Schlafende Hunde (14)

Der Yorkshireterrier ist ein winziger Wolf im winzigen Schafspelz. Er ist ein echter Terrier, mutig, mit einer Schnauze voller spitzer Zähne. Trotz seines heutigen Lebens als Luxushund hat er noch viel von seinen Ahnen geerbt: Diese waren Ungeziefervertilger und Wettobjekte im Kampf Hund gegen Ratten. Natürlich ist er heute in erster Linie ein ausgesprochen liebenswerter Hausgenosse, aber auch ein passabler, aufmerksamer Wachhund, selbst von größeren Hunden oder fremden Menschen lässt er sich nicht weiter beeindrucken. Da es ihm nicht an Selbstsicherheit fehlt, gefällt sich der Yorkshireterrier im Ausstellungsring, wo er durchaus die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versucht.

Dafür war ich dann morgens um halb sechs hellwach und stocknüchtern. Nach einer guten Dusche nahm ich Maya an die Leine. Zweiundneunzig Stufen abwärts. Aus der Tür, rechts rum, denn sie wusste ihren Weg. Im Park steuerte ich das Ende der großen Wiese an. Ich ließ Maya von der Leine. Sie schoss los, drehte ein paar richtig schnelle Runden und kam fröhlich hechelnd zurück zu der Bank, auf der ich mich niedergelassen hatte in der frühen Morgensonne, die hinter dem Dunst ihr Bestes gab. Ich drehte mir eine Zigarette von dem staubtrockenen Tabak, den ich in einer Schublade gefunden hatte, und rauchte sie in ein paar Sekunden weg. Mein Hund war inzwischen auf Erkundung. Es war ein friedlicher Augenblick, und ich war nicht allein.

Wir gingen bei Amir frühstücken. Als ich mit Maya sein Stehcafé betrat und er den Hund sah, kam er hinter der Theke vor, fiel fast vor ihr auf die Knie und konnte sich kaum lassen: So ein feiner Hund. Ja, wer bist du denn? Guter Hund – streichelte und klopfte an ihr rum als wolle er ihr eine Massage verpassen. Nun krieg dich wieder ein, Amir, sagte ich. Er begrüßte mich: Hey, Mann, seit wann hast du einen Hund? Hab ich aus dem Urlaub mitgebracht, ein Galgo aus Spanien. Weißt du, Alter, mein Großvater in der Türkei hatte auch so einen Hund, ich glaube, die nennen die da Teve?, für die Hasenjagd. So ging es ein bisschen hin und her. Schließlich wurde ich meine Bestellung los und bekam meinen schwarzen Kaffee und die belegten Brötchen. Für Maya hatte er Wasser und trockenes Brot zum Knabbern. Wie waren die einzigen Kunden. Amir erzählte Hundegeschichten, ich berichtete von der Reise. Es war eine friedliche Situation am frühen Morgen.

Wir kamen nach Hause, Maya begann einen frühen Mittagsschlaf auf ihrem Sofa. Das Telefon meldete sieben unbeantwortete Anrufe. Ich ging die Liste durch. Lauter unterschiedliche und unbekannte Nummern, bis auf eine: die Zentrale der Tee-Company. Wenn die einmal angerufen haben, dann werden die auch wieder anrufen, dachte ich mir und machte es mir auf der Terrasse gemütlich. Kaum lag ich in der Hängematte, klingelte das Telefon. Ich holte mir den Apparat und meldete mich vorsichtig, ohne meinen Namen zu nennen. Am anderen Ende sagte eine energische Frauenstimme ihr Teesprüchlein auf. Hallo, Hase, sagte ich, denn ich sprach mit Miriam Hase, der schönsten Frau im ganzen Hause. Sie ging nicht drauf ein: Herr Doktor Immer-Wandersley möchte Sie dringendst sprechen. Ich verbinde. Zu spät zum Abwimmeln, denn es ging sofort los. Guten Tag, Jens, begann er und sammelte gleich zwei Minuspunkte. Erstens wollte ich nicht geduzt werden, zweitens hasste ich es, bei meinem Vornamen genannt zu werden. In den letzten Jahren hatte im Unternehmen die amerikanische Unsitte um sich gegriffen, sich gegenseitig beim Vornamen zu nennen und ab einer bestimmten Hierarchieebene zu duzen. DIW, wie ihn die Belegschaft mit einer Mischung aus Respektlosigkeit und Furcht nannte, war nun auch überhaupt nicht der Typ, den man gerne duzen wollte oder von dem man geduzt werden mochte. Ein halbhoher Mensch mit deutlichem Napoleonkomplex und hellblauen Fischaugen, der vermutlich im Kindergarten schon einen dreiteiligen Anzug getragen hatte. Er war in der Folge unübersichtlicher Erbfolgekriege unter den Nachkommen des Gründers als Kompromisskandidat zum Vorstandsvorsitzenden bestimmt worden, was gleichzeitig das Erreichen seines Lebensziels und seiner maximal möglichen Inkompetenz pro Job markierte.

Guten Tag, Jens, hatte er begonnen, ich hoffe, sie sind nicht sehr krank. Nein, nein, gab ich zurück, geht schon wieder. Gut, sagte er, ich habe ihnen eine unangenehme Mitteilung zu machen. Lassen sie mich kurz erklären. Das konnte nur bedeuten, dass er einen längeren Sermon abzulassen gedachte. Tatsächlich war er wirklich kurz angebunden: Wir hatten gestern Abend eine Krisensitzung des Vorstands. Die Roiboos-Kampagne ist eine Katastrophe – in jeder Hinsicht. Weder stimmen die Motive, noch der Mediaplan. Ihre Agentur hat, verzeihen sie den Ausdruck, auf ganzer Linie Mist gebaut. Ihr Team hat nicht eingegriffen. Es muss eine völlig neue Kampagne aufgebaut werden, wir werden eine neue Agentur engagieren. Das Controlling schätzt den Gesamtschaden auf etwas über drei Millionen. Und sie, lieber Jens, sind verantwortlich. Er holte hörbar Luft. Wie konnten sie es sich herausnehmen, mitten in der heißen Phase dieser eminent wichtigen Produkteinführung sage-und-schreibe fünf Wochen Urlaub zu nehmen? Und den dann noch durch eine angebliche Erkrankung eigenmächtig zu verlängern? Wenn ihm das Anbrüllen gegeben gewesen wäre, dann hätte er mich jetzt angebrüllt: Und! Sie waren nicht erreichbar! Ein Top-Manager hat immer erreichbar zu sein! Gut, mit dem letzten Punkt war ich nicht einverstanden, aber ansonsten hatte er uneingeschränkt Recht. Ich hatte noch Resturlaub, warf ich ein und brachte damit sicher einige weniger wichtige Adern an seinem Schädel zum Platzen: Resturlaub! Top-Manager haben keinen Resturlaub! Er atmete schwer. Jedenfalls, Herr Kühn, hat der Vorstand ihre Freistellung mit sofortiger Wirkung beschlossen. Bitte teilen sie Herrn Ürzig vom Sicherheitsdienst mit, wann sie ihre persönlichen Dinge abzuholen gedenken. Auf Wiederhören.

Upps, damit hatte ich selbst nach Wilhelms Warnung nicht gerechnet. Aber: Es war mir egal. Wahrscheinlich waren mir die hohen Teebeutel nur zuvor gekommen, vermutlich hätte ich den Job eh geschmissen. Mir stand der Tee bis zur Unterkante der Oberlippe. Das war mir klar. Andererseits gab es sicher einen schnuckeligen Kaffeehersteller, der Bedarf an einem erfahrenen Marketingleiter hatte, der sich im Heißgetränkemarkt auskannte. Ich war ganz gelassen und rief meinen Anwalt an, er möge Kontakt mit dem Teehaus aufnehmen und meine Abfindung aushandeln. Und wehe, er schlüge weniger als ein Jahresgehalt heraus! Kaum hatte ich aufgelegt, erschrak ich über meine Gelassenheit. Hey, das war genau das, was ich nie gewollt hatte – eine Jobsuche. Selbst eine aussichtsreiche. Ich wollte meine Pension im Dienste des Tees verdienen, das war mein Plan, denn ich fühlte mich für keine andere Berufstätigkeit wirklich geeignet. Und der Umzug in eine andere Stadt kam gleich gar nicht in Frage. Plötzlich löste sich ein gigantischer Seufzer irgendwo unterhalb meines Zwerchfells und kämpfte sich aufwärts bis er raus kam. Ein zweiter folgte, und dann fing ich an zu weinen. Bodenlos und laut. Als keine Flüssigkeit mehr kam, nahm ich durch den nassen Schleier wahr, dass Maya vor mir saß, zu mir aufschaute und im gleichen Rhythmus fiepte. Sie litt mit mir. Ich rutschte vom Stuhl neben sie auf den Teppich. Ich streichelte sie, sie leckte mir das feuchte Gesicht. Ich war nicht allein.

Eine Stunde später war mir dieser Anfall von Selbstmitleid peinlich. Ich hatte einen gigantischen Fehler gemacht, einfach so, jetzt bekam ich die Quittung. Alles völlig normal. Jeder leitende Angestellte muss mit so etwas rechnen. Hat er Familie und ein Häuschen abzuzahlen, bringt ihn eine Kündigung, selbst wenn eine gute Abfindung gezahlt wird, in Schwierigkeiten. Ist er über vierzig und spricht sich die Angelegenheit in seiner Branche herum, ist es eine Katastrophe. Ich war zwar über vierzig, hatte aber keine Verpflichtungen, musste niemanden versorgen. Außerdem hatte ich ja auch ein paar Rücklagen, Fondsanteile und dergleichen. Schlimmstenfalls konnte ich in einer bescheidenen Arbeitslosigkeit überwintern bis zur Rente. Alles kein Problem. Und dann restaurierte ich mich für das Treffen mit Wilhelm.

Das Pizzaro. Treffpunkt der Wichtigen. Stammplatz derjenigen, die sich schon mittags zeigen müssen: Politiker mit Popularitätsdrang, Privatiers ohne Köchin, Berufsgattinnen im Shoppingzyklus, Chefs ohne Aufgabe, Werbegrafiker im Kontaktwahn. Man sitzt eng an eng in diesem Laden, der sich Bistro nennt. Gutes Essen zu hervorragenden Preisen auf einfachem Geschirr. Gerichte zwischen Hausmannskost und Haute Cuisine, bereitet von Köchen, die in der offenen Küche noch enger gedrängt stehen als die Gäste im Laden sitzen. Im Zentrum des Viertels, das immer noch Hafen heißt, obwohl an Stelle der Lagerhäuser und Fabrikationshallen schon postmoderne Architektur voll gestopft mit Mode, Medien und Marketing blüht. Ich kannte das Lokal noch als es Velasquez hieß und eine Studentenkneipe war mit allem Drum und Dran. Ich mochte das Essen dort, ich verabscheute die Gäste. Wilhelm war seit der Eröffnung Stammgast und hatte seinen festen Platz in einer Nische am Fenster direkt hinter dem Eingang. Dort saß er auch als ich eintraf. Seit seiner Pensionierung hatte er sich zunehmend als Grandseigneur positioniert, heute trug er einen weißen Anzug, der ein bisschen zu jugendlich war. Dazu ein Hemd mit breiten weißen und dunkelroten Streifen, keine Krawatte. Er erhob sich halb und rief: Mein Lieber, wie schön dich zu sehen. Ich gab ihm die Hand und setzte mich. Maya drängelte sich an meinen Beinen vorbei und legte sich unter den Tisch. Von deinem Hund habe ich schon gehört, begann er das Gespräch. Weiter kam er nicht, denn eine sehenswerte Kellnerin stand bei uns und wollte die Bestellung aufnehmen. Austern, Jens? fragte Wilhelm, aber ich schüttelte mit mildem Ekel den Kopf. Gut, meine Liebe, ich werde Austern nehmen, ein Dutzend, danach bitte einen kleinen Salat, aber ohne diese Endivien, die vertrage nicht. Könnten sie bitte ein wenig Ziegenkäse dazu bringen? Danke. Wein, Jens? Ich verneinte erneut. Dann bringen sie mir bitte eine halbe Flasche von diesem vorzüglichen Riesling, den ich neulich schon einmal hatte, sie wissen schon. Das schöne Mädchen, sie war kaum älter als zwanzig, hatte sich alles notiert und sah mich fragend an: Gibt’s heute Königsberger Klopse? fragte ich, denn das war das Highlight der gutbürgerlichen Seite der Pizzaro-Küche. Sie nickte. Dazu bitte ein schönes Pils.

Ich habe, fuhr Wilhelm fort, von Yvonne auch schon eine Zusammenfassung deines Reiseberichts gehört. Unglaublich, die Geschichte. Und um ehrlich zu sein, ich glaube deine Geschichte nicht. Nun da wir unter uns sind, kannst du mir ja erzählen, was wirklich vorgefallen ist. Die Kellnerin und die servierten Getränke ersparten mir eine Antwort. Prost, sagte ich und hob mein Glas. Zum Wohl, mein Lieber, entgegnete Wilhelm. Er sog ein wenig Riesling ein und kaute ihn durch: Hervorragend! Also, sagte er, erzähl. Ich gab einen Bericht ab, der sich in allen wesentlichen Punkten mit dem deckte, den Yvonne bekommen hatte, schmückte aber die Geschichte mit Friederike ein bisschen aus. Die Sache mit dem Tod von Schiller hielt ich kurz und knapp. Wilhelm nickte ab und zu oder schüttelte den Kopf. Just in dem Augenblick als ich fertig war, kam das Essen. Wilhelm redet nicht beim Essen, er kommentiert es. In diesem Fall hielt er einen von zwölfmaligen Schlürfen unterbrochenen Vortrag über die Auster an sich und die Vorzüge der verschiedenen Sorten. Ich aß die Klopse mit großem Genuss. Meine Mutter hatte sie auch oft gekocht, aber was sie uns serviert hatte, ähnelte diesem Gericht so wie ein Trabant einem, sagen wir, dreiundsechziger Austin-Healey. Zunächst, hatte mir Elmar, der Wirt, einmal verraten, nehmen wir bestes Kalbfleisch aus der Keule und drehen es durch die feinste Scheibe vom Fleischwolf, dann wird das Gehackte mit fein gehackten Schalotten, entrindetem und eingeweichtem Weißbrot, ebenso fein gehackten Anchovis und Petersilie vermischt, mit Salz und weißem Pfeffer gewürzt. Die tischtennisballgroßen Klopse werden in leicht siedender Rinderbrühe gegart. Aus einem Teil der Brühe wird mit Hilfe einer Beurremange eine Soße erzeugt, die man mit Zitronensaft abschmeckt. Nun kommen die Kapern dazu. Das Ganze wird mit Sahne aufgekocht, die Klopse darin erwärmt. Die Königsberger Klopse im Pizzaro sind definitiv eine Delikatesse.

Dann hatte Wilhelm auch seinen Salat mit einigen Anmerkungen versehen und zu knapp der Hälfte verspeist. Er orderte Espresso und Brandy für sich, ich bestellte ein zweites Bier. Nun, begann er den zweiten Teil des Gesprächs, dieses Haus in Portugal, das ist eine etwas komplizierte Sache. Offiziell ist es unser Feriendomizil in Portugal, aber tatsächlich haben wir dort nur einmal einen Urlaub verbracht, und das ist sechs Jahre her. Es waren unsere nachgeholten Flitterwochen, weißt du. Damals gehörte uns das Haus noch gar nicht. Wir hatten die Tipp vom damaligen britischen Konsul, der wiederum den Besitzer, einen wohlhabenden Mann aus London kannte. Die Tage damals waren wundervoll, er lächelte erinnerungsselig, und Yvonne brachte die Idee auf, das Haus zu kaufen, wenn es denn zu verkaufen sei. Ich nahm also nach der Rückkehr auf Vermittlung des Konsuls Kontakt mit dem Besitzer auf, ein Exilrusse, der mit Nordseeöl ein Vermögen gemacht hatte. Ich trug ihm mein Anliegen am Telefon vor. Er regte ein Treffen an einem der folgenden Tage an. Natürlich kam er im Privatjet, ich ließ ihn am Flughafen abholen und im Schmalenbachhof unterbringen. Wir sahen uns abends bei Alphonso. Fjodor, so hieß er, war ein großer, dünner Mann mit Glatze und schlechter Haltung, er verliebte sich sofort in Yvonne und hätte ihr keinen Wunsch abschlagen können. Yvonne flirtete, mir war klar, dass es ihr darum ging, den Preis zu drücken. Als wir darauf kamen, nannte er einen erstaunlich niedrigen Betrag. Er hatte den Verkauf zwar nicht geplant, gab er zu, aber er hinge auch nicht an dem Haus, sei, seitdem er diese Insel in der Karibik besäße, auch nie wieder dort gewesen. Allerdings sei der Verkauf an eine Bedingung geknüpft. Das Verwalterehepaar sei weiter zu beschäftigen bis ans Lebensende. Das schien unproblematisch. Also schlugen wir zu. Wilhelm winkte nach der Kellnerin. Und, fragte ich, wo war der Haken? Es gab keinen Haken, antwortete er, jedenfalls nicht, dass wir wüssten. Wie gesagt, wir sind nie wieder dort gewesen, haben das Haus an Bekannte und Freunde vermietet. Und allen hat es gefallen. Niemand hat in den sechs Jahren je etwas Negatives zu berichten gewusst. Er nahm einen großer Schluck vom Riesling. Ich werden nächste Woche dorthin reisen und nach dem Rechten sehen. Jetzt aber zu dem anderen Thema: Hast du schon etwas vom kleinwüchsigen Doktor gehört? So pflegte Wilhelm den Teevorstand, der nie hatte leiden können, gerne zu nennen. Nein, log ich, aber ich werde ihn nachher anrufen.

Wilhelm gab sich damit zufrieden. Er zahlte – ich sollte mich als eingeladen betrachten – und wir verließen das Pizzaro. Maya hatte sich nicht einmal gemeldet im Restaurant, und ich nahm das als gutes Zeichen für unsere gemeinsame Zukunft in Kneipen, Bistros und Cafés. Wir verabschiedeten uns von Wilhelm und nutzten die Gelegenheit zu einem Spaziergang durch den Park am alten Hafenbecken.

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publiziert am 07.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 976x gelesen ¦ noch kein Kommentar