Schlafende Hunde (11)

Der Boxer soll nervenstark, selbstbewusst, temperamentvoll, freund-lich und ausgeglichen sein. Durch ihre relativ hohe Reizschwelle sind sie bei entsprechender Sozialisation Kindern sehr zuverlässige Spielgefährten. Der boxertypische Überschwang passt aber nur zu hunde-erfahrenen Kindern. Bei der Erziehung ist zu beachten, dass er durchaus seinen eigenen Kopf hat. Mit Gewalt lässt sich beim ihm nichts erreichen, wohl aber mit Geduld, da er ansonsten schnell die Mitarbeit verweigert. Geschlechtsgenossen gegenüber kann es vorkommen, dass er sich unleidlich verhält. Insgesamt ist der Boxer jedoch ein Hund, der wegen seines außergewöhnlich gutmütigen Wesens für erfahrene Hundehalter sehr geeignet ist.

Nein, auf meine Eskapaden bin ich nicht stolz. Im Gegenteil, eigentlich ist und war mir mein Verhalten an der Costa Blanca peinlich. Und ein schlechtes Gewissen hatte ich, denn bei halbwegs nüchterner Betrachtung wurde mir klar, dass ich dem Vorwurf, ich sei schwanzgesteuert, in jenen Tagen nicht wirklich etwas hätte entgegensetzen können. Auf den Etappen von Badeort zu Badeort habe ich intensiv mit Maya darüber debattiert und schließlich versucht, das virulente Mann-Frau-Problem, für das ich keine Lösung hatte, einmal aus der Hundeperspektive zu betrachten. Maya war als stolze Spanierin nicht besonders kommunikativ im Umgang mit anderen Hunden. Oder sagen wir: Sie war erheblich selektiv. Begegneten wir beispielsweise einem aus meiner menschlichen Sicht tollen Hund, einem knackigen Boxer zum Beispiel, konnte es sein, dass Maya ihn offensiv ignorierte, sich weder beschnüffeln ließ noch ihrerseits die Nase zur Beurteilung des Gegners einsetzte. Andererseits konnte eine Prome-nadenmischung von der Größe, Form und Farbe eines Meerschweinchens sie in Verzückung versetzen. Manchen anderen Hund betrachtet sie offensichtlich als Beute und erhoffte sich, dass dieser Reißaus nehmen möge, damit sie ihn jagen könnte. Stolze Rüden ließ sie gnädig eine Duftprobe an ihrem hinteren Ende nehmen, Hündinnen ihrer Couleur verscheuchte sie mit kleinen fiesen Bissen. Ein Muster war nicht zu erkennen.

Viel später wurde mir klar, dass Maya sehr wohl nachvollziehbare Vorlieben pflegte. Es kam auf die Art und Weise an wie ihr der andere Hund begegnete. Nahm einer sie ernst und zeigte den gewissen hündischen Respekt, war das prinzipiell der Beginn einer wunderbaren Hundefreundschaft. Stürzte sich irgendein Rabauke auf sie wie der Vorstadtknalli auf die Kulturwissenschaftlerin, wurden ihm kurz und bestimmt die Grenzen aufgezeigt. Das galt zunächst einmal unterschiedslos für Rüden wie für Weibchen. Während allerdings Hündinnen im besten Fall als Spiel- und Laufgefährtinnen in Frage kamen, lag die Sache bei Rüden anders. Ich gestehe, nach einer gewissen Zeit des Zusammenlebens mit Maya fragte ich bei jeder Begegnung mit einem anderen Hundehalter, ob es sich bei seinem Tier um eine Hündin oder einen Rüden handelte – sofern dies wie bei großen männlichen Doggen wegen der übertriebenen Sichtbarkeit der Testikel nicht überflüssig war – und ob dieser kastriert sei oder nicht. Maya bevorzugte insgesamt die Kastraten, die ja oft den Zustand der Welpe lebenslänglich nicht überwinden, so wie sie ganz gerne mit jungen Hunden spielten. Fortpflanzungsfähige Rüden wurden dagegen sehr deutlich auf daraufhin abgecheckt, ob eine Verbindung mit diesen irgendeinen Vorteil in Bezug auf die genetische Vervollkommnung mit sich brächte.

Mir kam es so vor als ginge es über alles gerechnet darum, ob ein solcher fremder Hund zum Mitglied von Mayas Idealrudel taugte oder nicht. Ja, ich bin sicher, dass sie eine sehr genaue Vorstellung von einer Hundemeute hatte, in der sie sich ein soziales Leben vorstellen konnte. Da der Mensch allen Gerüchten zum Trotz kein Herdentier ist, auch wenn die Großfamilie ja rudelartige Züge trägt, und der moderne Mensch der westlichen Hemisphäre sich vorwiegend bis ausschließlich als frei schwebendes Individuum begreift, wird er sein Gegenstück nach ähnlichen Prinzipien wie Maya, aber eben bezogen auf eine kuschelige Zweierbeziehung auswählen.

Was ich damals in meiner wilden Zeit und jetzt wieder an den Gestaden des Mare Mediterraneum betrieben hatte, entsprach dem nicht. Ich ahnte es, und Maya war sich sogar sicher. Ihre Blicke sprachen Bände, wenn sie einer Frau nachsah, die eben noch schwitzend mit dem Herrchen in der Koje getobt hatte. Was machst du da eigentlich? schien sie mich auf diese Weise zu fragen. Ich gelobte Besserung und widerstand in den letzten beiden Strandorten vor Barcelona jeglicher Versuchung.

Wir näherten uns der Stadt mitten in der Nacht. Gegen fünf Uhr morgens lenkte ich Vasco auf die Umgehungsstraße, um Viertel nach fünf parkte ich am alten Hafen. Maya mochte die Stadt auf Anhieb nicht, keine Ahnung warum. Sie kroch mit eingezogenem Schwanz aus dem Wohnmobil und drängte sich an mein Bein. Was wir hier wollen, willst du wissen? fragte ich sie. Eine der schönsten Städte der Welt besuchen. Aber das reichte ihr als Erklärung nicht aus. Sie ging derart bei Fuß, dass ich bei jedem Schritt darauf achten musste, ihr nicht das Knie gegen den Schädel zu hauen. Ganz verzagt hockte sie sich unter einen blattlosen Baum und pinkelte. An einem Bauzaun fand sie ein halbwegs ungestörtes Plätzchen für das etwas größere Geschäft. Wir streiften durch das Viertel rund um den alten Hafen, das zur Olympiade von unterst zu oberst gekrempelt worden war und jetzt aus lauter Cafés und Boutiquen bestand.

Zum Glück hatte eines davon schon um sechs Uhr geöffnet. Ich bestellte bei einer schweren Frau mit dicken Augenbrauen Milchkaffe und Croissants. Sie brachte schwarzen Kaffee und Enseimadas. Ich orderte Milch nach und bekam eine Flasche H-Milch. Ich bat um eine Kaffeeschale oder eine größere Tasse, sie lieferte einen tiefen Teller. Also braute ich mir im Tässchen etappenweise meinen Cafe con leche und erstickte fast an den süßen Teigschnecken. Trotzdem hielten wir eine Stunde durch und beobachteten das Erwachen der Stadt. Erwachen? Nein, das war ein Explodieren! Wie auf Kommando fiel um fünf vor sieben eine Armada kleiner weißer Lieferwagen ein, die kreuz und quer durch die Straßen fuhren und auch die markierten Fußgängerbereiche nicht verschonten. Zwanzig Minuten später hörte ich ein merkwürdiges Surren aus Richtung Innenstadt, es ähnelte dem Geräusch, das ein Wespenschwarm im Anflug verursacht. Es wurde lauter, und dann öffnete sich der Boulevard wie ein Trichter und stieß einen Schwall wild gewordener Mopeds, Roller und Kleinmotorräder hervor. Genau um halb acht fingen alle Menschen, die sich zu Fuß bewegten, wie auf Kommando an, in der Gegend herumzuschreien. Maya hielt sich – im übertragenen Sinne, natürlich – die Ohren zu.

Mir ging der Krach auch auf die Nerven, aber ein bisschen Barcelona wollte ich mir doch geben. Also spazierten wir immer am Wasser entlang bis zum Ende der Ramblas. Ortsansässige neigen übrigens dazu, Fremde immer zu korrigieren, wenn diese vom Anfang oder vom Ende der Ramblas reden, egal, welches Stück man so bezeichnet. Sagt man, die Ramblas fangen am Hafen an, sagen sie, nein, dort enden sie. Erklärt man, dass das Ende der Ramblas am Wasser läge, schütteln sie den Kopf und beteuern, dass die Ramblas dort anfangen. Jedenfalls, wir kam dort hin und flanierten auf dem Mittelstreifen über diesen einzigartigen Boulevard. Maya hatte die Ohren flach angelegt und schreckte bei jedem ungewohnten Geräusch zusammen. Ich machte mir Sorgen, ob sie möglicherweise durch irgend etwas so verschreckt werden könnte, dass sie davon lief, und beschloss Halsband und Leine anzuschaffen.

Ein paar Straßen von den Ramblas entfernt fand ich eine Art Kaufhaus, einen großen Laden in einem etwas verkommenen Altbau. Ein Labyrinth aus Verkaufsräumen, das sich anscheinend einmal quer durch Häuserblock zog. Man bot allerlei Haushaltswaren an, aber auch Kleidung und Spielzeug. Zu meiner Überraschung entdeckte ich eine Ecke, in der Futternäpfe und dergleichen zu haben waren. Ein älteren Mann im grauen Kittel sprach mich auf Katalanisch an. Ich zuckte die Achseln, und er probierte in schneller Folge Kastillianisch, Französisch, Englisch und schließlich Deutsch aus. Er sprach ein fast akzentfreies Deutsch, und später erfuhr ich, dass er gut zwanzig Jahre in Castrop-Rauxel gelebt hatte. Sein Blick fiel auf Maya. Er hob die Augenbrauen und fragte: Ist sie schon Rennen gelaufen? Ich verneinte und berichtete kurz über die erste Begegnung zwischen Maya und mir und dem Verlauf der vergangenen zwei Wochen. Da haben sie aber einen guten Fang gemacht, erklärte er mit Kennermiene, das ist keine reine Galgo-Hündin, das fließt Greyhound-Blut durch die Adern. Schätze, fügte er hinzu, die geht schneller als ein englischer Windhund. Ich hörte mir das an und überlegte, worauf er hinaus wollte. Haben sie schon mal gesehen wie sie rennt? Ich schüttelte den Kopf und verwies auf mangelnde Gelegenheit, erwähnte aber die Episode mit dem Hasen, den sie für Paco beschafft hatte. So, so, murmelte er, wollen sie denn mal sehen, was ihre Hündin schafft? Klar, sagte ich. Gut, gab er zurück, ich habe um acht heute Abend Schluss. Sind sie dann noch da? Ich bejahte. Wollen wir uns auf der Rennbahn treffen? Immer noch ahnungslos, worum es ging, stimmte ich zu. Er schrieb mir eine Adresse auf und riet mir, ein Taxi zu nehmen. Dann kamen wir auf den eigentlichen Zweck meines Besuches zu sprechen. Er kramte ein Origi-nal-Galgo-Halsband aus einer Schublade und legte eine rote Nylonleine dazu. Das Halsband war außen mit dunkelroten Stickereien verziert, schön breit und weich. Maya ließ es sich widerstandslos anziehen. Ja, sagte ich, das steht dir gut. Und der Verkäufer lachte leise: Bis heute Abend.

An der Leine fühlte sich mein Hund offensichtlich sicherer. Mit deutlich ge-stiegenem Selbstbewusstsein trabte sie neben mir her und betrachtete Barcelona aus ihrer Sicht, wobei ihre lange Nase die wichtigere Rolle spielte. Einmal rum um die Sagrada Familia gingen wir, dann westwärts, und verliefen uns. Nach und nach nahm der Anteil der Altbauten ab, immer mehr sieben-, achtstöckige Backsteinbauten bildeten die Kulisse. Dann bestanden die Blocks nur noch dieser Art Gebäude. Das Erdgeschoss war meist vollständig mit Läden bestückt, zwischen denen es an jeder Seite des Häusergevierts einen breiten Durchgang in den Innenhof gab. Wir probierten eine solche Passage und landeten mitten in einer Cantina. An dem einen Ende befand sich eine lange Theke mit ungefähr zwölf Bedienungen, davor standen etliche Reihen von Tischen und Bänken, das Ganze war überdacht. Es muss am frühen Nachmittag gewesen sein, denn der Imbiss war nur zu einem Drittel besetzt. Wir gingen an die Theke und begutachteten das Angebot. Ein junges Mädchen mit Zahnspange fragte nach unserer Bestel-lung, bemerkte den Hund und grinste mich an: Perro hermoso! Sie flitzte hinter der dem Tresen entlang, griff sich unterwegs etwas und hielt Maya ein wunderbare Wurst hin, nachdem sie uns erreicht hatte. Gracias, sagte ich stellvertretend. Momento, gab sie zurück, flitzte wieder um die Theke herum und brachte ein Schälchen mit Wasser. Sie hatte Mayas Herz im Sturm erobert. Auch ich bekam dann Speis und Trank. Wir ließen uns nieder und stärkten uns. Maya sah jetzt sehr zufrieden aus, als ob sie nach Hause gekommen wäre.

Am späten Nachmittag kamen wir zum Parkplatz am alten Hafen zurück. Mir taten die Füße weh, Maya schien auch nicht mehr sehr frisch zu sein. Ich fütterte sie, dann gingen wir rüber in den kleinen Park und hielten Siesta. Beinahe hätten wir unser Geheimtreffen am Abend verschlafen. Kurz vor acht hielt ich ein Taxi an und nannte die Adresse der Hunderennbahn. Der Fahrer nickte bloß, musterte kurz den Hund und gab Gas. Gegen halb neun trafen wir ein. Wir waren durch dunkle Industriegebiete gefahren, an einem stillen Vorort vorbei, dann wieder alte Fabriken, dann ein dürres Wäldchen. Maya und ich standen vor einem flachen Gebäude, es war stockdunkel. Nicht dass ich normalerweise ängstlich bin, aber an diesem düsteren Ort, weit ab von einer Siedlung oder einer Durchgangsstraße war mir ein bisschen mulmig zumute. Wir gingen auf die Gitter zu, die einen breiten Eingang versperrten, hinter dem eine Art Tunnel begann. Es war sehr still. Ich rief: Hallo, ist da jemand? Plötzlich flammte Licht auf, in dem Tunnel, draußen am Gebäude. Durch den Gang hindurch sah ich das Grün einer Wiese, hart ausgeleuchtet. Dann kam unser Hundefreund aus dem Kaufhaus durch den Tunnel, seine Silhouette begleitet vom Schatten eines Hundes, eines sehr schmalen Hundes.

Gut, da sind sie ja, sprach er mich an. Ich heiße übrigens Hernando, sagen Sie einfach Hernan zu mir. Er reichte mir die Hand durchs Gitter. Auf der einen Seite stand nun Maya, auf der andere ein Hund, der ihr Zwilling hätte sein können, wäre er nicht pechschwarz gewesen und ein bisschen größer als sie. Die Hunde nahmen Kontakt auf und schienen beide miteinander einverstanden zu sein. Hernan schloss das Tor auf. Das ist Prince, auch ein Galgo, ein schneller Hund, sagte er. Wir hatten die Arena betreten. Die Bahn hatte etwa die Ausmaße eines Leichtathletikstadions. Später erfuhr ich, dass eine Runde genau 480 Meter lang ist, weil die Start- und Zielgerade zweimal durchlaufen wird. Sowohl zu der Wiese in der Mitte als auch nach außen zu den Erdwällen, die vermutlich für die Zuschauer vorgesehen waren, begrenzte ein hoher Maschendrahtzaun die sandige Piste, die glatt gezogen und ohne Spuren da lag.

Wir standen nun im Durchgang, der aus dem Eingangsgebäude unter einer überdachten Tribüne hindurch auf die Bahn führte. Maya hob den Kopf und witterte, während der schwarze Galgo mit großer Gelassenheit einfach da stand, einen halben Meter entfernt von Hernan. Ganz links, da wo in einem Leichtathletikstadion die Startblöcke für die Sprinter sind, stand eine Art schulterhoher Schuppen, so breit wie die Laufbahn. Soll ich Prince erst alleine laufen lassen? fragte er. Ich nickte. Wir gingen rüber zu dieser Startbox, und Hernan erklärte mir die Prozedur. Dann führte er Prince in ein Abteil der Box, schloß ein Gitter hinter ihm und öffnete die Klappe über einem Pult. Er zog an einem Hebel. Am Innenrand der Bahn sah ich jetzt ein Seil und daran ein Fellbündel, das langsam vorwärts gezogen wurde. Prince wurde unruhig in seinem Kasten, auch Maya sog erregt die Luft ein, sprang auf einmal los, sodass ich fast umgerissen wurde. Der künstliche Hase, rief Hernan, jetzt geht’s los! Er zog an einem anderen Hebel. Der Hase begann sich zu bewegen, gezogen vom Seil, wurde schneller, dann sprang die Klappe an der Startbox auf, und Prince schoss auf die Bahn. Hernan regelte die Geschwindigkeit des Hasen so, dass Prince immer dicht an ihm war, das Fell aber nicht erreichen konnte. Maya sprang wie wild an der Leine hin und her, während Prince rannte, ein schwarzer Schatten im Flutlicht. Nach kaum einer Minuten war der Hase einmal herum um die Bahn und der schwarze Galgo auch. Warte, rief Hernan und rannte los zum Ziel, wo sich der Hund in den Hasen verbissen hatte und ihn heftig hin und her schüttelte bis sein Herrchen ihn am Halsband griff, wegzog und anleinte.

Na, fragte er, begeistert? Ich war weniger begeistert als fasziniert von den Umständen. Natürlich hatte ich schon von Hunderennen gehört und hatte meine Vorurteile. Ich dachte an Filmszenen mit entfesselten Proleten, die beim Windhundrennen das letzte Geld an kriminelle Buchmacher verlieren, an Manipulation, Doping, Tierquälerei. Einen Hund derart schnell laufen zu sehen, das war allerdings begeisternd. Jetzt dein Hund? Lass sie ohne die Box starten, löse einfach die Leine, wenn der Hase raus kommt. Ich führte Maya vor die Startbox, ich fixierte den Kasten. Die Klappe ging hoch, das Fellbündel wurde herausgezogen und beschleunigte. Ich ließ Maya los. Sie rannte, sie rannte, ich sah sie von hinten, eine hellbraune Kugel, die hart am Innenrand entlang davon schoss. Hernan hatte den Hase auf Höhe der Startbox angehalten. Maya tanzte um das Fell herum und kläffte den toten Hasen an. Ich ging hin und leinte sie an. Maya hechelte, aber dann hob sie den Kopf, sah mich an. Sie schien sehr glücklich zu sein.

Wie gaben den Hunden Wasser und ließen sie ruhen. Prince lag im Gras, Maya daneben, man konnte im harten Licht sehen, wie ihr Herz gegen die Rippen schlugen. Siehst du, sagte Hernan, die Hunde machen das gern, sie lieben es. Ja, antwortete ich, so sieht es aus. Hernan erzählte von Rennhunden und den großen Zeiten der Bahn und des Windhundrennens als es in Spanien in jeder Stadt eine solche Rennbahn gegeben hatte. Er berichtet von den Banden, die diesen Sport nach und nach übernommen hatten, denen es ums Geld ging, die dafür sorgten, dass die Tiere nichts mehr galten, dass sie nach zwei, drei Jahren einfach umgebracht wurden, wenn sie nicht mehr schnell genug waren, von den immer schlechter werdenden Bedingungen auf den Bahnen, von viel zu engen Transportboxen, fehlender tierärztlicher Betreuung, von der brutalen Auslese bei der Zucht, von Drogen, die man den Hunden gab, von denen sie schneller wurden, aber oft nach dem Rennen einfach tot umfielen, von manipulierten Wetten, von Erpressung, von Geldwäsche. Die Scheißtypen aus Andalusien, sagte er, die sind schuld, die haben den Sport kaputt gemacht. Weißt du, das hier ist die letzte Bahn in ganz Spanien, auf der noch Rennen stattfinden. Aber auch hier ist der Betrieb für die Tiere immer schlimmer geworden. Offiziell nehme ich mit meinen Hunden nicht mehr teil. Aber ich habe noch die Schlüssel. Hernan lachte ein bisschen. Ich bot ihm eine Ducados an, er zog eine Flasche Wein aus einer Plastiktüte. Er reichte mir die Flasche. Wir rauchten und tranken schweigend, während die Hunde langsam wieder ruhiger atmeten.

Dann ließen wir Prince und Maya gegeneinander laufen. Der schwarze Rüde siegte mit hauchdünnem Vorsprung. Hernan brachte uns in seinem kleinen, weißen Lieferwagen zurück an den alten Hafen. Er reichte mir die Hand zum Abschied: Denk immer daran, dass ein Galgo etwas ganz Besonderes ist, be-handele Maya wie etwas ganz Besonders. Und wenn ihr wieder mal in der Nähe seid, melde dich bei mir. Du weißt, wo ich zu finden bin. Maya strampelte die ganze Nacht über im Traum.

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publiziert am 01.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 1523x gelesen ¦ noch kein Kommentar