9 Libero

Hinter jedem erfolgreichen Businessman steht ein starker Sicherheitsbeauftragter, ganz gleich, ob und in welchem Maße die Geschäfte seines Herrn legal sind. Denn Erfolg macht Neid, und Neid kann einem Erfolgreichen sehr gefährlich werden. Also war es die Aufgabe von Mosambique Santos dafür zu sorgen, dass Wang Ho jederzeit außer Gefahr war. Der mittelgroße, mittelschwere Mann mittleren Alters und unklarer ethnischer Herkunft verstand es meisterhaft sich unsichtbar zu machen, sich zu verstellen und andere Identitäten anzunehmen. So erschien er an diesem Morgen in Gestalt eines Chauffeurs in einem waldgrünen Maserati Quattroporte am Lapangan Terbang, um den Gast aus Europa abzuholen.

Natürlich hatte Ho aufgrund der von ihm betriebenen Geschäftsmodelle nicht nur Neider und Mitbewerber, sondern auch Feinde und Verfolger. Die von ihm fernzuhalten hatte Mosambique bisher vor allem dank einer Gruppe von sieben Männer erreicht, die er seine Equipe nannte, denn er hatte einen Faible für alles Französische. So konnte er Roelande van de Maas auch in dessen – wie er dachte – Muttersprache begrüßen, denn dass man in Belgien zwei weitere Sprachen sprach, dass wusste der Bodyguard nicht. “Bonjour, Monsieur van de Maas,” sagte er mit einer kleinen Verbeugung und hatte dabei die Chauffeursmütze in der Hand. Roelande antwortete auf Englisch, und damit war dieses Thema zunächst geklärt.

Die schwierigste Situation, aus der Santos seinen Chef gerettet hatte, lag erst ein paar Monate zurück. Ein philippinischer Milliardär hatte sich bei einer Wette, bei der er rund fünf Millionen US-Dollar eingesetzt hatte, betrogen. Und wenn Ho ehrlich zu sich war, dann musste er zugeben, dass man den Reichen wirklich über den Tisch gezogen hatte. Denn die WBS-Leute hatten überhaupt nicht versucht das Drittligaspiel in Armenien zu manipulieren, auf dessen unerwarteten Ausgang der Filippino gewettet hatte. Der aber hetzte eine Armee übelster Yakuza-Samurai auf Ho und seine Leute, sodass Mosambique die Angelegenheit mit einer ziemlich kräftigen Bombe lösen musste. Dann zahlte man dem Milliardär seinen Einsatz zurück, und es herrschte wieder Frieden.

Der geborene Security-Mann war über die Jahrzehnte zu einem beinahe perfekten Menschenkenner geworden, zu einem Mann, der sich innerhalb weniger Minuten, nach wenigen Blicken und Sätzen ein ziemlich genaues Bild von seinem Gegenüber machen konnte, und so gut wie nie ganz falsch lag. Das Mittel seiner Wahl war der Smalltalk. Wie sein Flug gewesen sei, fragte er den Fahrgast. Wo genau er lebe, und wie es da sei. Ob Belgien schön sei … und dergleichen. Roelande war trotz des sanften Schlummers in der First-Class-Kabine hundemüde und gab einsilbige Antworten, während ihn der Chauffeur aufmerksam im Spiegel musterte. Harmlos, aber nicht naiv, das war sein Eindruck vom Belgier, der auf dem hellen Leder im Fond beinahe einschlief.

Selbstverständlich hatten seine Analysten den persönlichen und geschäftlichen Hintergrund des ehemaligen Fußballprofis beleuchtet und ihm ein umfassendes Dossier zusammengestellt. Ja, vermutlich wusste außer seiner Assistentin Lydia und seinem ehemaligen Lebensgefährten niemand so viel über Roelande wie Mosambique Santos. Allerdings verzerren kulturelle Unterschiede die Bilder, die man sich von jemandem macht. Und so dachte der WBS-Sicherheitschef, die Homosexualität des zukünftigen Geschäftspartners sei seine Schwachstelle. Aber, was in Südostasien stimmen mochte, traf auf Westeuropa nicht im Geringsten zu.

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publiziert am 11.07.20 in Fehlpass ¦ 229x gelesen ¦ noch kein Kommentar