3 Spielplan

Im Prinzip hätte Wang Ho einen aus dem 62. Stockwerk des MOP-Buildings einen wunderbaren Blick über die 20-, 30- oder gar 40-Millionen-Metropole, aber wie meistens waberte gelblicher Nebel ein paar Etagen unter ihm über die Stadt. Der Makler hatte ihm damals erzählt, an klaren Tagen könne man im Westen sogar das Meer sehen, aber klare Tage hatte es in den letzten zwei Jahren nie gegeben. Und heute herrschte wieder dieses Wetter, dass die Fremden an Kuala Lumpur so hassten. Morgen ums acht hatte das Thermometer schon 36 Grad angezeigt, und jetzt waren es laut Wetter-App schon wieder 44 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von fast 90 Prozent. Wie, dachte er, können die armen Schweine, die nicht in einem klimatisierten Büro arbeiten, die nicht im klimatisierten Aufzug in die klimatisierte Tiefgarage fahren konnten, um sich dann in einer klimatisierten Limousine in ihr klimatisiertes Haus oben am Batu-See oder sonstwo außerhalb des Molochs chauffieren zu lassen, wie könnten die armen Menschen überhaupt überleben.

Aber das war nur eine rhetorische Frage, denn Ho wusste, dass man unter diesen Bedingungen überleben, aber nicht alt werden konnte. Seine Mutter war mit nicht einmal achtunddreißig Jahren an einer Infektion gestorben, vermutlich ausgelöst durch das verschmutzte Wasser, das im Dirty District von Macau aus den öffentlichen Zapfstellen floss. Bei seinem Vater hatte man Lungenkrebs diagnostizert, da war der gerade fünfundfünfzig geworden. Stolz war er darauf, dass er dem Vater die letzten Jahre so angenem wie nur irgend möglich hatte machen können, dass er ihn zwei Jahre lang von den anerkanntesten Ärzten überall auf dem Globus hatte therapieren lassen, und, als feststand, dass der Krebs nicht mehr aufzuhalten war, ihn in einem wunderschönen Haus in den Bergen mit einem Stab an Pflegern, Betreuern und Köchen untergebracht hatte, wo er ihn täglich besuchte, wenn er nicht gerade außer Landes war.

Mit dem Tod der Eltern war dieser Zweig der Familie bis auf ihn erloschen, es sollte irgendwo in China, Hongkong oder sonstwo auf der Welt Wangs geben, die zur Familie zählten, aber Ho hatte nie Verwandte kennengelernt. Eigentlich wollte er auch nicht in Malaysia leben, er hätte Hongkong bevorzugt oder natürlich Singapur, aber sein Geschäft ließ sich aus verschiedenen Gründen eben von hier aus am besten führen. Würde ihn jemand Unbedarftes fragen, was seine Firma denn so triebe, würde Ho sagen, er sei im Finanz-Business. Was generell auch stimmte, denn zu seinem kleinen Konzern zählte auch eine Bank, die auf Transaktionen von und nach Asien spezialisiert war. Richtig Geld verdiente aber vor allem seine Worlds Best Sports, ein international tätiger Sportwettenanbieter, für den er eben nur in Malaysia eine Lizenz hatte bekommen können.

In den USA und Europa hätte man ihn wahrscheinlich als Wunderkind betrachtet, aber unter den Verhältnissen im Armenviertel war ihm nur der Besuch der öffentlichen Schule möglich gewesen, wo man ihn nicht hatte fördern können. So ging er so gut wie nie hin, sondern verbrachte Stunde um Stunde, Tag für Tag auf dem Bolzplatz, wo die Jungs kickten und sich dabei fühlten wie Figo und Beckham. Auch für das Fußballspiel hatte er ein ungewöhnliches Talent, und hätte es in Macau auch nur einen echten Soccer-Club gegeben, wer weiß, ob er nicht Profi hätte werden können. Die Liebe zum Fußball war ihm geblieben, und wann immer er die Zeit hatte, reiste er in die Stadien der großen Vereine nach England, Spanien, Italien und Deutschland, aber besonders gern nach Brasilien und Argentinien. Über diesen Umweg war er ins Wettgeschäft gekommen.

Nur einmal in seinem Leben hatte ihm ein glücklicher Zufall geholfen. Als Ho mit siebzehn erkannte, dass ihm in Macau niemand würde helfen können, hatte er beschlossen, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen und die Familie zu verlassen. Illegal war er nach Australien gelangt, wo er auf Missis Aigner traf, eine wohlhabende Witwe mit österreichischen Wurzeln, die ein Auge für hübsche Jungs hatte und etwas betrieb, was sie selbst ein Pensionat nannte. Die Burschen für diese Einrichtung sammelte sie an den Stränden von Sydney auf. Und Ho hatte es nach seiner Landung an den Manly Beach verschlagen, wo eine Bande Jugendlicher, Asiaten wie er, ein illegales Lager aufgeschlagen hatten. Er gefiel Missis Aigner, also nahm sie mit. Und erkannte seine außergewöhnliche Fähigkeiten.

Das von ihm gewählte und von seiner Wahlmutter unterstützte Studium der Mathematik verschlug ihn nach Adelaide, wo er eine Saison lang zum Kader des dortigen Fußballclubs United gehörte bevor ihn eine schwere Knieverletzung zum Sportinvaliden machte. Ho gelang es, ein Stipendium in den Vereinigten Staaten zu gewinnen und studierte Wirtschaftswissenschaften an der University of New Mexico in Albuquerque. Damit hatte er zusammen, was er brauchte, um seinen Weg als Geschäftsmann zu gehen. Heute würde er sich mit einem belgischen Unternehmer treffen, in dessen Laden er investiert hatte. Roelande van de Maas war ihm schon bei der ersten Begegnung äußerst sympathisch gewesen, und als der ihm eher beiläufig erzählte, dass er neben seiner Spielervermittlungsagentur gern etwas im Bereich der Sportweten unternehmen wolle, war Ho spontan dabei. An diesem schwülen Tag sollte nun der Vertrag zwischen seiner WBS und der Van de Maas BVBA unterzeichnet werden.

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publiziert am 05.07.20 in Fehlpass ¦ 36x gelesen ¦ noch kein Kommentar