Schlafende Hunde (18b)

Über Friederike wusste ich jetzt schon eine Menge, aber da waren noch viele Geheimnisse, die mich mehr verwirrten als neugierig machten. Während wir das Morgengrauen kommen sahen, mehr als einen Meter voneinander entfernt auf den Terrassenstühlen sitzend, fragte ich mich, ob es nicht besser für mich wäre, Friederike nicht näher kennenzulernen, diese merkwürdige Beziehung auslaufen zu lassen, einen Termin vorzuschützen und sie zu bitten, zu gehen, sie auf ein nächstes Treffen zu vertrösten. Was sollte denn entstehen? War ich verliebt? Mir wurde klar, dass ich keine Ahnung vom Verliebtsein und von der Liebe hatte. Wahrscheinlich ging es mir nur darum, nicht allein zu sein, einen warmen Arsch im Bett zu haben. Dabei waren wir seit unserer überraschenden Begegnung am Vortag noch gar nicht im Bett gelandet. Es wäre auch falsch gewesen, obwohl ich im Zwielicht des beginnenden Tages Phantasien von unseren Nächten während der Reise hatte, die mich erregten. Vielleicht wäre es der geeignete Test auf Zukunftstauglichkeit, jetzt Sex miteinander zu haben.

Sie stand auf und kam zu mir. Sie setzte sich auf meinen Schoß. Sie küsste mich und sagte Mein Lieber. Sie nahm mir die Entscheidung ab. Wir gingen ins Bett und vögelten wild und laut. Schliefen ein und ich wachte auf, weil Maya am Bett saß und fiepte. Friederike öffnete die Augen mit einem kleinen Lachen. Ich zog mich rasch an und ging mit dem Hund. Brachte Brötchen mit. Wir frühstückten zu dritt draußen, um vier Uhr nachmittags.

Dann rief mein Anwalt an um mir mitzuteilen, dass mich die Teebeutelfirma auf Schadenersatz zu verklagen gedenke und dass er erstens der Überzeugung war, dass man es ernst meine, und zweitens glaube, dass sie damit durchkämen. Er riet mir, auf den Vorschlag einzugehen, einer fristgerechten Kündigung ohne jede Abfindung zuzustimmen. Ich beschimpfte ihn ein bisschen und fragte, wie denn der schnelle Sinneswandel zu erklären sei. Erst habe man mir einen Haufen Kohle geboten, jetzt drohe man mir. Heinz zögerte eine Weile und sagte dann: Euer Personalvorstand hat sich am Samstag mit Wilhelm getroffen. Ja, und? gab ich zurück. Wilhelm hat wohl zu Protokoll gegeben, was du ihm gesagt hast bei eurem Treffen vergangene Woche. Ja, und? fragte ich noch einmal. Na ja, meinte Heinz, wenn du dem sagst, dass dir die ganze Firma am Arsch vorbeigeht und dir es scheißegal ist, dass die Kampagne in die Hose gegangen ist, dann erklärst du damit indirekt, dass du die Interessen deines Arbeitgebers nicht vertreten willst. Das ist natürlich ein Hammer. Würde aber nicht für eine fristlose Kündigung samt Schadenersatzforderungen reichen.
Mal unter uns Pastorensöhnen: Hast du irgendwann in irgendeiner Form Geld von Lieferanten dafür bekommen, dass du ihnen Aufträge zugeschustert hast? Na ja, sagte ich, auch nicht mehr als andere Manager im Haus. Hast du oder nicht? Klar, rief ich ins Telefon, natürlich, sicher, normal! Wenn so ein Verlag Anzeigen im Wert von siebenhunderttausend Euro haben will, dann bemüht der sich. Konkreter, Jens, werd mal konkreter… Gut, ich tat so als seufzte ich, vor vier oder fünf Jahren hat mir der Hopper-Verlag ein Konto in Luxemburg eingerichtet und von jedem Auftrag einskommafünf Prozent dahin abgezweigt. Du Arsch, sagte Heinz trocken, und wer wusste davon? Na? Ich schluckte. Wilhelm, mein alter Freund und Förderer war der Einzige, der informiert war. Was heißt: informiert? Von ihm hatte ich diese Bestechungsmechanik ja übernommen, so wie ich alles von ihm übernommen hatte – außer Yvonne. Siehste, kommentierte mein Anwalt diese Aussage, und genau das hat Wilhelm deinen Chefs erzählt. Gut, sagte ich, teil denen mit, dass ich einverstanden bin.

Ärger, fragte Friederike, die nackt am Tisch saß und in einer alten Männerzeitschrift blätterte. Kann man so sagen, antwortete ich und gab einen kurzen Bericht. Warum sollte Wilhelm dir schaden wollen? fragte sie mich. Genau darüber grübelte ich seit dem Ende des Gesprächs mit Heinz. Keine Ahnung, sagte ich. Oder vielleicht doch. Auf seine Art, die mancher gentlemanlike nennen würde, hatte er mir wohl zwei Dinge übel genommen: die Geschichte mit dem Haus in Portugal und die Tatsache, dass ich den Job, den er mir verschafft hatte, vernachlässigt habe. Natürlich hätte mir Wilhelm seine Verärgerung nie ins Gesicht gesagt. Er war von Natur aus nicht sehr offen, Kollegen aus anderen Unternehmen, die ihm begegnet waren, nannten ihn ein intrigantes Schwein – sie werden ihre Gründe dafür gehabt haben. Friederike hörte sich das an und fragte: Und, was jetzt? Wie meinst du das? Hast du jetzt ein finanzielles Problem? Ich lachte: Nein, so würde ich das nicht nennen. Wenn überhaupt, dann habe ich ein existenzielles Problem. Ich meine, sagte sie sehr ernst, kannst du deine Miete noch bezahlen, dein Essen, Hundefutter und so weiter? Noch einmal musste ich lachen: Klar, wenn ich an mein Erspartes gehe, dann wird das wohl so ein, zwei Jahre reichen. Mach dir keine Sorgen um mich, sagte ich. Friederike sah mich trotzdem ein bisschen besorgt an, nach dem Motto: Komm mach mir nichts vor. Aber ich gab mich betont locker und fragte im Scherz: Oder hast du einen neuen Job für mich? Sie lächelte auf eine Weise, die Schriftsteller als geheimnisvoll bezeichnen würden, und sagte: Nicht direkt. Aber ich habe eine Idee. Dazu musst du aber noch mehr Geschichten von mir hören. Willst du?

Download PDF

publiziert am 19.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 756x gelesen ¦ noch kein Kommentar