Schlafende Hunde (17)

Die Französische Bulldogge ist in der Regel weder Raufer noch Kläffer oder Jäger. Sie ist hitze- und kälteempfindlich und hat eine Lebenserwartung von 8 bis 10 Jahren. Der Bully ist muskulös, beweglich und drahtig, sein Haar ist fein, kurz und glänzend. Die Haltung der Französischen Bulldogge ist fast überall möglich, auch und gerade in der Großstadt, sofern der kurzläufige und kurzatmige Hund nicht zu viele Treppen steigen muss. Für die Haltung im Zwinger ist er absolut ungeeignet, er braucht unbedingt viel Zuwendung. Er ist ein pflegeleichter und unkomplizierter Begleit- und Gesellschaftshund, der auch für den Hundeanfänger und Familien mit Kindern geeignet ist.

Es ist einfach, Vorurteile gegen Taxifahrer zu entwickeln. Vorurteile, die je nach Breite und Tiefe der einschlägigen Erfahrungen an den Rändern in Richtung Rassismus ausfransen können. Eigentlich fahre ich gerne Taxi, es ist ein Luxus, den ich immer genossen habe – jedenfalls seitdem ich es mir leisten kann, jederzeit bei Bedarf eines zu rufen und mich chauffieren zu lassen. Es gab einen Zeitpunkt vor einigen Jahren, ab dem mir nach und nach die Freude am Taxifahren verleidet wurde. Wie soll jemand, der seine Heimatstadt nie länger als ein halbes Jahr verlassen hat, ertragen können, wenn ein Fahrer den Weg von A nach B, den Taxichauffeure seit Jahrzehnten auf die immer gleiche Art nehmen, ignoriert und bei der Ankunft ein um mindestens zwanzig Prozent höherer Betrag auf der Uhr steht als sonst? Wenn der Mann am Steuer einen nach der Angabe des Fahrtziels verständnislos anschaut und fragte: Wo iss dassen? Wenn der Herrscher des Wagens das Fenster, das man ein wenig geöffnet hat, ferngesteuert wieder schließt, ohne auch nur etwas dazu zu sagen? Wenn be-hauptet wird, man können auf einen Hunderter nicht herausgeben, da müsse man eben bei einer Tankstelle zum Wechseln vorbeifahren, das würde aber extra kosten?

An diesem diesigen, schwülen Sonntagmorgen wurden meine Vorurteile bestätigt, denn ich versuchte ein Taxi zu finden, das meinen Hund transportieren würde. Am Taxistand hinten beim Eingang zum Park standen vier Wagen. Ich klopfte beim ersten an die Seitenscheibe, der Fahrer ließ sie herunter, und ich fragte, ob er einen Hund mitnehmen würde. Er sah mich an als sei ich ein Serienkiller, der ihn gebeten hatte, ein paar Opfer einzusammeln und abzuliefern. Schloss das Fenster kommentarlos und schüttelte den Kopf. Der zweite sprach wenigstens mit mir und gab an, dass sein Chef es verboten habe, Hunde mitzunehmen. Am Steuer der dritten Taxe saß eine sehr dicke Frau mit kurzen Haaren. Sie grinste mich quer durch den Wagen an und sagte nur: Soweit komm’ datt noch. Der vierte Fahrer brüllte mich einfach nur, ich solle bloß verschwinden.

Ein wenig schockiert ging ich weiter zur Durchgangsstraße, Maya trottete nervös neben mir her. Die Straße war fast leer. Von weitem sah ich einen VW-Bus mit Taxischild. Ich gab ein Handzeichen, um ihn zu stoppen. Der Bus fuhr einfach weiter. Nach gut einer halben Stunde, wir hätten den Bahnhof jetzt auch in rechtezitig zu Fuß erreichen können, kam wieder ein Taxi vorbei. Ein ziemlich alter Benz-Kombi. Der hielt. Am Steuer ein Afrikaner mit großer Krause und Vollbart. Er lächelte als er Maya bemerkte. Ich gab als Fahrtziel einen Platz am nördlichen Stadtrand an und sagte, an-schließend müsse ich zum Hauptbahnhof. So ließen wir uns einmal quer durch die Stadt und zurück kutschieren, damit der Fahrer wenigstens etwas an uns verdiente.

Der Bahnbeamte am Schalter sah mich verblüfft an: Sie sind der erste Kunde, der eine Fahrkarte für seinen Hund bei mir kauft, und ich bin jetzt seit zweieinhalb Jahren hier im Verkauf. Sehen sie, antwortete ich, und ich wusste nicht einmal, ob man einen Hund im Zug mitnehmen darf. Wir hatten ein Abteil für uns im Intercity bis Köln, wo wir umsteigen mussten. Ich hatte mich für die erste Klasse entschieden in der Hoffnung, das da weniger Leute reisen würden als in der zweiten Klasse, aber der Zug war ohnehin so gut wie leer. Im ICE von Köln nach Frankfurt sah das anders aus. Maya fand Zugfahren nicht besonders angenehm; sie stand meist im Gang, fiepte gelegentlich, schnüffelte überall und nirgends, und als der ICE seine Höchstgeschwindigkeit von über dreihundert Stundenkilometern erreicht hatte, da legte sie die Ohren flach an und atmete schnell. Als der Zug im Frankfurter Hauptbahnhof anhielt, zerrte sie mich zum Ausgang und sprang mit einem Satz auf den Bahnsteig. Am Backwarenstand in der Halle teilten wir uns eine Brezel.

Über zwei Stunden blieben mir bis zum Treffen mit Friederike. Wir wanderten vom Bahnhof zur Zeil und dann hinunter an den Main. Saßen einige Zeit auf einer Bank in der Morgensonne, die durch den Dunst und zwischen den Hochhäusern hindurch unseren Platz beschien. Dann über die eiserne Fußgängerbrücke, entlang der Museumsmeile und wieder zurück. Ich kannte Frankfurt ausschließlich von Dienstreisen her, und mochte die Stadt nicht. Nicht dass ich etwas gegen die sichtbar gewordene Akkumulation des Kapitals gehabt hätte, auch verband mich keine romantische Erinnerung mit dem hiesigen Häuser- und Straßenkampf. Eigentlich verband mich nichts mit Frankfurt, und am besten kannte ich mich auf dem Messegelände aus, dem ich im direkten Vergleich mit den Messen in Hannover, München und Berlin eindeutig den Depressionspreis verliehen hätte. Ich hatte Frankfurt noch nie an einem Sonntag erlebt, vielleicht hätte das meine Sicht auf die Stadt positiv verändert. Denn so aggressiv und großmäulig sie unter der Woche daher kam, so friedlich, so provinziell erschien sie mir jetzt. Ungewöhnlich viele alte Menschen waren zu Fuß unterwegs. Auf den großen Straßen gab es wenig Autoverkehr, um zwölf hörte ich die Kirchenglocken. Es war sehr heiß in den Häuserschluchten.

Das Café des Schirn war vollständig leer als wir es gegen halb zwei betraten. Ein einsamer Kellner mit schwer bestimmbarer Hautfarbe stand hinter der Theke und polierte Gläser. Ich wählte einen Tisch am Panoramafenster zum Vorplatz aus und setzte mich mit dem Rücken zum Licht. So konnte ich den Raum übersehen. Maya war erschöpft vom langen Umherlaufen auf den harten Gehwegen und legte sich neben mich. Der Kellner brachte unaufgefordert eine Schale Wasser für den Hund. Ich bestellte Milchkaffee und Croissants. Er fragte, ob ich nicht lieber ein komplettes Frühstück hätte, und ich ließ mir die Bestandteile des Angebots aufzählen. Ich entschied mich für das Früchtefrühstück. Maya brachte er ein dickes Stück Fleischwurst. Was ist das für einer? fragte er. Ich schätzte ihn auf Mitte Zwanzig, und so wie er wissen wollte, zu welcher Rasse Maya zählte, hätte ich gerne seine ethnische Herkunft erfahren. Ich sagte mein Sprüchlein vom spanischen Windhund auf. Dann war es mir aber peinlich, ihn in diesem Zusammenhang zu fragen, woher er denn stamme.

Es war Viertel nach zwei. Er räumte ab und brachte mir das bestellte Mineralwasser. Mittlerweile waren drei oder vier Tische besetzt. Junge Leute nahmen ihr spätes Frühstück. Es lief leise, lateinamerikanisch angehauchte Musik. Es wurde halb drei. Ich bekam Zweifel, ob Friederike überhaupt kommen würde. Beschloss, noch genau zehn Minuten zu warten, dann zu zahlen und zu gehen. Als ziemlich genau achteinhalb Minuten um waren, erkannte ich Friederike im Eingang zum Café.

Sie konnte mich sicher nicht erkennen, denn ich saß im Gegenlicht. So hatte ich Gelegenheit, sie zu beobachten. Sie trug eine dunkle Hose, die zu den Knöcheln hin eng anlag, Schuhe mit hohen Absätzen, ein helles T-Shirt und ein ebenfalls helles Jackett. Sie hatte die Haare zu einem Turm aufgesteckt. Mir fiel auf, wie dünn sie war. Merkwürdigerweise hatte Friederike denselben Rollkoffer bei sich, den ich von unserer Reise her kannte, und einen kleinen, schwarzen Rucksack. Sie sah sich im Café um. Dann wandte sie sich nach links, um an den besetzten Tischen nach mir zu suchen. Sie ging an der Theke entlang direkt auf meinen Tisch zu. Ich stand auf und winkte leicht in ihre Richtung. Sie lächelte nicht und kam rüber. Ich hatte vorgehabt, sie auf die Wangen zu küssen, sie aber reichte mir die Hand am langen Arm. Hallo, schön dass du da bist, sagte ich. Sie nickte und setzte sich auf den Stuhl mir gegenüber. Friederike sah schlecht aus, blass, wie ich fand, Augen umschattet, das Gesicht schmaler als ich es in Erinnerung hatte. Ja, begann sie, gut dass wir uns treffen. Du hast einen Hund. Und das war keine Frage. Ja, sagte ich, das ist Maya… Weiter kam ich nicht. Sie unterbrach mich: Kannst du später erzählen. Lass uns erst etwas anderes klären. Sie bestellte eine Weißweinschorle.

Maya war aufgestanden und hatte sich ihr nach ein paar Dehnübungen genähert. Sie streichelte den Hund ohne hinzusehen. Komische Geschichte da in Portugal, begann ich erneut. Sie hob die Hand: Warte. Was ist jetzt mit uns? Das will ich vorher wissen. Was meinst du? Ich hatte keine Ahnung, worauf sie hinaus wollte. Ich meine, setzte sie fort, gibt es eine Geschichte mit uns beiden oder bloß eine wilde Anekdote, die man immer wieder gern erzählt? Entweder ich war zu diesem Zeitpunkt völlig begriffsstutzig oder überfordert. Sie hatte mich auf dem falschen Fuß erwischt. Gut, sie lehnte sich im Stuhl zurück, ich sehe, dass sich deine Sicht der Dinge von meiner deutlich unterscheidet. Also fangen wir langsam an, ja? Ich nickte. Aber nicht hier, setzte sie hinzu und winkte den Kellner herbei. Ich zahlte, und wir verließen das Café. Sie hängte sich bei mir ein, während wir in die Fußgängerzone einbogen. Wir redeten nicht, wir hatten ja auch während unserer Reise und im Haus in Portugal wenig geredet. An der alten Oper hielt sie an und drehte sich zu mir um: Wollen wir gleich zu mir nach Hause gehen und miteinander schlafen? Das stand nicht auf meinem Plan. Ich zögerte. Nein, sagte ich, das wäre falsch. Gut, entgegnete sie, sehr gut. Dann erzähl du die Geschichte von deinem Hund.

Wir fanden eine Bank in den Grünanlagen. Ich begann mit der Szene in Huelva. Als Maya sich von mir hatte mit Schinken füttern lassen. Ich erzählte alles, schmückte ein paar Details aus und ließ die Geschichte mit den zwei Frauen am Strand weg. Mit der Episode auf der Hunderennbahn in Barcelona beendete ich meinen Bericht. Sie hatte zwischendurch nicht reagiert. Jetzt saß sie da, die Knie ein wenig geöffnet, die Unterarme auf den Oberschenkeln, den Kopf gesenkt. Alles? fragte sie. Ja, antwortete ich. Jens, sagte sie plötzlich, und ich war sicher, dass sie zum ersten Mal meinen Namen aussprach, ich kenne dich überhaupt nicht. Und du kennst mich noch weniger. Na ja, protestierte ich, an deine Geschichten aus der Jugend erinnere ich mich ganz gut… Alles gelogen, mein Lieber, alles gelogen. Sie hob das Gesicht, Tränen hatten eine Spur aus den Augenwinkeln zu den Mundwinkeln gezogen.

Auf einmal hatte ich das Gefühl, dass ich das Spiel bestimmen müsste. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und zog ihren Kopf an meine Brust. Sie ließ es geschehen. Aber warum? fragte ich sie. Sie schniefte ein wenig, wischte sich über die Augen. Unsere Gesichter nah beieinander unter den Zweigen einer Buche. Das ist eine andere Geschichte, aber die will ich dir nicht erzählen, sie ist uninteressant für dich. Ich bin her gekommen, weil ich wissen will, ob du derjenige bist… Sie stockte. Ich legte ihr meinen Zeigefinger auf die Lippen.
Es gibt Situationen im Leben, die wiederholen sich. Nicht exakt auf dieselbe Art, aber nach dem gleichen Muster. Und es gibt Geschichten, die verkehren sich bei der Wiederholung ins Gegenteil. Zum Beispiel diese: Friederike in Orange, hilflos; Friederike hier in Frankfurt, die Regie führend. Ich bin reisefertig, stellte sie fest. Lass uns zu dir fahren. Deshalb habe ich meine Sachen mit. Außerdem bin ich mit einem Mietwagen hier, steht im Parkhaus. Los, komm.

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publiziert am 15.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 1014x gelesen ¦ noch kein Kommentar