Schlafende Hunde (16a)

Der Dalmatiner verfügt über ein angenehmes Wesen, freundlich, nicht scheu oder zurückhaltend und frei von Nervosität und Aggressivität. Er ist ein Laufhund. Im Hause ruhig und im Freien temperamentvoll. Aus diesem Grund benötigt er eine aktive Familie und eine konsequente Erziehung ohne viel Druck. Der Dalmatiner nimmt eine zu harte Erziehung übel, was sich dadurch äußert, dass er dazu neigt, auf stur zu schalten. Das Rudel (Familie) ist für den Dalmatiner sehr wichtig. Er will immer dabei sein und reagiert sensibel auf Spannugen. Er eignet sich daher weder für berufstätige Leute oder die Zwingerhaltung. Von Anfang an muss die Rangordnung innerhalb der Familie klarstehen, auch bei den Kindern, dass der Hund rangniedrigst ist. Vereinzelt kommen immer wieder Dominanzprobeme vor, (nicht geschlechtsabhängig) weil der Dalmtiner sich in der familiären Rangordnung nach oben schiebt, schon allein, weil sich die Familie nicht einig ist, was der Hund darf und was nicht. Der Hund merkt solche Unstimmigkeiten sofort und macht sich seine eigenen Regeln.

Dann brachen sich die anwesenden Hormone und die damit verbundenen Frustrationen Bahn. Schon bevor die Frau mit dem Greyhound auf meinem Radar aufgetaucht war, hatte ich einen auffälligen Mann im Visier. Ein großer Kerl, lateinamerikanischer Typ, schwarzer Anzug, und zwar vom Feinsten, weißes Hemd, keine Krawatte. Er war in Begleitung von drei menschlichen Bulldoggen aufgetreten, eine ging voraus, die beiden anderen hinter ihm. Ich schwöre, alle Augen aller anwesenden Frauen zwischen sechzehn und sechzig verfolgten jeden seiner Schritte bis er einen Stehtisch unter der großen Kastanie erreicht hatte. Er sah wirklich verdammt gut aus und strahlte einen Reichtum aus, der ins Märchenhafte spielte. Seinen Gesichtsausdruck, den er übrigens die ganze Zeit beibehielt, würde ich als wohlwollend überlegen bezeichnen. Er sprach nicht mit seinen Wachhunden, bestellte auch nicht beim Kellner, das übernahm einer seiner Begleiter, derjenige, der passend zur Glatze auf dem Quadratschädel eine beeindruckenden Narbe im Gesicht trug. Man servierte Champagner von der teuren Sorte.

Der schöne Mann verbrachte seine Zeit damit, die anwesenden Frauen zwischen sechzehn und sechzig zu scannen. Fand eines der Weibchen seine Zustimmung, verweilte sein lateinischer Blick unverschämt lange auf ihm, wobei er die diversen anatomischen Ausbuchtung ausgesprochen genau musterte. Ich schwöre ein zweites Mal: Er ließ keine aus, ob alt, ob jung, ob in Begleitung oder allein. Zwei Tische von ihm entfernt hatte sich ein Gruppe Jungmänner knapp jenseits der zwanzig mit ihren Gespielinnen zusammengerottet. Auch wenn ich nicht den ganzen Verlauf der Eskalation verfolgen konnte, weil die Greyhound-Halterin meine Aufmerksamkeit über eine halbe Stunde in Anspruch genommen hatte, ahnte ich doch, dass Ärger bevorstand. Sich an einem solchen Typ abzuarbeiten, das liegt für einen Spätpubertären im Kreise potenzieller Sexualpartnerinnen als Teil des Balzrituals immer im Bereich des Möglichen. Wie soll denn ein zwan-zigjähriges Girl mit netten Brüsten einem Boy widerstehen, der einen doppelt so alten Mann mit drei Bodyguards herausfordert, denkt es in den Youngstern. Bleibt es beim Wortgefecht, hat er Mut bewiesen, ist doch klar, wird es körperlich, kann er auch nur gewinnen. Denn wenn er was aufs Maul bekommt, appelliert das an den Brutpflegetrieb der angestrebten Frau, teilt er mehr aus als er einsteckt, ist er der starke Beschützer. Logik bleibt Logik, auch wenn nur das limbische System beteiligt ist.

Jedenfalls: Der Señor hatte eines seiner Augen auf ein recht üppiges Mädchen aus der Jungschar geworfen und sogar ein Lächeln aufgesetzt. Keine Ahnung, ob seine Adressatin das bemerkt hatte, dem Jungmann an ihrer Seite war dieses ferngesteuerte Kompliment dagegen nicht entgangen. Zudem hatte er, wie seine Kollegen, schon erheblich getankt. Ich sah, wie er sich langsam aufpumpte. Wie gesagt: Zwischen dem Herrn im schwarzen Anzug und der Jugendgruppe lagen maximal drei Meter Luftlinie. Schon hob der Junge das Kinn. Und plötzlich brach es aus ihm heraus: Hey, was bist du so blöd am Glotzen? Der Gutaussehende ignorierte die Ansprache, wandte seinen Blick aber nicht von der prallen Schönheit ab. Der Kleine warf einen weiteren Satz in die Arena, der Große reagierte nicht. Die Grenze war überschritten. Der junge Typ nahm sein Weizenglas, machte zwei, drei Schritte auf den Lateinamerikaner zu und schüttete dem das Bier aus etwa einem Meter Entfernung aufs Hemd.
Das löste den Reflex der Personenschützer aus, die sich den Jüngling griffen, zwei warfen sich auf ihn, der dritte sicherte die Situation. Das löste den Gegenreflex der Jugendlichen aus. Vier von ihnen stürmten los und traktierten die am Boden liegenden Bodyguards mit Tritten. Personenschützer Nummer drei fackelte nicht lange, zog eine Waffe und schoss in die Luft. Kaum hatte er das getan, sprang ihn von hinten ein Mann minderer Größe an, fiel ihm in den Arm, sodass der Revolver zu Boden fiel. In Nullkommanix waren weitere sieben, acht Mann beteiligt. Der Ausgangspunkt des Tumults stand die ganze Zeit über wie ein Turm in der Schlacht. Natürlich traf nach einer gewissen Zeit die Polizei ein, ein Beamter und eine Beamtin. Und zogen den Zorn der prügelnden Masse so schnell auf sich, dass sie sich rasch wieder verzogen. Dann hörte ich einen lauten Pfiff, die Personenschützer waren in Sekundenbruchteilen bei ihrem Herrchen, der mit schnellen Schritten den Schauplatz verließ, sein Rudel im Schlepptau. Offensichtlich hatten die übrigen Kombattanten dies nicht bemerkt und kloppten sich weiter. Dann waren auf einmal zehn, zwanzig Polizisten vor Ort, die mit großer Freude von den Schlagstöcken Gebrauch machten, und am Ende hatte sich der Biergarten doch sehr geleert – teils, weil Gäste die Gelegenheit genutzt hatten, zu verschwinden, ohne ihre Zeche zu zahlen, teils, weil einige nicht zu Opfern werden wollten und teils, weil sie mit auf den Rücken gefesselten Händen dem Polizeigewahrsam zugeführt wurden.

Mein Platz war günstig, ich konnte alles verfolgen und hätte notfalls fliehen können. So wartete ich den Ausgang des Aufstands ab und winkte einem Kellner. Der folgende Drink ging aufs Haus. Es war mein letzter in dieser Nacht. Maya, die von dem allen kaum etwas mitbekommen hatte, weil sie zu meinen Füßen geschlafen hatte, und ich gingen nach Hause.

In der Nacht träumte ich von einer Segeltour allein mit Maya. Wir lagen in einer Flaute mitten im Atlantik, fernab von allen Schifffahrtsrouten. Die Vorräte waren zur Neige gegangen, und ich musste eine Entscheidung treffen. Seit Tagen hatte ich am Horizont die Silhouette einer Insel gesehen. Wir kamen ihr nicht näher, entfernten uns aber auch nicht. Dann kam der Tag, an dem kein Süßwasser mehr an Bord war. Ich beschloss, dass es am Besten wäre, zur Insel zu schwimmen, es konnten kaum mehr als neun Kilometer sein, die See lag ruhig wie ein Spiegel. Natürlich wusste ich, dass Maya – wie alle Galgos – sehr wasserscheu war, deshalb fasste ich den Plan, sie einfach ins Wasser zu werfen und hinterher zu springen. Ich warf den Hund über Bord, aber sie schwamm nicht, sie versank sofort. Ich sprang ins Meer und tauchte. Sie war verschwunden. Ich rief und tauchte wieder und wieder bis ich völlig erschöpft war. Mit letzter Kraft kletterte ich wieder aufs Schiff. In diesem Moment kam Wind auf, eine Brise, die mich zur Insel führen würde, wenn ich die Segel setzte. Ich zögerte, weil ich immer noch hoffte, Maya würde auftauchen. Stundenlang quälte ich mich mit der Entscheidung. Schließlich zog ich die Segel auf, aber der Wind hatte inzwischen gedreht, und das Boot entfernte sich von der Insel. Im Traum wurde ich nach ein paar Tagen vor Hunger und Durst bewusstlos. Erwachte durch einen Stoß, ein Knirschen und dann völlige Stille. Das Schiff war auf einen Strand gelaufen. Ich zog mich an der Reling hoch und sah hinunter auf den Sand. Da stand Maya, schwanzwedelnd und bellte vor Freude, mich wieder zu sehen.

Morgens machten wir einen langen Spaziergang durch den Park. Maya hatte in den Tagen zuvor den Kaninchenbestand dort entdeckt und ging auf die Jagd. So dumm, sich ohne Deckung zu bewegen, waren die Hasen allerdings nicht. Also kroch sie ein ums andere Mal in die Büschen, kam zerzaust und mit Blättern und Aststücken bedeckt zu mir. Sie wirkte ziemlich frustriert und gab nach einer Weile auf. Trottete an meiner linken Seite und wurde höchstens noch aktiv, wenn es an einem Baum oder Strauch Geruchsspuren von Artgenossen gab. Ihr Frühstück verschlang sie lustlos. Dann zog sie sich aufs Sofa zurück und schlief ein.

Ich verbrachte die nächsten zwei Stunden mit Putzen und Aufräumen. Maya betrachtete den Staubsauger als bösen Feind und verkroch sich, während ich das wunderbare Designer-Sofa enthaarte. Dann machte ich mich über das Badezimmer her. Es gab keinen Schmutz, den ich hätte beseitigen können, denn meine Putzfrau war sehr gründlich. Schließlich fing ich an, die Schubladen aus der Anrichte auszuräumen und fand dabei allerlei unnötiges Zeug, zum Beispiel einen elektrischen Sektquirl. Kurz vor halb zwei kochte ich mir einen Kaffee. Anschließend sortierte ich die Papiere auf meinem Schreibtisch von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links. Um als nächstes den Karton zu durchstöbern, in dem ich die Hinterlassenschaften von der Reise abgelegt hatte.

Da fand ich die Quittung vom Geldumtausch an der französisch-spanischen Grenze, drei, vier ungeschriebene Postkarten aus Huelva, das Ticket der Fähre von dort, diverse Rechnungen aus diversen Cafés und Restaurants, ein abgerissenes Stück Zeitung auf dessen Rand Paco seine Adresse aufgeschrieben hatte, das Foto einer Frau, an die ich mich nicht erinnere, einen winzigen Stadtplan von Barcelona, auf dem der Ort der Windhundbahn markiert war sowie ein graues Stück Papier, dick wie eine Visitenkarte, auf der eine Frankfurter Telefonnummer notiert war. Ich roch daran, und erkannte den Duft sofort.

Irgendwie ließ ich eine Stunde vergehen, in der ich versuchte, mich zu sam-meln, runterzukommen, das Hirn wieder einzuschalten, was mir nicht ge-lang. Also nahm ich das Telefon und setzte mich nach draußen. Null, sechs, eins, eins… Beim ersten Schellen ging sie dran: Hallo? Ich bin’s, Jens. Langes Schweigen am anderen Ende. Jens, du? Ja, ich. Woher hast du meine Nummer? Langsam konnte ich wieder auf gewohnte Art kommunizieren: Von einem grauen Stück Papier mit deinem Geruch, Friederike. Gerade gefunden zwischen den Überresten meiner Reise. Von der sie ja nichts wusste, also ergänzte ich: Bin ja noch ne ganze Runde durch Spanien gefahren, nachdem wir uns… Nein, sagte sie, wir haben uns nicht getrennt, ich bin abgehauen. Das tut mir leid. Ich hätte etwas sagen sollen. Genau darüber, stieg ich geistesgegenwärtig ein, wollte ich unbedingt mit dir reden. Es kam mir vor, als würde sie am Telefon nicken, aber sie sagte bloß: Okay.

In dem Moment, in dem ich einen Termin vorschlagen wollte, unterbrach sie mich: Noch was. Mach dir keine Sorgen wegen Schiller. Du bist nicht für seinen Tod verantwortlich. Definitiv nicht. Also, wann und wo? Ich schaltete schnelle: Kann gern zu dir kommen, brauche mit dem ICE bloß anderthalb Stunden, das wäre sehr bequem für mich und den Hund. Hund? fragte sie. Ja, antwortete ich, aber das ist eine andere Geschichte… Also in Frankfurt, sagte Friederike, am Sonntag um zwei Uhr im Café des Schirn. Wirst du das finden? Natürlich, gab ich zurück, hab‘s es notiert. Dann bis Sonntag, mein Lieber. Und wieder endete das Gespräch sehr abrupt.

Download PDF

publiziert am 11.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 661x gelesen ¦ noch kein Kommentar