorstellbar asketischen Umweltbedingungen zu überleben vermögen. Da unter den archaischen Gegebenheiten ihrer Heimat Wachsamkeit, Skepsis und instinktives Misstrauen allem Fremden und Unbekannten gegenüber häufig lebenserhaltend sind, ist auch heute noch das Wesen der meisten Azawakhs gekennzeichnet durch eine geradezu vornehme Zurückhaltung und Reserviertheit Fremdem und Neuem gegenüber. Ein Azawakh ist jedenfalls kein Hund, den man leicht stehlen könnte. Er tendiert dazu, sich auf eine oder mehrere Bezugsperson(en) zu fixieren – und dies oftmals mit der Tendenz zur Ausschließlichkeit. Jenen Menschen gegenüber, denen er sein Herz zu schenken geruht, ist er ein äußerst liebevoller und anschmiegsamer Gefährte, der eine sehr innige Beziehung zu seinem Besitzer beziehungsweise seiner Familie eingeht.

Ich hätte nicht gedacht, dass die blasse Friederike so schnell so braun werden würde. Aber sie bewegte sich auch ständig in der Sonne, von morgens früh bis zur Dämmerung. Sie roch gut, ich nahm ihren Geruch wahr, auch wenn sie am anderen Ende des Gartens war. Einmal kam sie zu mir als ich auf einem Handtuch neben dem Pool lag und sagte: Ich seh dich gerne an, du bist schön. Das war mir unangenehm. Unser Zusammenleben in diesen Tagen war vollständig reduziert auf die Sinne, am Ende der ersten Woche war ich nicht mehr in der Lage, mehr als eine Seite am Stück zu lesen. Wir saßen oder lagen drinnen oder draußen herum, wir schwammen und gingen im Garten umher, wir aßen und tranken, wir vögelten. Sie und ich, wir waren beide bemüht, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Manchmal ging ich sie im Wald suchen, wenn sie sich mit Schiller ein paar Schritte entfernt hatte. Bisweilen rief sie mich ohne Grund. Wenn wir uns begegneten, berührten wir uns leicht. Es war nicht nur der Sex, der uns diese Zeit genießen ließ.

Schiller schlief viel, bestimmt achtzehn oder zwanzig Stunden am Tag. Oft fragte ich mich, was denn in einem derart kleinen Hirn vorginge im Schlaf. Nicht selten schien er zu träumen, er gab kleine Laute von sich, seine Beine zuckten. Trotzdem kam es mir so vor als ob so ein Hund nichts weiter ist als ein Automat, der auf maximal Bedürfnisbefriedigung programmiert ist. Auf Schlafen, Fressen und Beachtung. Wie soll ein Hundehirn, das bei einem Rüden ja meist kaum größer ist als seine Testikel, imstande sein, Zusammenhänge zu erfassen. Was kann sich dort mehr abspielen als Schlaf und die automatischen Abläufe rund um die Körperfunktion im Wachen? Warum, dachte ich mir, läuft er nicht einfach weg? Was hält ihn bei seiner Halterin? Die Tatsache, dass er von ihr Fressen und Streicheleinheiten bekommt? Reicht das aus?

Tatsächlich wurde Schiller immer aktiver. Am Beginn der zweiten Woche blieb er gelegentlich eine halbe Stunde weg und war ausgesprochen nervös nach seiner Rückkehr. Friederike schien das einfach hinzunehmen. Und so nahm ich an, dass es ausgemachte Sache zwischen den Beiden wäre, dass der Hund immer zurückkehren würde.

Dann wurde uns das Paradies zu langweilig. Friederike hatte herausgefunden, dass es nur knapp dreißig Kilometer bis zum Meer waren. Und so packten wir eines Morgens unsere Badesachen und ein wenig Proviant zusammen, verschlossen das Haus gründlich und fuhren mit dem Jeep los. Wir fanden den Weg ins Dorf unerwartet gut. Als wir auf den Marktplatz einbogen, sah ich aus den Augenwinkeln, dass der Wirt eilig in seinem Cafe verschwand und die Türen von innen schloss. Ich hatte ohnehin keine große Lust, mit ihm reden zu müssen. Also drehte ich eine Runde um den Brunnen und gab Gas in Richtung auf die Durchgangsstraße. Tatsächlich erreichten wir die Küste nach kaum einer Stunde. Wir wählten auf gut Glück einen Weg, der von der breiten Straße abging. Der Pfad führte an einem Bach entlang, der sich durch eine Schlucht schlängelte, die sich schließlich verbreiterte und den Blick auf einen schmalen Strand frei gab.

Ein paar Autos parkten direkt unter den Felsen. Nicht weit entfernt gab es eine windschiefe Bude, an der Reklamefähnchen flatterten. Über den weiten Sand verstreut lagerten Menschen unter Sonnenschirmen, liefen am Wasser entlang oder lagen still in der Sonne. Schiller fürchtete sich vor dem Atlantik, der starke Wellen an den Strand warf, und ging dicht an Friederikes Seite. Wir zogen die Schuhe aus und suchten das Wasser, wanderten durch den feuchten Sand direkt am Meer bis wir die Strandbude und die Sonnenschirme nur noch als bunte Punkte sahen.

Zwar hatten wir keinen Sonnenschirm mit, aber Friederike errichtete aus Treibholz und einem mitgebrachten Laken ein Sonnensegel, das uns schützte. Schiller rollte sich zwischen uns zusammen, und es kam mir vor als ob er mich hier ebenso als Wesen anerkannte, das ihn schützen konnte. Dann liefen wir ins Wasser, stürzten uns in die Brandung. Friederike schrie vor Vergnügen, lachte und war außer sich, so hatte ich sie noch nicht erlebt. Immer wieder ließ sie sich von den Wellen überrollen, tauchte auf, und das lange Haar klebte an ihr wie nasser Tang. Der Hund lief mit eingezogenem Schwanz an der Wasserkante entlang. Sie rannte hin zu ihm und führte ihn am Halsband ins Wasser. Er folgte unwillig. Ich kam dazu und sah in seine hellen Augen. Schiller war in Panik. Lass ihn doch, rief ich, aber Friederike hatte ihren Spaß daran, den Hund nass zu spritzen. Dann machte er sich los, stürmte aus dem Meer, schüttelte sich und galoppierte zu unserem Unterstand.
Friederike kam gar nicht mehr heraus aus der Brandung. Ich lag längst im Schatten und döste, da war sie plötzlich über mir und schüttelte ihre Haare aus. Hey, das ist das Meer! rief sie, das richtige Meer! Ihr Langweiler! Sie trocknete sich ab, zog das Kleid über und ging schnell in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Schiller sah ihr nach und rückte näher an mich heran. Ich glaube, er fühlte sich auf einmal solidarisch mit mir. Friederike brachte Bier mit, die Dosen waren ziemlich kalt, und wir tranken schweigend. Kommen wir Morgen wieder hierher? fragte sie. Wenn du willst, antwortete ich.

Am nächsten Tag hatten wir Mühe, Schiller dazu zu bewegen, in den Jeep zu steigen. Er jaulte und sah mich an. Aber Friederike hievte ihn einfach auf die Rückbank. Wieder suchten wir einen einsamen Platz und wieder verbrachte sie die meiste Zeit im Meer, während ich im Schatten blieb und nachdachte. Abends grillte ich Sardinen, die wir unterwegs gekauft hatten. Wir aßen und tranken, und Friederike erzählte ununterbrochen vom Meer, von Stränden, an denen sie schon war oder an die sie unbedingt reisen wollte, von Inseln im Mittelmeer und in der Karibik, von Segelschiffen und vom Tauchen, und das sie das alles noch machen würde. Morgen wieder, ja? waren ihre letzen Worte vor dem Einschlafen. Ich ließ mir den Stress mit dem Hund noch einen weiteren Tag gefallen. Aber am folgenden Morgen sagte ich einfach: Du, ich möchte lieber hier bleiben. Sie antwortete: Okay, dann lass ich Schiller hier, packte und fuhr ohne uns los. Der Hund und ich verbrachten einen geruhsamen Tag mit Nichtstun. Ich hatte einen Weltempfänger entdeckt und frische Batterien und mich stundenlang damit beschäftigt, Musik zu empfangen, die mir gefiel. Ein Sender, auf dem der Ansager vorwiegend Rachenlaute von sich gab, spielte mehrere Stunden lang Musik von Kraftwerk und anderen Elektroniker. Komisch, hier in diesem stillen Tal ‚Autobahn’ in voller Länge zu hören. Friederike kam spät, roch nach Meer, was mich sehr erregte. Auch sie war mehr als bereit, sodass wir kaum einen Meter vom Jeep entfernt übereinander herfielen.

Am nächsten Tag fuhr sie ohne weitere Diskussion alleine los. Schiller hatte sich offensichtlich an mich gewöhnt und wich mir nicht von der Seite. Im Radio gab es italienische Opern. Ich fand in der Garage ein trockenes Stück Holz und begann mit meinem Saito-Messer ein wildes Tier daraus zu schnitzen. Irgendwann am Nachmittag winselte Schiller. Ich stand auf und dachte, vielleicht wäre es eine gute Idee, mit dem Hund ein bisschen durch den Wald zu streifen. Er folgte mir und blieb, obwohl nicht angeleint, zunächst bei Fuß. Wir kletterten den steilen Hang hoch, kamen an eine Lichtung, von der ein Pfad parallel zum Tal verlief. Ich blieb auf dem Weg, aber Schiller sprang hier und das ins Gebüsch, kam wieder hervor, vergewisserte sich, dass ich noch da war, und verschwand wieder. Ich genoss das Spiel von Licht und Schatten auf dem Waldboden und wanderte mit gleichmäßigem Schritt bis der Pfad sich einfach verlor und das Gebüsch so dicht wurde, dass es nicht mehr weiterging.

Zeit zum Umdrehen, dachte ich, und rief nach Schiller. Ich wartete, aber der Hund kam nicht zurück. Ich rief noch einmal und lauter. Da fielen plötzlich nicht weit entfernt zwei Schüsse. Dann war es wieder still. Ich versuchte mich zu orientieren. Nahm an, dass der Schütze ein paar hundert Meter oberhalb und links von mir gestanden haben musste, und bewegte mich durch das Gestrüpp in diese Richtung. Ich hörte nur meine eigenen Schritte, rief immer wieder nach Schiller, blieb bisweilen stehen um zu lauschen. Nichts. Dann ging es einfach nicht weiter. Eine Felswand ragte vor mir auf, nicht sehr hoch, vielleicht drei Meter, aber senkrecht und glatt. Links davon ein Durcheinander aus umgestürzten Bäumen, rechts davon undurchdringliches Unterholz. Mir wurde klar, dass mir nichts übrig blieb als umzukehren. Auf dem Rückweg rief ich immer wieder nach dem Hund. Es blieb still.

Am Haus angekommen trank ich zuerst eine Flasche Bier. Dann setzte ich mich aufs Sofa und überlegte. Vielleicht hatte der Förster Schiller für einen wildernden Streuner gehalten und abgeschossen. Vielleicht bestand kein Zusammenhang zwischen den Schüssen und dem Verschwinden des Hundes. Im letzteren Fall würde er irgendwann wiederkommen. Im ersten Fall müsste ich herausfinden, ob es einen Förster gab und ob er Schiller getötet hatte. Das konnte ich aber nur, nachdem Friederike zurückgekehrt war, denn ohne Auto käme ich nicht bis ins Dorf. Natürlich hätte ich das Wohnmobil nehmen können, aber was würde Friederike denken, wenn bei ihrer Rückkehr das Wohnmobil, ich und ihr Hund weg wären. Ich trank noch ein Bier und beschloss, einfach abzuwarten.

Download PDF

publiziert am 19.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 841x gelesen ¦ noch kein Kommentar