Feuerfest (7): Die Medien

Greiper konnte nicht ohne Zeitungen. Er hatte sich aufs Zweitfahrrad geschwungen, das für Situationen wie diese immer am Ufer über dem Hausboot angekettet war, und einen Zwischenstopp an Nuris Büdchen am Platz eingelegt. “Sie wissen schon, wer das gemacht hat, Herr Kommissar?” Wie üblich war der Kioskbetreiber von seinem Barhocker aufgestanden, als Greiper den schrägen Laden betreten hatte, was immer so wirkte, als würde er als Nächstes salutieren. “Nein, nein, Nuri, hab mit der Sache nichts zu tun. Bin nicht im Dienst. Da weißt du vermutlich mehr als ich – so als Nachbar.” Tatsächlich lag nur ein Haus, das mit der breiten Toreinfahrt, zwischen dem Weinlokal und dem Büdchen. “Glück gehabt. Bei mir ist fast nichts kaputtgegangen. Paar Flaschen runtergefallen. Sonst nichts. Aber, geschieht dem Recht, dem Arschloch…” – “Welches Arschloch?” – “Der Wirt, dieser Weizenberger – Rassist, Faschist, Arschloch.” Greiper hatte Zeitungen von den Ständern eingesammelt, drehte sich zu Nuri um und fragte nach: “Hattet ihr Streit?”

“Nein, der hat ja mit keinem von uns Kontakt. Der spricht nicht mit uns. Der ist einfach hergekommen, hat das Lokal aufgemacht und – wumms, war da. Und dann holt er diesen anderen Rassisten und Faschisten, damit der in seinem Laden seine Scheißbücher vorlesen darf. Alle regen sich über den auf.” – “Wer ist alle?” – “Die ganzen Geschäftsleute und Wirte hier: Luigi, Metin, Enver, Kostas, Branko, William, Lahcen und sogar diese komischen Leute vom Café da hinten. Und Raul vom Hotel. Jeder.” Greiper hatte den Packen Zeitungen an der Kasse abgelegt. “Ja, und? Was hat das mit dem Anschlag zu tun?” Nuri erkannte die Fangfrage und sagte: “Nichts, gar nichts. Seine Frau, die war ja anders. Ist ja leider tot jetzt. Die Natalia, die war nett. Die hat bei mir immer Zeitungen gekauft und Zigaretten…” – “Eh ich’s vergess: eine Gitanes ohne, bitte. So, die hat also mit euch allen gesprochen?” Der Büdchenmann suchte Greipers Zigaretten. “Weiß ich nicht, ob mit allen. Mit mir ja. Nichts Besonders. So ‘Guten Tag’ und ‘Wie geht’s’ oder ‘Schön warm heute’.” “Danke, Nuri,” sagte der Hauptkommissar, zahlte und verließ den Kiosk an der Ecke.

Nein, er sollte nicht rauchen. Das hatten ihm die Ärzte in der Reha dringend geraten und gesagt “Ihr Blutdruck, Herr Greiper!”. Und eigentlich rauchte er schon seit fünf Jahren nicht mehr. Elle hatte ihm durch den Entzug geholfen und war stolz auf ihn. Außerdem wurden es ja selten mehr als zwei, drei, vier Kippen am Tag. Er klemmte die Presse auf den Gepäckträger und stieg auf. Die Vorderseite des ausgebrannten Weinlokals hatte man mit stabilen Holztafeln verschlossen. Die Fläche davor war gründlich gereinigt worden. Nur die Rußzungen an der Fassade wiesen noch auf den Bombenanschlag hin … und der Geruch, der immer noch in der Luft hing. Auf dem Spielplatz hatten sich die Mütter mit ihren Kindern eingefunden, und im Bolzkäfig übten zwei der Jungs unter dem Korb Dunkings. Branko hatte noch geschlossen, Kostas und Luigi auch, und an Metins Gemüseladen waren die Söhne damit beschäftigt, das Angebot vor dem Geschäft umzusortieren. Der Himmel strahlte blau, alles deutete auf einen weiteren heißen Tag im Juni hin.

Und so saß er dann auf seiner Terrasse, die bis mittags im Schatten liegen würde, und suchte in den Zeitungen nach Meldungen zum Attentat auf das Weinlokal. Er hatte sich einen großen Pott seines gefürchteten Kaffees gebraut, und eine Filterlose glühte im Aschenbecher. HH und der Pressesprecher im Präsidium schienen gute Arbeit geleistet zu haben. Die Meldungen waren nicht an prominenten Stellen untergebracht, die Überschriften eher unspektakulär. Keiner hatte mit Weizenberger oder möglichen Zeugen gesprochen, alle hatten sich auf die offizielle Meldung der Polizei verlassen. In allen Gazetten war daselbe Foto vom ausgebrannten Lokal zu sehen. Nicht ein Journalist hatte vor dem Schreiben seines Artikels vom Tod der Wirtin erfahren. Das würde am nächsten Tag für Aufregung und fette Schlagzeilen sorgen, so viel stand fest. Oder wäre jetzt schon im Internet nachzulesen. Vielleicht, dachte Greiper, mach ich doch gleich mal den Computer an und schaue nach. Ihn interessierte ohnehin nur noch die Frage, wer für den Tod der Frau verantwortlich war. Dazu müsste er mehr über sie wissen. Außerdem wäre zu klären, ob der Anschlag und ihr Tod in einem direkten Zusammenhang stünden. Denn dass die Attentäter auch die Mörder der Natalia Behr waren, das stand für Greiper noch lange nicht fest.

Mit dem Betreiber des WeinFein müsste man sprechen, dachte er. Den müsste man ausquetschen. Aber eben nicht polizeilich, sondern hintenrum, verdeckt, versteckt, klandestin. Ein Interview wäre die beste Variante. Ein Journalist, der mit der Stadt wenig zu tun hat und den Anschlag nicht als Anlass nimmt für das Gespräch, das könnte gehen. Oder ein Reporter, der Weizenberg zu Paladins Auftritt befragt und sich als Sympathisant ausgibt. Und da hat Greiper eine Idee. “Hi, Fiona, how’s life in the jungle?” begann er, nachdem seine ehemalige Geliebte ans Telefon gegangen war. “Robert, welche Überraschung! Wir haben ja schon lange nicht mehr miteinander gesprochen…” – “Ja, das ist wahr. Aber ich denke oft an dich.” – “Hättest ja einfach mal bei mir vorbeikommen können.” Nachdem die Affäre aufgeflogen war und Elle der Deutschamerikanerin unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie ihr die Fresse polieren würde, würde sie sich nicht woandershin verpissen, hatte Fiona Apple ihre Wohnung in dem Haus, in dem Robert wohnte, aufgegeben und lebte jetzt in einem Souterrain-Appartement kaum fünfhundert Meter Luftlinie entfernt.

Die Journalistin aus Baltimore, Tochter eines berühmten Korrespondenten von Fox und einer Deutschen, aufgewachsen in der Bundeshauptstadt, war in vieler Hinsicht das Gegenteil von Elle und hatte in keinster Weise Roberts Beuteschema entsprochen. So wie seine Liebste mit den Füßen fest auf Mutter Erde stand, so schwebte die großgewachsene Fiona über dem Boden. Alles an ihr war länglich, nicht nur der Schädel. Während Elle immer schon auf eine praktische Kurzhaarfrisur setzen, trug ihre Rivalin das dunkelbraune Haar lang unter einem scharf gezogenen Mittelscheitel. Nie sah man sie anders als in einem Kleid oder einem Gewand, immer ein wenig hippiesk, und zu offiziellen Anlässe trug sie klassische Business-Kostüme. Elegant war Fiona, wohlerzogen, höflich und fast immer gut gelaunt. Aber während Elle ein völlig entspanntes Verhältnis zum Sex hatte, war es nicht einfach für Robert gewesen, Fiona zu verführen, und es hatte lange gedauert, bis sie sich mit ihm im Bett hatte wirklich gehenlassen können.

Vor zwei Jahren war sie in die Stadt gekommen, um für ihr neues Buch zu recherchieren, einer Art Mischung aus Dokumentation und Roman über den legendären Massenmörder, der in den Zwanzigerjahren in der Stadt sein Unwesen getrieben hatte. Tatsächlich hatte Fiona einige Zeitzeugen oder Nachkommen von Menschen, die diese Jahre miterlebt hatten, entdeckt und lange Interviews mit ihnen geführt. Außerdem hatte sie in den Archiven der Stadt Dokumente gefunden, die zuvor öffentlich nicht bekannt waren. Natürlich hatte Hauptkommissar Greiper ihr Zugang zu den alten Akten im Präsidium besorgen können. So hatten sie sich angefreundet. Und als Fiona ihm erzählte, sie wolle nun doch länger bleiben und das Hotel mit einer kleinen Wohnung tauschen, da hatte er ihr den Tipp gegeben, bei ihm im Haus sei etwas frei. Sie sahen sich fast jeden Tag. Dann nahmen sie bisweilen das Abendessen gemeinsam in seiner Wohnung ein. Sie war es, die sich in ihn verliebte. Und als Elle für zwei Wochen auf Lesereise unterwegs war, passierte es zum ersten Mal.

Kinderschar: Jakob war dreiunddreißig als er heimkam. Seine besten Jahre, so schien es, hatte er beim Militär und im Krieg vertan. Tatsächlich hatte er sich aber meist von seinen Offizierskollegen ferngehalten und jede freie Stunde mit Lektüre verbracht. So galt er den Kameraden und Vorgesetzten als Sonderling. Weil er aber seinen Dienstpflichten mit unübetrefflicher Disziplin und Präzision ausfüllte und bei den Untergebenen beliebt war, nahm man das im Casino so hin. Da störte die Tatsache, dass Leutnant Jakob Greiper keinen Alkohol trank, nicht rauchte und auch nicht zu den Huren in den Häfen ging, so manchen anderen Offizier schon mehr. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hatte er Bücher gekauft – in deutscher, englischer, niederländischer, spanischer und französischer Sprache; die letzten beiden hatte er sich selbst beigebracht. Sein Interesse galt weniger der Literatur als den Geisteswissenschaften und vor allem der Geschichte. Seine Herkunft führte ihn dahin, sich besonders mit der Kolonisation der Amerikas auseinanderzusetzen. Die Erkenntnis, dass die europäischen Eroberer Abermillionen Eingeborene ausgerottet und weitere Millionen Afrikaner als Sklaven verschleppt hatten, machte ihm über Jahre zu schaffen. Und weil er die Rolle der christlichen Kirchen bei der Unterwerfung der Menschen in den Kolonien kennen gelernt hatte, verlor seinen Glauben und wurde bekennender Atheist. Natürlich trat er nach seiner Rückkehr ins väterliche Geschäft ein und erledigte die notwendigen Aufgaben mit derselben Disziplin und Präzision, die er als Soldat an den Tag gelegt hatte.
So wie er den größten Teil seiner Dienstzeit – er hatte noch im Mai 1919 seinen Abschied genommen und war Zivilist geworden – als Außenseiter verbracht hatte, so wurde er auch als Bürger einer, der nie so ganz dazugehörte. Allein seine strikte Weigerung, irgendeine Kirche zu betreten, schloss ihn aus, und im Schützenverein, dem er beigetreten war, fand er wenig Freunde, wenn er nach alkohol- und rauchgeschwängerten Sitzungen als einziger nüchtern blieb. Mit seinem Vater verband ihn bald eine Art Männerfreundschaft, die man als Gemeinschaft Unangepasster betrachten konnte. Der Mutter war er in warmer Liebe verbunden. So überstand die Kleinfamilie mit ihrem Geschäft die Nachkriegsjahre und auch die Hyperinflation des Jahres 1923. Tünn hatte ohne genaue Absicht das Ersparte fast vollständig in Gold angelegt, und da ihm und Hedwig nicht nur das Haus gehörte, in dem sie lebten und ihren Laden betrieben, sondern zwei weitere Immobilien, konnten sie beinahe autonom existieren. Jakob, der von seinen wenigen Freunden nach Art des Dialektes der Stadt Köbes genannt wurde, wäre dagegen vollkommen verarmt, denn seine Pension war im November vor der Einführung der Rentenmark so wenig wert, dass er sich von der monatlichen Alimentation nicht einmal mehr einen Apfel hätte leisten können.

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publiziert am 05.06.17 in Feuerfest ¦ 544x gelesen ¦ noch kein Kommentar