2 Ballkontrolle

Er hatte beschlossen, sich nicht zu ärgern. Wieder einmal wurde ein Flug nach Kuala Lumpur verschoben, Roelande van de Maas war pünktlich in Zaventem eingetroffen und hatte eingecheckt als die Info durchkam, dass der Flieger aus Abu Dhabi, der später von Brüssel aus nach Malaysia fliegen sollte, mindestens drei Stunden Verspätung angesammelt hatte. Kurz hatte er überlegt, noch einmal in die Innenstadt zu fahren, ins Büro, um dort die Wartezeit sinnvoll seinzusetzen, aber auf das Verkehrschaos und die Unruhe in der City hatte er keine Lust, arbeiten würde er auch hier können. Also suchte er sich im Bistro des Asia-Terminals einen Platz ganz hinten und holte sich einen Kaffee an der Theke. Wenig Espresso, hatte er verlangt, und sehr viel Milch, dazu fünf Tütchen Zucker, denn so mochte er seinen Kaffee am liebsten.

Dann hatte er sein Notebook aufgeklappt und sich an die Routinearbeit gemacht: Spielberichte lesen, Transfer-News studieren, Spielerprofile durchgehen, neue Gerüchte in den sozialen Medien begutachten und gelegentlich nach eingehenden Mails schauen. Er war froh, dass ihn niemand erkannt hatte, aber es geschah inzwischen auch recht selten, dass jemand freudestrahlend ankam und nach einem Autogramm fragte. Denn Roelande van de Maas war einst einer der härtesten Verteidiger in der ersten belgischen Liga gewesen, ein bewunderter Fußballheld, einer der besten Defensivspieler Europas, vielleicht sogar ein Abwehrmann auf Weltniveau. Fast einhundertzwanzig Mal war er für die Nationalmannschaft aufgelaufen, und nur sein Pech mit Verletzungen hatte dazu geführt, dass er nie aktiv an einer Europa- oder Weltmeisterschaft teilnehmen konnte.

Seinem Verein war er in all den Jahren treu geblieben, hatte Angebote aus dem Ausland immer rundheraus abgelehnt und einmal auf die Frage eines Reportes, warum er nicht zu einem konkurrierenden Verein wechseln würde, gesagt, in Belgien hasse er alle Clubs außer seinem, und den Hass könne man ihm für kein Geld der Welt abkaufen. Also war er nach dem Karriereende genau bei diesem Verein als Trainer in den Jugendbereich eingestiegen. Er konnte gut mit den Kindern und noch besser mit den älteren Jungs. Sie liebten ihn, hörten aufs Wort und waren stolz. Zöglinge des großen Roelandinators zu sein – das war sein Spitzname in den aktiven Zeiten.

Bis eine englische Boulevardzeitung begonnen hatte, in seinem Pivatleben herumzuschnüffeln und öffentlich die Frage aufwarf, weshalb ein gutaussehender und charmanter Typ wie van de Maas nie geheiratet hatte, wieso keine Frauengeschichten über ihn bekannt waren und ob es da vielleicht jemand Geheimes in seinem Leben gab. Das war genau zu der Zeit als er Jerome kennengelernt und sich unsterblich verliebt hatte. Da beschloss Mijnherr van de Maas, dass es an der Zeit sei, sich zu outen. Er gab dem belgischen Fernsehen ein Interview, dann diversen belgischen Zeitungen und natürlich auch den niederländischen, englischen, deutschen und französischen Medien. Man feiert ihn für seine Offenheit, aber der Verein wollte dann doch keinen Schwulen als Trainer der Kinder und Jugendlichen haben.

Also hatte er sich als Spielerberater und -vermittler selbstständig gemacht. Dass er gerade außerhalb Belgien überall gute Kontakte besaß, lief der Laden fast von Beginn an sehr gut. Außerdem zeigte sich, dass Roelande ein Händchen dafür hatte, das Talent bei sehr jungen Spielern frühzeitig zu erkennen. Die Art und Weise, wie er mit den Eltern Vorverträge schloss, nannte man bald das VDM-System – nicht unumstritten, aber höchst erfolgreich. Und in den letzten Wochen war ihm aufgefallen, dass ein, zwei, sehr junge Torhüter in seinem Portfolio fehlten. Die Einschätzung der Experten hatte sich in den letzten Jahre geändert. Früher hieß es, dass man einem Keeper erst mit einundzwanzig, zweiundzwanzig das ganze Ausmaß seiner Fähigkeiten erkennen können, aber Roelande war sich schon zuvor sicher, dass das spezifische Talent eines Tormanns schon viel früher sichtbar würde. Und jetzt wollten die großen, reichen Clubs alle ihren Jungtormann, der schon mit zwanzig zur Nummer Eins im Team werden könnte.

Während er ab und zu an seinem süßen Kaffee nippte, wischte er durch eine Galerie mit möglichen Kandidaten. Plötzlich erschrak er. Das Porträt eines Burschen mit einem feinen Gesicht, leicht ironisch lächelnd, mit tiefbraunen Augen, irgendwie exotisch. Ein Junge, der ihn an Jerome erinnerte. Roelande musste seine goldgefasste Brille, über die sich die Fußballwelt regelmäßig lustigmache, abnehmen und sich ein Tränchen aus dem Augenwinkel wischen. Nein, dachte er, ein gestandener Mann wie ich verliebt sich nicht in ein Foto. Aber er konnte den Blick nicht vom Display lösen. Rasch scrollte abwärts bis zu den Daten des Torhüters. Tim Mustafa Kringel lautete der Name, noch keine zwanzig Jahre alt, unter Vertrag bei einem deutschen Viertligisten, Transferwert unbekannt.

Er rief Lydia an, seine Assistentin, die mehr war als bloß die Frau, die sein Geschäft ordnete, sondern seine beste Freundin. “Such mal raus, wann dieser SSC, also vierte Liga in Westdeutschland, das nächste Heimspiel hat, besorg mir das Zugticket und die Eintrittskarte.” Roelande hörte sie leise kichern: “Seit wann suchen wir uns Spieler in den unteren Ligen, Roel? Oder sieht der Kandidat einfach zu gut aus.” – “Mach’s einfach,” sagte der Spielerberater.

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publiziert am 11.07.20 in Fehlpass ¦ 303x gelesen ¦ noch kein Kommentar