Der Sprengstoff

So zog das Chaos in den wohlgeordneten Haushalt der Sophie Elster und ihres Labrador-Retrievers Bhagwan ein. Sie hatte Archie das kleine Arbeitszimmer zugeordnet, das sie ohnehin selten nutzte, wo er eine aus dem Sperrmüll geklaubte Matratze ausbreitete. Zum Glück bestand seine Habe nur aus einem Wanderrucksack wie man ihn bei Hochgebirgsexpeditionen nutzt, aber dessen Inhalt verteilte sich bald überall in der Wohnung. Der ansonsten gelassene Assistenzhund wurde von Tag zu Tag nervöser, vermutlich durch das Geruchsgewitter, das im Übrigen Sophie ebenfalls wahrnahm, aus der Fassung gebracht. Aber trotzdem verstanden sich Wirtin und Gast ganz ausgezeichnet.

Zumal sich Archie als ausgezeichneter Koch erwies und Sophie kein einziges Mal auf ihre Tiefkühlvorräte an Pizzen und Fertiggerichten zugreifen musste. Da er anscheinend auch über ausreichend viel Bargeld verfügte und die Einkäufe übernahm, stand nun jeden Abend ein Drei-Gänge-Menü auf dem kleinen Küchentisch. Nur der Abwasch, der fiel regelmäßig auf Sophie zurück. Außerdem trank Archie Unmengen Wein, begann damit beim Kochen und konnte nach dem Essen auch nicht damit aufhören, während sie beim stillen Wasser blieb und nur gelegentlich an ihrem Weinglas nippte.

Wie er seine Tage verbrachte, bekam sie nie heraus. Auf Fragen tischte ihr der Gast allerlei Anekdoten auf, die sich aber nie zum einem nachvollziehbaren Tagesablauf verdichteten. Und davon, dass er etwas am Laufen habe und am nächsten Ersten wieder weg wäre, war nach drei Monaten auch keine Rede mehr. Abends die Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender gemeinsam zu verfolgen wurde zum festen Ritual, das nicht selten in politische Diskussionen mündeten. Und immer, wenn Archie meinte, Vergleiche zu den Siebzigern und Achtzigern ziehen zu müssen, fiel sie ihm ins Wort: “Kein Ton über früher!”

Nur stellten sie bald fest, dass sie bei der Einschätzung der Lage im Land absolut einer Meinung waren, wobei die Wut bei ihm deutlich größer war als bei ihr. Besonders wenn montags die Bilder von den Demonstrationen in dieser wunderschönen Stadt gezeigt wurden, bei denen sich Menschen, die alle Ausländer weghaben wollten, als das Volk bezeichneten, konnte Archie sich kaum bremsen. “Die Typen müsste man einfach wegputzen!” war noch die mildeste Form seiner Lösungsvorschläge. Seinen besonders brennenden Hass hatte einer der Anführer dieser Sache auf sich gezogen, ein gewisser Bernhard Lachmann, der sich Butz nannte – ein Spitzname, den die Medienvertreter wegen der schönen Aliteration gern in ihre Berichte übernahmen.

“Könnte man den nicht einfach mit einem großen Knall wegblasen?” erregte er sich eines Abends ohne konkret an Sophies spezielle Kenntnisse und ihre Aktivitäten vor fast dreißig Jahren zu denken. Sie rollte ein Stück zurück, um Bhagwans Kopf zu streicheln, sah ihn mit unentschlossener Miene an und sagte: “Ja, könnte man.” – “Dann lass es uns tun, Genossin!” Mit dieser Anrede hatte er eine Grenze überschritten, und Sophie zog sich wortlos in ihr Schlafzimmer zurück. Natürlich hatte auch sie schon an diese Lösungsmöglichkeit gedacht, und insgeheim führte sie eine Liste mit den Namen von Personen, von denen sie glaubte, die Welt könnte ohne die ein besserer Ort sein.

Mitten im nominellen Herbst, schon ein paar Tage hinein im November, ergab sich strahlend schöner Tag mit geradezu spätsommerlichen Temperaturen, und Archie schlug zum ersten Mal einen gemeinsamen Ausflug vor. Sophie stimmte zu – unter einer Bedingung: “Wenn du auch nur einmal die Griffe vom Rolli anfasst, schmeiß ich dich raus!” Im Forst hinter dem ehemaligen Kloster tummelte sich nur die übliche Anzahl an unentwegten Spaziergänger, die sich gegenseitig aus dem Wege ging. Bhagwan gefiel es sehr, leinenlos auch mal ein paar Schritte ins Unterholz machen zu dürfen, und den Menschen tat die Waldluft gut.

“Ja,” begann Sophie unvermutet, “könnte man. Ist rein technisch alles nicht so schwer. Explosives Material kannst du selbst aus verschiedenen Substanzen anrühren, allesamt frei verkäuflich. Anleitungen findest du im Internet, aber ich traue mir zu, solches Zeug auch ohne Rezept herzustellen. Also, nicht ich selbst. Aber ich könnte jederzeit jemandem sehr genau sagen, was er in welchen Mengen und wie zu vermischen habe. Natürlich weiß ich auc wie man zuverlässige Zünder baut, ebenfalls aus Dingen, die du überall kaufen kannst. Alles kein Problem. Das Problem ist, einen oder mehrere Sprengkörper so anzubringen, das es keiner merkt, und zu zünden, wenn das Arschloch, das in die Luft fliegen soll, zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.” Archie hatte schweigend zugehört und sagte schließlich: “Dann lass es uns machen.”

Wer nicht für Geld arbeiten muss, hat viel Zeit für Projekte. Obwohl Archie Lasset nie herausfand, woher Sophie ihre Einkünfte bezog, und auch nie nachfragte, hatte die Zwangswohngemeinschaft der ungleichen Partner keinerlei finanzielle Probleme. Und deshalb konnten sie eine Menge Ressourcen in eine Sache investieren, die ihnen beiden am Herzen lag. Es ging vor allem darum, möglichst unauffällig an die benötigten Stoffe für die gewaltige Bombe zu kommen, zu deren Bau sie sich entschlossen hatten. Außerdem brauchten sie wechselnde Räume für die Herstellung. Aber weil sie beide eine konspirative Vergangenheit hinter sich hatten, fiel es ihnen nicht sonderlich schwer, nach und nach unbemerkt satte 1.200 Kilo explosives Material zu erzeugen, sachgerecht zu verpacken, in einem Siebeneinhalbtonner unterzubringen und mit einer Zündanlage auszustatten.

Den Kleinlaster wiederum für Sicherheitskräfte unsichtbar zu machen, war keine leichte Aufgabe. Zumal Archie sich schon seit Längerem nicht mehr in der Lage sah, ein Auto zu fahren. So war er eben darauf angewiesen, dass Sophie ihn in ihrem rollstuhlgerechten Van herumkutschierte oder dass er sich mit dem ÖPNV oder per Taxi durch die Stadt bewegte. Das Fahrrad fiel wegen seiner Gleichgewichtsstörungen als Verkehrsmittel aus, und weitere Touren unternahm er nur mit der Bahn. Nun war es Sophie aber nicht möglich, ein anderes Fahrzeug als ihren umgebauten Wagen zu fahren. Aber eines Tages brachte Archie einen jungen Kerl mit, den er als Fahrid aus dem Libanon vorstellte. Den habe er bei einem Hilfsjob kennengelernt und könne ihnen den Gefallen tun, und den Lieferwagen fahren.

Erfindungsreich und sicher im Lügen wie Archie war, hatte er Fahrid eine weitläufige Geschichte aufgetischt, dass er den Lappen – so drückte er sich aus – hatte abgegeben müssen und deshalb selbst nicht fahren könne. Nun müsse der Siebenhalbtonner aber dringend von der Straße, der TÜV sei abgelaufen. Und, das läge auf der Hand, zur Hauptuntersuchtung könnte Archie den Wagen gerade auch nicht bringen. Dafür aber wisse er eine Tiefgarage, wo man den Kleinlaster problemlos für ein paar Wochen, ja Monate, abstellen könne. Sophie verzog keine Miene, und der junge Libanese glaubte die haarsträubende Story, die sich Archie ausgedacht hatte.

Dann aßen sie zusammen zu Abend, und nach dem abschließenden Espresso machten sich Fahrid und Archie auf den Weg. Zu jener Zeit diente das mehrgeschossige Parkhaus der Hauptpost vor allem den Menschen, die sich im angrenzenden Multiplex-Kino zerstreuen oder in der Großdisko nebenan die Nacht durchfeiern wollten. Zwischen 18 und sechs Uhr morgens waren nicht einmal Gebühren zu entrichten. Also steuerte Archies Kollege den dunkelblauen Fiat durch die geöffneten Schranken und dann die enge Rampen hinab bis ins zweite Untergeschoss, wo sie einen Platz in der äußersten Ecke, halb versteckt hinter einem Vorsprung fanden.

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publiziert am 16.05.20 in Fünf ¦ 314x gelesen ¦ noch kein Kommentar