Scheißewelt – Die Kuppel (3)

Engol und Perck arbeiten in der Logistik, genauer: in der Lebensmittellogistik. Ihre Abteilung ist verantwortlich dafür, dass die 99 Kantinen in der Kuppel rechtzeitig genau die Produkte bekommen, die sie angefordert haben, um damit die Besucher zu verköstigen. Auch wenn Perck auf dem Eiersektor tätig ist und Engol beim Wurzelgemüse, stehen ihre Dienstpulte direkt nebeneinander. Vor einigen Jahren stellte Perck eines Morgens fest, dass sein Kollege abwesend war, etwas, das in elf gemeinsamen Jahren in der LLogDiv noch nicht vorgekommen war. Natürlich war er beunruhigt, denn wenn jemand an seiner Arbeitsstelle fehlte, konnte dies nur bedeuten, dass er ernsthaft krankgeworden, deshalb eingeschläfert und kompostiert worden war. Zum Glück tauchte Engol am übernächsten Tag wieder auf, antwortete auf Percks Frage, wo er denn gewesen sein, jedoch nur ausweichend. Natürlich war ihm klar, dass seine kurze Dienstreise runter zur Kuppelbasis strikter Geheimhaltung unterlag; das hatte ihm niemand besonders sagen müssen. Aber gut einer Woche nach seiner Rückkehr konnte er einfach nicht mehr für sich behalten, was er erlebt und gesehen hatte. Die Freunde hatten sich im Kampfraum verabredet, einem besonderen Freizeitangebot für Männer, denen der erlaubte Geschlechtsverkehr mit den Dienstdamen nicht ausreichte, ihr Testosteron im Griff zu behalten.

Beide hatten sich ganz normal umgezogen, die schwarzen Overalls übergestreift, Schützer an den gefährdeten Stellen angelegt und die speziellen Kickschuhe angezogen. Aber anstatt auf der Matte aufeinander einzuschlagen, hatten sie sich auf eine Bank im dunkelsten Winkel des Kampfraums zurückgezogen, Helme und Handschuhe neben sich gelegt und begonnen, sich zu unterhalten. Unvermittelt platzte es aus Engol heraus: “Da unten gibt es Kindersklaven, oder!” Beide erschraken, und Engol verfiel in ein heiseres Flüstern und konnte gar nicht mehr aufhören zu berichten. Man hatte ihn auf die Ebene IV abkommandiert, weil in einem weit vom Mittelschacht gelegenen Sektor mit neuen Verfahren des Gemüseanbaus experimentiert wurde. Dabei wurden die Setzlinge auf mit Substrat verfüllte Tabletts verteilt, die in spezielle Regale geschoben wurden. Um den Platz maximal auszunutzen, wurden die manuellen Tätigkeiten von Kindern ausgeführt. Die seien im Durchschnitt höchstens fünf oder sechs Jahre alt, erzählte Engol. Und kröchen täglich sechzehn Stunden zwischen den Regalen umher, einen Rucksack auf dem Rücken mit einem Trinkschlauch für die Flüssignahrung. Perck hörte aufmerksam zu bis sein Partner fertig war. Dann sagte er: “Na und? Der Ältestenrat wird sich schon was dabei gedacht haben.”

Dann schlugen sie sich ein bisschen und standen nach zwei Stunden gemeinsam unter der Dusche. Ganz unvermittelt sprach Engol seinen Freund an: “Aber es sind Kinder, weißte!” Perck zuckte nur mit den Schultern und spülte sich das Shampoo aus den Haaren. So lange er unter Leute war, gab es nicht den Hauch eines Zweifels in ihm, dass es so wie es in der Kuppe war, richtig war. Weil es den Bewohnern der Kuppel dient. Dass nicht alle Menschen gleich behandelt wurde, lag seiner Meinung nach in der Natur der Sache, schließlich müssten ja auch die beschissenen Jobs erledigt werden, damit die Gemeinschaft an sich überleben könnte. Außerdem war er mit seinem Leben ziemlich zufrieden, weil alle seine Bedürfnisse und die meisten seiner Wünsche erfüllt wurden. Perck mochte auch seine Arbeit, weil er sie für sinnvoll hielt. Und weil er nicht die geringste Vorstellung davon hatte, was er sonst arbeiten könnte. Er machte sich Sorgen um Engol. Denn dass der überhaupt darüber gesprochen hatte, was er da unten gesehen hatte, fiel laut Gesetzbuch schon unter Hochvorrat. Darauf stand die Todesstrafe.

Dieses Ereignis liegt nun schon wieder sechs Wochen zurück, und Engol hat die Erlebnisse nie wieder erlebt. Aber Perck ist immer noch besorgt, denn er hat die Veränderung im Verhalten seines Kollegen sehr wohl bemerkt und spielt mit dem Gedanken, ihn der Abteilung für Sozialhygiene zu melden. Die sollten sich vielleicht mal um den Freund kümmern. Der ist auch heute in der Kantine wieder sehr schweigsam. Sie haben sich für das Mittagessen in XXXS3 entschieden, wo es immer ein wunderbares Salatbüffet gibt und dreiundvierzig Sorten Molkor zur Auswahl. Außerdem kann man dort unter der Hand, aber von den Behörden geduldet auch die stärkere Variante Xenylphobit bekommen, mit der sich ein dreitägiges Glücksgefühl erzeugen lässt. Allerdings um den Preis eines fürchterlichen Katers. Leider bringt die Droge auch das ungebremste Verlangen mit sich, ununterbrochen zu reden. Und wenn man auf Ebene XXXIX im Pantomimensaal sitzt, stört es doch, dass die Hälfte der Zuschauer unter Xenylphobit pausenlaus durcheinanderreden, während die Spieler auf der Bühne schweigend ihr Theater zelebrieren.

Und Kontrolle über das, was man sagt, hat auch keiner, der so drauf ist. Sie haben sich fürs Schwimmbad verabredet, das befindet sich, einen ganzen Sektor ausfüllend, auf Ebene XVIII und ist rund um die Uhr gut besucht. Auch weil man hier nackt schwimmt und die Männer- von der Frauenabteilung nur durch Glasscheiben getrennt ist. Kinder beiderlei Geschlechts baden dagegen in einem separaten Bereich unter der Aufsicht von wasserfesten Androiden. Jetzt, sie haben schon gut zweiundzwanzig Bahnen im Delfinstil hinter sich, machen sie Pause am Rand des Tauchbeckens, das bis in die Ebene XVI hinab reicht und durchgehend beleuchtet ist. “Weißte,” beginnt Engol, “ich werd auf eigene Faust ganz nach unten gehen dieser Tage, oder.” Perck hört auf, mit den Beinen das Wasser zu bewegen, dreht sich um und sagt: “Bist du lebensmüde?” Sein Partner schüttelt den Kopf. “Muss wissen, was da ist, nicht.” Kurzes Schweigen. “Wozu?” – “Interessiert mich eben, oder” blafft Engol und stößt sich vom Beckenrand ab. Später kleben sie an der Trennscheibe und schauen sich die nackten Frauen an, beide haben eine schwache Erektion.

***

In dieser Nacht stirbt Siggi P. Weil sein Sprachsynthesizer aber noch Stunden lang “Ja, ja” synthetisiert, merken seine Aufpasser gar nicht, dass er abgelebt hat. Erst als A.M.T. gegen sieben Uhr am Morgen überraschend zu Besuch kommt und bemerkt, dass seine Augen tot sind, wird sein Dahinscheiden wenig später durch einen der Privatärzte des Triumvirats festgestellt. Der Ätestenrat wird verständig und ruft eine dreitägige Gesamttrauer aus – was zuletzt am Ende des langen Sterbens von Cromwell der Fall war. Denn eine Gesamttrauer bedeutet, dass niemand mher arbeiten darf. Damit ruht die Versorgung mit Essen, Getränken und auch Unterhaltung. Gerade für die älteren Bewohner ist dieses Zwangsfasten eine große Belastung, die manche nicht überleben. Am zweiten Tag der Trauer exakt um zwölf Uhr mittags wird der Leichnam des Triumvirat-Mitglieds feierlich in einem spezielle für die Toten aus dem Ältestenrat vorgesehenen, mit Platin ausgekleideten Kompostierschacht versenkt. Die Zeremonie wird live auf alle Bildschirme der Kuppel gestreamt, sodass jeder die Bilder sehen muss, ob er will oder nicht. In seiner aktiven Zeit, also in der Phase, als die Mitglieder des Ältestenrates sich noch unter den Bewohnern der Kuppel bewegten, man sie täglich irgendwo treffen und mit ihnen reden konnte, war Sigismund Portschikowski nicht besonders beliebt beim Volk. Er galt als kalt und grausam.

Und das war er auch. Ihm hatte die Gemeinschaft alle Verbote zu verdanken, deren Übertreten das Einschläfern und Kompostieren zur Folge hatte. Mehr als einmal war Siggi P. es höchstpersönlich, der bei einer öffentlichen Einschläferung den Schlauch mit dem Gift an den Stunt in der Hand des Deliquenten anschloss und das Ventil öffnete. Zu seinem hundertsten Geburtstag erschienen seine Memoiren als TV-Serie mit zweiundsiebzig Folgen, aber die Quote war jämmerlich, was Portschikowski zum Anlass nahm, die Folgen zu einem Film zusammenschneiden zu lassen und diesen Streifen mit einer Spieldauer von immerhin über sechzig Stunden Länge zwangsweise auf allen Kanälen zu übertragen und die Bewohner per Dekret zu zwingen, sich das Material anzuschauen. Im Nachhinein fand Perck den Film sogar ziemlich interessant, weil ihm erst durch den Lebensweg des Staatsgründers klar wurde, dass nur eine klare und grausame Organisation den Erhalt der Kuppel und damit das Überleben der Bewohner sicherte. Engol dagegen verabscheute Siggi P. nach dieser Geschichte noch mehr.

Aber A.M.T. und ihr griechischer Kollege aus dem ehemaligen Triumvirat trauern gemeinsam und haben sich dafür in den Gebetsraum auf Ebene XII bringen lassen. Man hat den gesamten Ostsektor geräumt, damit die Beiden ungestört ihres Freundes aus sehr alten Zeiten gedenken können. Der Raum ist mit schwarzen, hochglänzenden Fliesen ausgelegt, die Wände mit schwarzem Marmor verkleidet und die Decke mit ebenfalls tiefschwarzem Samt verhängt. In der Mitte ist eine dreieckige Säule aus Granit angebracht, die oben eine Vertiefung aufweist und brünierte Bedienelementen aus Stahl. Damit können verschiedene Substanzen in das Becken geleitet werden, wo sie von Gläubigen konsumiert werden, die so in einen religiösen Rausch geraten. Natürlich handelt es sich um einen Rausch, der keiner bestimmten Religion gewidmet ist, denn der Gottglaube ist in der Kuppel von Beginn an verboten. Karo hockt in seinem Rollstuhl und wimmert vor sich hin. A.M.T. wandert hocherhobenen Hauptes die Kanten des Raums ab. Nach vier Runden bleibt sie vor Theophanis stehen und sagt: “Wir müssen etwas unternehmen. Sonst geht die Kuppel unter.”

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publiziert am 22.03.16 in Scheißewelt ¦ 568x gelesen ¦ noch kein Kommentar