Der gerade Weg

Als dem Journalisten Ulrich Bronner gestattet wurde, die Angeklagten in der Untersuchungshaft zu besuchen, um mit ihnen, so sie denn bereit dazu waren, Interviews zu führen, war es der Terrorist, der in den Medien als Axel L. bezeichnet wurde, der ohne Zögern zugestimmt hatte. Der Mann, den man mit einem selbstgebauten Sprengkörper am Leib in seinem Auto erwischt hatte, brauchte keine Frage, um sofort mit der Erzählung zu beginnen; Bronner hatte kaum Zeit, das Aufnahmegerät einzuschalten.

Vor ihm saß ein Typ unbestimmten Alters, den man gut auf Mitte Fünfzig, aber auch auf über Siebzig schätzen konnten. Dünn, eher hager und auf eine jungenhafte Art schlaksig hatte er seinen Stuhl umgedreht, sodass er die Arme auf der Rückenlehne ablegen konnte. Der Journalist bot ihm eine Zigarette an, aber sein Gesprächspartner schüttelte nur den Kopf und sagte: “Rauche nur Selbstgedrehte, immer schon.” Und begann.

“Also, ich bin der Archie. Alle, die mich kennen, sagen Archie zu mir. Mein Spitzname ist aber Archie Lasset. In Wirklichkeit heiße ich Achim, Achim Lasseter. Das kommt irgendwie aus dem Französischen, hat meine Oma immer gesagt, von den Hugenotten. Bei der bin ich aufgewachsen, weil mein Vater 1944 gefallen ist und meine Mutter kurz nach Kriegsende durchgedreht ist und in die Klappse kam. Da war ich knapp fünf. Kannste dir ausrechnen: Jahrgang 1943. Staunste, was? Sieht man mir nicht an. Bin eben so der Typ, der nicht altert. Ich sah ja auch immer schon so aus wie jetzt. Die Oma wohnte oben in Holstein auf dem Land in einem Tagelöhnerhäuschen, eingekeilt zwischen drei Schweinebauern. Und weil ich eigentlich dauernd Scheiße baute, rief sie immer bloß ‘Lasset!’. So kam das.”

Er zog einen ledernen Tabakbeutel aus der Hemdtasche, entnahm ein Blättchen und drehte sich eine spindeldürre Zigarette: “Wenn du sie so dünn machts, hält der Tabak länger.” Bronner reichte ihm Feuer. “War immer sparsam. Klar, hatte ja auch nie genug Kohle, um sie einfach so rauszuhauen.” Er nahm ein paar Züge und mustert den Journalisten aus seinen wasserblauen Augen. “Willst du meine ganze Lebensgeschichte hören? Ernsthaft?” Bronner nickte.

“Mit zwölf bin ich zum ersten Mal abgehauen, mit vierzehn kam ich ins Heim. Da holte ich den Rest Volksschule nach, und dann durfte ich in die Lehre, Dreher. Konnte ich gut. Aber schon während der Ausbildung Schichtbetrieb. War verboten, aber die Firma war so groß, die machte das einfach. Mit zwanzig hatte ich ausgelernt und kriegte auch gleich eine Stelle. Motorenbau. Passte prima. Mit Motoren hatte ich es immer schon. Als ich elf war, hatte ich beim Bauern Rofstock ein olles Motorrad aus der Scheune gezogen, mehr so’n Moped. Durfte ich behalten. Hab das hingekriegt und bin dann immer durchs Dorf damit gerodelt. Später eine geklaute Quickly. Und so weiter.”

Er legt eine kurze Pause ein. “Muss so um 1965 herum gewesen sein. Da sah ich ihn zum ersten Mal. Ziemlich feister Typ im Viertel, der fuhr eine 450er. Fette Lederjacke, ölige Hose, Stiefel, schwarze Handschuhe. Wenn der durch die Straße bollerte, blieben die Leute stehen. Die Spießer schimpften. Und ich wollte genau so sein wie der. Der brauchte bestimmt niemand, mit dem war nicht gut Kirschen essen. Der schlug zu, wenn’s nötig war. Das war ein Rocker.”

Lasseter drückte die Kippe aus, zog ein Mäppchen aus der Gesäßtasche und legte es auf den Tisch. “Alte Fotos. Fünf Jahrzehnte Archie in allen Lebenslagen.” Er drehte das Album um und schlug es in der Mitte auf: Archie Lasset auf einer ziemlich schweren Maschine, ganz in Leder, den Helm am Lenker, Zigarette im Mundwinkel, Sonnenbrille, schulterlanges, blondes Haar. “Meine erste 750er. Vierzylinder, mit das dickste, was du um 1970 herum haben konntest.”

“Ich war also Arbeiter und lebte ein Arbeiterleben. Malochen, fressen, saufen, pennen. Am Wochenende die Sau rauslassen. Und wie alle in meinem Alter war ich ständig auf Brautschau. Man wollte ja irgendwann Familie. Mir ging’s erstmal mehr ums Ficken. War ja ein hübsches Kerlchen…” Er blätterte zu einem Foto um, das einen schlanken Jungen im Sonntagsanzug mit Schlips und Kragen zeigte. “Schätze, 1964, 1965, Beerdigung, meine Oma. Danach war ich also allein und frei. Gut Asche auf der Naht, ab der letzten Freitagsschicht auf der Rolle. Später ab in die Großstadt, Diskotheken, feine Leute, reiche Leute. Mein Freund Micha und ich zwischen dem ganzen Angestelltenpack. Aber die Bräute aus besserem Haus, die standen auf uns, sag ich dir.”

Er war aufgestanden und ging ein paar Schritte im Besucherraum hin und her. Bronner fiel auf, dass Archies linker Arm irgendwie verdreht ist und zittert. Lasseter zieht den Stuh weit zurück und lässt sich mit gespreizten, ausgebreiteten Armen darauf fallen. “Dann wurden wir auch eingeladen. Partys, Villen, schicke Bungalows, mit und ohne Swimmingpool. Ja, das gab’s dann auch Drogen. Haschisch und Härteres. War ja der Sommer of Love, und die ganzen Bürgerkinder wollten Hippies sein. Blumen im Haar und freie Liebe. Es wurde gevögelt, was das Zeug hielt, und alle Mädchen nahmen die Pille. Aber der ganze Peace-Quatsch, der ging mir auf die Nerven. Und von nem Joint wurde mir immer nur schlecht. Das war nix für mich. Dann hatte ich die Schnauze voll. Erinnerte mich an den Rocker aus unserem Viertel. So fing es an.”

“Reicht erstmal, was?” Uli Bronner schüttelte den Kopf: “Ich hab noch Zeit. Jetzt nehm ich doch mal ne Aktive.” Der Journalist schiebt ihm das Päckchen Marlboro und das Feuerzeug rüber. “Ah, Freiheit und Abenteuer! Jedenfalls hab ich gekündigt und mein sauerverdientes Geld in eine Honda Four investiert. Und natürlich in Lederklamotten. Dann bin ich erstmal ein Jahr auf Tour gegangen. Zu der Zeit gab’s nicht viele Biker in Deutschland. Klar, zur Arbeit fuhr keiner mehr auf zwei Rädern, wenn doch ein Auto haben konnte. Und die alten Säcke waren noch nicht draufgekommen, auf dem Krad ihre Jugend nachzuholen. Die Jungs, die hatten ihre Fuffziger, und der Rest waren wir Rocker. Da wusstest du genau, wann und wo es Treffen gab. Bin also von einem Rocker-Meeting zum anderen gegondelt, im Sommer und auch im Winter – Elefantentreffen auf dem Nürburgring, lauter Gespannfahrer, Zelten bei minus 10 und meterhohem Schnee. War natürlich am Nordkap, da wollten alle hin, und in Marokko. Jugoslawien, Türkei. Aber weiter nicht, da waren mir dann zu viele Hippies.”

Er goss sich einen Kaffee aus der Thermoskanne ein, die der Journalist mitgebracht hat. “Eine feste Stellung habe ich danach nie wieder gehabt. Gab immer was zu verdienen. Schwarz, aber legal mit Schrauben, illegal mit, sagen wir, Transporten.” Lasseter nickte vor sich hin und schien in Gedanken versunken. “Und dann kamen Sie zur RAF…” Der Angesprochene lachte auf: “Zur RAF, zur RAF, wenn ich das höre, fall ich vom Stuhl vor Lachen. Wie alt bist du? Hast du die Zeit überhaupt bei Verstand mitgemacht?” Bronner schüttelte den Kopf: “Geboren 1980.” Archie war aufgestanden und hockte sich neben den Stuhl des Interviewers. “Niemand ist zur RAF gekommen. Das war eine große Verarsche. Die Bullen, die haben einfach bestimmt, der und der gehören jetzt zur RAF. Konnten sie gegen alle Linken und Unangepassten vorgehen.” Er redete sich in Rage.

Ging mit schnellen Schritten im Verhörraum hin und her. “Hört ja nie auf. Jetzt wieder.” Archie hielt an und musterte Bronner. “Sag mal, bist du überhaupt Journalist? Oder doch irgendsoein Arsch vom Staatsschutz? Ein Spitzel. Willst mich aushorchen, was?” Er schrie, er hauet mit den Fäusten auf den Tisch. Die Vollzugsbeamten kamen herein. Stellten den Beklagten ruhig, führten ihn ab. Das Interview war beendet.

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publiziert am 17.04.20 in Fünf ¦ 209x gelesen ¦ noch kein Kommentar