Die Familie

“Sie können hier bleiben, Frau von Dithausen,” hatte Georg gesagt, und sie hatte geantwortet, “Darf ich Ihnen das Du anbieten? Nennen Sie mich Edith.” Dann hatten sie Bruderschaft getrunken wie es sich gehört – er mit Whisky, sie mit dem Tee, den er gekocht hatte. Der Regen war stärker geworden und schlug Blasen auf der Veranda. “Haben Sie, entschuldige, hast du Kinder?” fragte Edith. Er schüttelte den Kopf: “Hat sich nicht ergeben. War nie verheiratet. Gut so. Auf ein bürgerliches Leben hatte ich nie Lust. Schon als ich noch als Schreiberling unterwegs war, habe ich mich immer eher als einsamer Streiter empfunden, einen Ritter im Auftrag des Guten. Stolz und arrogant. Das zog manche Frau an. Aber keine hielt es lange mit mir aus.” Er goss nach und trank das Glas Schluck für Schluck aus. “Und du?”

Edith hatte die Beine angezogen und halb unter die Ecke gezogen, die Georg ihr gegeben hatte. Sie saß auf dem Sofa und sah ins Kaminfeuer. “Nein, keine Kinder. Der Graf war schon zu alt, um sich fortzupflanzen als wir uns kennenlernten. In dem Punkt war er sehr verantwortungsvoll. Und mir war schon mit Mitte Dreißig klar, dass ich nur Kinder haben wollte, wenn diese in einer intakten Familie aufwachsen könnten. Dann gab es eine Affäre, ich wurde schwanger und ließ abtreiben. Danach hätte ich ohnehin nicht mehr gebären können. Das Thema hatte sich erledigt.” Als der Regen aufgehört hatte, waren sie auf die Terrasse vor dem Haus umgezogen, und Georg hatte ein Wildragout auf offenem Feuer gekocht.

Während das Gericht in einem verbeulten Topf vor sich hin köchelte, hatte er sich mit einer Flasche Bier zu ihr auf die Bank gesetzt. “Ich mag Kinder sehr. Und sie mögen mich. Noch bevor ich in den Untergrund gegangen bin, habe ich in der Stadt gewohnt, in einem ziemlich großen Mietshaus. Meine Nachbarn hatten sieben Kinder. Das, was man heute eine Patchwork-Familie nennt; sehr unkonventionell. Lizzy hieß sie, eine temperamentvolle Frau, ein Vollweib. Sängerin war sie in einer erfolglosen Rockband, und drei der Kinder, jedes von einem anderen Mann hatte sie mit in die Verbindung zu Rolf gebracht. Der war Beamter bei irgendeiner nicht sehr wichtigen Behörde, ein stiller, feiner Typ, der wenig sprach und seine Frau offensichtlich bewunderte.” Er stand auf und rührte den Eintopf um.

“Zu der Zeit war die älteste Tochter schon siebzehn oder achtzehn. Dann hatten sie noch einen Nachzügler von nicht einmal drei Jahren. Mein Liebling aber war Caro, das älteste der gemeinsamen Kinder, damals wohl so um die zehn Jahre alt; eine perfekte Mischung aus ihren Eltern. Dünn, ja, knochig wie der Vater, aber mit denselben dichten dunklen Haaren wie die Mutter. Laut und ungestüm, dabei ein bisschen ungeschickt. Weiß gar nicht mehr, wie viel von meinem Geschirr sie auf dem Gewissen hat. Die kam mich regelmäßig besuchen. Onkel Dschi nannte sich mich, weil Lizzy immer Dschordschie zu mir sagte. Meistens stürmte sie rein und sagte als erstes ‘Sachma, Onkel Dschie, kannst du mir…’ und äußerte einen Wunsch. Manchmal wollte sie nur etwas zu trinken oder eine Süßigkeit, aber ganz oft sollte ich ihr etwas erklären. ‘Sachma, Onkel Dschie, warum müssen Mama und Papa Geld dafür bezahlen hier wohnen zu dürfen?’ und solche Sachen.”

“Wie gesagt, keine eigenen Kinder, aber eine Lieblingsersatztochter; Jackie, die Tochter meiner Schwester. Genauer: Deren Tochter Minna, meine Großnichte also, das ist mein liebstes Kind. Und mein einziger Zugang zur – wie sagt man? – heutigen Jugend. Meine Schwester ist schon lange tot, und Jackie geht ja auch schon auf die Sechzig zu. Die hatte schon ganz früh davon gesprochen, dass sie nie heiraten, aber unbedingt ein Kind haben wollte. Und so kam es auch. Die ist wirklich ganz systematisch auf die Suche nach dem geeigneten Erzeuger gegangen und fand dann Richard, einen sehr kultivierten, humorvollen und ziemlich gut aussehenden Engländer, ein Typ wie Peter Frampton, wenn dir der Name etwas sagt…” Georg war gerade dabei, die Schüsseln zu füllen und sagte: “Apropos: Möchtest du Musik? Ich höre ja nur Jazz und Klassik. Du hast die Wahl.”

Er legte ‘Kind of Blue’ auf, sein Lieblingsalbum, und es gefiel Edith sehr. Genau wie das Gericht, zu dem er selbstgebackenes Brot reicht. Als er ihr Rotwein einschenken wollte, lehnte sie ab, sie trinke keinen Alkohol. Sie habe nie in ihrem Leben Wein, Bier oder irgendeinen Schnaps getrunken. Sie habe es immer bevorzugt nüchtern zu sein. “Jedenfalls geschah es, dass sich Richard in Jackie verliebte, was ihr sehr zupass kam. Nach wenigen Wochen wurde sie schwanger und beendete die Beziehung. Tatsächlich sind die beiden bis heute beste Freunde, und Minna liebt ihren Papa sehr. Allerdings lehnte es meine Nichte ab, ihn als Vater anzugeben, wollte auch keinen Unterhalt von ihm. ‘Das ist meine Angelegenheit,’ sagte sie immer, ‘das ziehe ich alleine durch.’ Irgendwie müssen da die Gene optimal zusammengepasst haben, denn Minna erbte die besten Eigenschaften beider Eltern. Sie ist klug, sie ist freundlich, sie kann mit jedem, sie weiß, was sie will, ist nie zickig, aber eben auch kein niedliches Sonnenscheinchen. Manchmal bin ich sehr neidisch auf sie; so wäre ich als Kind auch gern gewesen.”

Später saßen sie nebeneinander auf dem Sofa, dicht an dicht. “Wie alt bis du Georg?” Er musterte sie, strich sich den Bart und lächelte zum ersten Mal an diesem merrkwürdigen Tag: “Nächstes Jahr siebzig. Man dürfte mich einen alten Sack nennen, aber tatsächlich fühle ich mich meistens wie ein junger Kerl. Zumal ich körperlich total fit bin. Keine Zipperlein, alle Körperfunktionen einwandfrei.” Edith hat ihr Haar gelöst und ihre Hand auf sein Knie gelegt. “Mir geht es ähnlich. Manchmal fürchte ich, ich muss mindestens hundert werden, damit ich merke, dass ich alt bin. Diejenigen, die mich immer viel jünger schätzen als ich bin und dann nach dem Geheimnis meiner Jugendlichkeit fragen, wenn ich mein Alter nennen, sage ich dann: ‘Keine Exzesse. Kein Alkohol, keine Drogen, immer in Bewegung geblieben.’ Und frag du jetzt bitte nicht, wann ich geboren bin.” Der erste Kuss war schüchtern, beiderseits.

“Vor einigen Monaten kam Minna weinend zu mir. So hatte ich sie noch nie erlebt. ‘Edda,’ sagte sie, ‘ich habe solche Angst.’ Und ich fragte natürlich, wovor sie Angst hatte. Da strömte es nur so aus ihr heraus, wie es sein könne, dass so viele Menschen im Mittelmeer ertränken, was das für Leute seien, die Flüchtlingsheime anzünden, warum so viele Kinder verhungern, ob sie möglicherweise das Ende der Menscheit erleben müsse. Solche Dinge. Sie wirkte verzweifelt und mutlos. Ich war erschrocken und hilflos und tröstete sie ohne auf ihre Fragen einzugehen. Als sie sich beruhigt hatte und wieder gegangen war, dachte ich, was wir Älteren da diesen Kindern angetan hätten, dass wir ihnen eine solche Welt hinterlassen. Ja, genau solche Gemeinplätze schossen mit durch den Kopf. Und dann kam die Wut in mir auf.” Edith war aufgestanden und ging in dem Raum mit der niedrigen Holzdecke auf und ab.

“Wir sind uns sehr ähnlich, Edith,” sagte Georg. “So ähnlich ging es mir mit Caro und ihren Fragen. Die ist inzwischen über dreißig, aber bis ich mich hierher zurückgezogen habe, hatte wir Kontakt; sogar in den Zeiten als ich mich unsichtbar machen musste. Tatsächlich war sie außer den Genossen der einzige Mensch, der immer wusste, wie er mich erreichen konnte. Und ihre Fragen hörten nie auf … auch wenn sie später lieber einen Wein und ein anständiges Essen forderte.” Edith stand am Fenster und blickte hinüber auf das Herrenhaus, das sich als dunkle Silhouette vor dem Abendhimmel abzeichnete. “Ich habe den Entschluss gefasst,” sagte sie, während Georg sie von hinten umarmte, “dass ich etwas unternehmen muss bevor ich sterbe. Ich weiß nicht, ob es wirklich etwas bewirken wird, aber ich habe mich entschlossen, ein paar von den Arschlöchern umzubringen, die für diese Zustände verantwortlich sind.”

Am folgenden Tag schien von morgens an die Sonne, und die Wiese zwischen dem Torhaus und dem Hauptgebäude dampfte. Georg führte Edith durch seinen Wald, und nach dem Mittagessen begannen sie mit der Planung.

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publiziert am 30.04.20 in Fünf ¦ 435x gelesen ¦ noch kein Kommentar