Der große Knall

Und so stand ein dunkelblauer Lieferwagen der Marke FIAT, vollgepackt mit Sprengstoff, in der Tiefgarage der ehemaligen Hauptpost, die seit Jahren darauf wartete, zu einem luxuriösen Hotel umgebaut zu werden. Weil einige Handwerker diese Parketage als Mieter nutzten und manche Autofahrer illegal, fiel der FIAT nicht weiter auf. Während der Umbauarbeiten herrschte dann jede Menge Baustellenverkehr im Untergeschoss, und der inzwischen ziemlich staubige Transporter, den Sophie und Archie hier untergebracht hatten, blieb auch nach vier Jahren unentdeckt, weil er eben unauffällig genug war.

Der Prozess gegen die Elster-Scholz-Bande war da längst Geschichte. Kaum jemand erinnerte sich an die Serie der missglückten Anschläge, ausgeführt von fünf Senioren, die Politiker wegräumen wollten, von denen sie annahmen, dass sie der jungen Generation die Zukunft vermasseln würde. Die schlimmsten Staatenlenker, denen Klimawandel, Pandemien, Hunger und Ausbeutung egal waren, saßen immer noch in ihren Ämtern, und die Welt war kein bisschen besser geworden. Natürlich ging es bei der Konferenz mit dem hochtrabenden Namen “Weltmenschenhilfskonvent” kein bisschen darum, den Menschen in den armen Ländern zu helfen oder gar für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, sondern allein um das Verteilen der unter diesen Bedingungen noch auszubeutenden Ressourcen unter den großen Fünf.

Der Bundeskanzler hatte geladen, und die Mächtigsten hatten zugesagt. US-Präsident Thack Dump war ebenso gekommen wie Igor Jaschin, der inzwischen auf Lebenszeit gewählte Führer der russischen Förderation. Unmittelbar nach ihrem Amtsantritt war die Ministerpräsidentin der Volksrepublik China, Hao Jijen, angereist, und auch der britische Premierminister John Brick war auf dem Gruppenfoto zu sehen, das man noch vor dem offiziellen Beginn der Veranstaltung hatte anfertigen lassen. Dazu natürlich der Führer der Türken, die Autokraten aus Ungarn und Polen sowie der greise Diktator von Belarus.

Da war die ehemalige RAF-Terroristin Sophie Elster samt Labrador Bhagwan längst in die spirituellen Regionen eingegangen, in denen sich all die mutigen Menschen trafen, die in ihrem Leben versucht hatten, durch das Beseitigen von Kaisern und Königen, politischen Führern jeder Couleur sowie diverse Wirtschaftskapitäne und sonstige Schurken aus der Erde einen menschlichen Ort zu machen. Leider hatte ihr Kumpan und zeitweise Mitbewohner Achim “Archie” Lasseter den Knopf ein bisschen zu früh gedrückt, sodass nicht der Nazi in die Luft flog, sondern die Sprengstoffexpertin im Rollstuhl und ihr treuer Hund.

Archie wiederum war nach dem tätlichen Angriff auf den Redakteur Uli Bronner bei einem Interview während seiner Untersuchungshaft in psychiatrische Behandlung geraten, bei der mit der behandelten Psychologin aushandelte, für schwer traumatisiert, austherapiert und immer noch gefährlich eingestuft zu werden, um in einer therapeutischen Anstalt irgendwo auf dem Lande endlich einen ruhigen und friedlichen Lebensabend auf Staatskosten zu genießen. Tatsächlich träumte er immer noch schlecht und litt sehr darunter, die Schuld am Tod von Sophie und Bhagwan zu tragen.

Man hatte das Luxushotel im Zentrum der Stadt, das nun im Gegensatz zum Postamt, das es einst war, von einem Park umgeben war, selbstverständlich mit bewährter, aber auch flammneuer Sicherheitstechnik ausgestattet. Angefangen von Überwachungskamera mit Gesichtserkennungssoftware über Sensoren, die Daten wie Gehgeschwindigkeit und Körpertemperatur von Passanten in bis zu 800 Metern Entfernung telematisch ans KI-Zentrum übertrugen, bis hin zu Baumaßnahmen, die selbst das Graben von Tunneln zum Hauptgebäude in bis zu zwanzig Metern Tiefe vereiteln sollten. Die besten Security-Leute aus den beteiligten Ländern hatte man schon Wochen zuvor eingeflogen, und deren Offiziere hatten ein Sicherheitskonzept ausgearbeitet wie es die Welt noch nicht gesehen hatte.

Der greise Georg Scholz, der ewige Kämpfer für das Paradies auf Erden, hatte sich einer strafrechtlichen Behandlung rechtzeitig durch Flucht entzogen, und der investigative Journalist Bronner war nun auch schon seit Jahren dabei, Spuren des Mordschützen zu entdecken und zu verfolgen, während Georg und seine indonesische Wahlfamilie das von ihm in Sicherheit gebrachte Vermögen der Familie von Dittmannshausen verzehrten. Mladen Petkovic war nie gefasst worden und lange vor Prozessbeginn verschwunden, um mit neuer Identität und gut 60 Kilo leichter ein neues Leben in seiner serbischen Heimat zu führen. Nur Edith Thader, die Gräfin, hatte sich dem Gericht stellen müssen, feierte ihren neunzigsten Geburtstag in Haft, stritt sich während der Verhandlungen unter den Augen ihres ehemaligen Geliebten und vorsitzenden Richters, Roland Berg-Zisser, mit der zickigen Staatsanwältin, nur um nach dem Urteil, das auf zwölf Jahre Haft wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung mit anschließender Sicherheitsverwahrung lautete, dank Haftverschonung wieder ihre hübsche Stadtwohnung zu beziehen.

All die ausgefeilte Technik nutzte den hohen Damen und Herren samt ihrer mehr oder weniger wichtigen Begleiter, aber leider auch den vielen Angestellten und Medienleuten, die sich zum Zeitpunkt der Explosion im Gebäude befanden, wenig. Als der Wachmann Giovanni M. mit seinem Malinois Benito die Runde durch die obere Parketage machte, schlug der ausgebildete Sprengstoffspürhund an und zerrte sein Herrchen in einen der hintersten Winkel, wo ein ziemlich staubiger FIAT-Siebeneinhalbtonner mit der Schnauze zur Wand parkte. Benito winselte und jaulte, und Giovanni gab ihm Leine, sodass der Hund bis zur rechten Schiebtür gelangte und dort aufgeregt kratzte.

Vielleicht hätte eine bessere Ausbildung dem Hundeführer und seinem besten Freund das Leben gerettet. Vielleicht hätte Giovanni doch besser Fachleute anfordern oder überhaupt erst einmal Meldung machen sollen. Auf keinen Fall aber hätte er versuchen sollen die Verriegelung der Seitentür zu betätigen, um das Innere des Kleinlasters zu untersuchen. So aber löste der Wachmann die Sicherheitsschaltung aus, die Sophie seinerzeit eingebaut hatte, und weil die verwendeten Knopfzellen auch nach vier Jahren noch genug Saft lieferten, kam es zur Zündung von beinahe anderthalb Tonnen selbstgemixten Sprengstoffs.

Ob auch ein wenig Pfusch am Bau für den enormen Schaden sorgte, ließ sich auch nach jahrelangen Untersuchungen nicht mehr feststellen. Jedenfalls sprengte die Ladung die Decke der Parkgarage mit voller Kraft aufwärts, was die Statik der darüber befindlichen Etagen des Konferenzzentrums empfindlich störte, sodass das Gebäude innerhalb weniger Minuten in sich zusammenfiel und ingesamt 471 Menschen unter sich begrub. Den Rettungsmannschaften gelang es vor allem, Personen, die sich in den oberen Stockwerken aufgehalten hatten, auszugraben und aus den Trümmern abzutransportieren. Für Thack Dump, Igor Jaschin, Hao Jijen, John Brick und die Präsidenten der Türkei, von Ungarn, Polen und Belarus kam jede Hilfe zu spät.

Download PDF

publiziert am 15.05.20 in Fünf ¦ 81x gelesen ¦ noch kein Kommentar