Das Dach (1)

Wenn ich fliegen könnte, würde ich mich von der Brüstung des Dachgeschosses abstoßen, würde aufsteigen in den klaren Nachthimmel, mich am Großen Bären orientieren, den Vollmond im Rücken, um dann steil abwärts zu segeln, hinein in die Häuserschluchten und dann im Tiefflug über das sanfte Wasser des großen Stroms. Da fände ich dann die kleine Sandbucht, die keiner kennt und die man nur vom Wasser aus erreicht. Dort würde ich mich einrichten. Vielleicht stoße ich mich aber gleich von der Kante ab, obwohl ich nicht fliegen kann. Würde dann 22 Meter hinab stürzen und auf dem Vorstandsparkplatz, der um diese Zeit verlassen liegt, aufschlagen. Es könnte die beste Lösung für alle Beteiligten sein, wenn ich mit geplatztem Schädel, zerquetschten Organen und mausetot auf dem Beton enden würde. Denn eine Aussage kann und werde ich nicht machen. Auf keinen Fall.

Ich müsste dann ja nicht nur mich, sondern die Menschen belasten, dir mir am wichtigsten waren von allen Menschen, mit denen ich je zu tun hatte. Meinen Halbbruder zu verraten, den Stiefvater und überhaupt diese ganze verhasste Bagage, die ich Familie nennen soll, würde mir leichtfallen. Nicht aber Vera und Tom. Tatsächlich würden meine Aussagen auch nichts klären, weil ich über die Tat gar nicht genug weiß. Sie hat mich weder interessiert, noch betroffen. Ich kennen die konkreten Umstände und Handlungen nicht, habe aber ein Geständnis der beiden.

Das war an dem Tag im späten Sommer, an dem sie mich zum Yachthafen bestellt hatten. Ich sah Tom von Ferne, der winkte. Er und Vera standen auf einem wunderschönen Motorboot, aus Holz, mit roten Ledersitzen, von Riva wie ich später erfuhr. Komm, rief Tom, wir machen eine Spritztour! Ich stieg zu, und er manövrierte das Schiff vorsichtig weg vom Anleger, langsam durch die schmalen Wasserwege zwischen den Stegen, dann ins Hafenbecken und hinaus auf den Fluss. Da gab er Gas. Der Bug hob sich steil aus dem Wasser, der Motor brüllte durch die verchromten Auspuffrohre. Wohin? fragte Vera, und ich sagte ohne Nachzudenken: in unsere Bucht. Sie hatten ein Picknick mit. Wir lagerten im Sand, aßen feine Speisen und tranken einen guten Champagner. Wo hast das Boot gemietet? fragte ich Tom. Gemietet? antwortete er, ich hab’s gekauft!

Am nächsten Tag fand ich im Internet heraus, dass Boote wie das, mit dem wir gefahren waren, für mindestens eine halbe Million gehandelt werden. Also, einfachere Modelle, gebraucht, unrestauriert. Wie, gekauft? Woher hast du das Geld? Vera stand auf, lachte leise und sagte: Mama ist nicht mehr; wir haben geerbt.

Vermutlich habe ich mich zuerst in Tom verliebt. Er hatte und war alles, was ich nicht hatte und war. Der Typ, der allein mit seinen Blicken und seinem Lächeln die Menschen verzaubern kann. Etwas größer als ich, eher stämmig, aber mit fließenden, lässigen Bewegungen. Er konnte sich in Gesellschaft gut benehmen und unter Freunde an derben Späßen mitwirken und fluchen wie ein Hafentaucher. Ich bewunderte seine Bildung, sein Wissen. Er konnte sehr gut zuhören. Aber vor allem konnte er Geschichten erzählen. Nach unserer ersten Begegnung wollte ich nur noch mit Tom sein, Tag und Nacht, immer. Nur mir sollte er seine Geschichten erzählen, mir sollte er zuhören.

Vera zog mich damals dagegen überhaupt nicht an. Sie entsprach in keiner Hinsicht dem Frauentyp, den ich bevorzugte. Dünn, ja, mager, so dürr, dass man ihre Rippen sogar unter dem T-Shirt sehen konnte. Ungefähr einen Kopf größer als Tom. Das Haar raspelkurz und von einem unbestimmten Braun. Ein langzogenes Pferdegesicht mit etwas zu eng stehenden Augen neben einer großen Nase. Sexy an ihr war vor allem der Mund mit den perfekt geschwungenen Lippen. Androgyn, so nennt man Menschen wie sie wohl. Trug meistens Cargohosen in verschiedenen Schlammfarben und T-Shirts oder Männerhemden, die ihr nie so richtig passten. Vera war wortkarg, ja, schweigsam. Nie hörte ich sie mehr als zehn Wörter am Stück sprechen. Wenn sie mochte, dem schenkte sie ein Lächeln, das man auch höhnisch nennen könnte oder gar abschätzig. Sie lächelte mich jedes Mal an, wenn unsere Blicke sich trafen.

Die Beiden kannten sich aus Kindergartenzeiten und waren seit ihrem dreizehnten Lebensjahr ein Paar. Verrückt genug, dass ihre Eltern sie in die selbe Kita gegeben hatten, wo sie doch aus so unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten stammten. Vera gehörte zu einer der reichsten Familien der Stadt, wenn auch aus einem Nebenarm des weit verzweigten Systems, durch das Geld floss, viel Geld, viel Besitz, viel Wohlstand und wirtschaftliche Macht. Ihre Mutter war eines der schwarzen Schafe des Clans, von denen es in jeder Generation zwei oder drei gab. Aber auch die wurden versorgt und mitgezogen. Einen Vater gab es nicht, und Vera sagte, ihre Mutter wisse gar nicht, welcher Mann sie geschwängert hatte in jenem Jahr, in dem sie es mit jedem trieb, nur um nicht zu den Wohlanständigen zu zählen. Wie alle schwarzen Schafe erhielt sie eine Apanage, die der Alleinerziehenden ein finanziell sorgenfreies Leben auf recht hohem Niveau ermöglichte, ohne arbeiten gehen zu müssen. Wie bei allen schwarzen Schafen war die Zahlung an die Bedingung geknüpft, sich weder als Familienmitglied zu outen, noch je mit dem arrivierten Teil des Clans Kontakt zu suchen. Außerdem gab es ein nicht ganz kleines Vermögen, auf das Veras Mutter aber erst mit vollendetem fünfzigsten Lebensjahr zugreifen konnte.

Tom war dagegen siebtes von neun Kindern einer Familie, deren Mitglieder die Verwandschaftsverhältnisse untereinander selbst nicht erklären konnten. Weder waren alle Kinder von derselben Mutter, noch vom selben Vater. Einer der natürlichen Erzeuger galt als Familienoberhaupt und nach außen als Ernährer. Drei Frauen teilten sich die häuslichen Aufgaben, die schönste von ihnen, besser gesagt: diejenige, die sich unter diesen Umständen am besten gehalten hatte, war Toms leibliche Mutter. Dann lebten zwischen zwei und vier weitere erwachsene Männer im Haushalt, von denen die Kinder allesamt nicht wussten, in welcher Beziehung die zur Familie standen. Die Bande bewohnte eine Sechs-Zimmer-Wohnung im achtzehnten Stock des nördlichsten Blocks am Rande der Vorstadt. Die Gegend galt als gefährlich, aber das sahen nur die Menschen so, die nicht dort wohnten. Arm war Toms Familie, wirklich arm. Nur an der Ernährung mangelte es nicht, denn wenn die Familie mit sieben oder acht Personen im Cash-und-Carry auftauchten, zahlten sie immer höchstens die Hälfte der Waren, der Rest wurde beiseite geschafft. Leider funktionierte das bei Kleidung nicht, sodass die Kinder jeweils die Sachen der Älteren auftragen mussten.

Ich bin sicher, Vera und Tom lieben sich. Und sie lieben mich. Wir haben nie darüber gesprochen. Vielleicht hat auch jeder von uns Dreien eine ganz andere Vorstellung davon, was Liebe ist. Aber wenn ich mit ihnen zusammen bin und keine Fremden in der Nähe, dann habe ich ein starkes Gefühl in mir, das ich eben Liebe nennen. Was auch immer es ist, was die Beiden verbindet, es ist so kräftig und massiv, dass jeder es spürt, der sie als Paar erlebt. Das alles hat nur am Rande mit Sexualität zu tun. Tom interessiert sich dafür ohnehin nicht besonders, Vera schon. Wahrscheinlich liegt hier der Grund, weshalb sie mich aufgenommen haben in ihren Bund.

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publiziert am 13.03.17 in Vera, Tom & ich ¦ 509x gelesen ¦ noch kein Kommentar