Die Seite 3

Leben und Tod

“Hatten Sie nie moralische Bedenken, den Tod von Menschen anzustreben und zu planen?” fragte die Therapeutin. Edith fühlte sich nicht wohl im Patientensessel aus dunklem Leder, der aussah wie aufgequollenes Backwerk und dessen Lehnen sie fast ganz umschlossen. “Darf ich aufstehen, Frau…” – “Larissa Finkenscher, mein Name. Ja, suchen Sie sich einfach eine andere Sitzgelegenheit.” Die alte Dame erhob sich und stand kerzengerade da wie eine junge Frau, ging ein paar Schritte und stand dann mit dem Rücken zur Psychologin vor dem Panoramafenster. “Um ehrlich zu sein: Als ich die erste Liste aufstellte, sie wissen schon, die mit Dump, Jaschin, Jijen und den anderen Autokraten, habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Ja, ich habe nicht einmal ernsthaft daran gedacht, diese Monstren wirklich umzubringen.” » ganz lesen

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publiziert am 07.06.20 in Fünf ¦ 186x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Hören und gesehen werden

Eddy war der erste im ganzen Viertel, der einen Walkman besaß. Den hatten ihm die Eltern geschenkt, den unterwegs Musik zu hören, lag in der Familie. So war Charly, Eddys Vater, in den Sechzigerjahren derart fasziniert von diesen handlichen Transistorempfänger mit Ohrhörer, dass er zum Radiobastler wurde. Unter anderem erfand er ein wasserdichtes Radio, indem er die nötigen Bauteile in einer Seifendose montierte, die er hermetisch abdichtet. Selten sah man Charly ohne sein handflächengroßes Transistorradio am Ohr. Wir waren alle sehr neidisch auf Eddy, der auf seinen Rollerskates durch die stillen Straßen des Vororts kurvte und sich zu Klängen bewegte, die nur er hören konnte. » ganz lesen

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publiziert am 31.05.20 in Stadtgeschichten ¦ 199x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Jeder kriegt, was er verdient

Mein Freund Börnie ist ein Hallodri, Bruder Leichtfuß hätte man ihn früher vielleicht genannt. Und weil er irgendwie immer durchkommt, ist er für mich der Protoytp eines Lebenskünstlers. Wir kennen uns schon seit fast dreißig Jahren. Damals hatte einer seiner Frauen, mit der eine Tochter hatte, das Kind in derselben Kita wie ich meinen Sohn. Da sah man sich häufiger, denn Börnie ließ es sich nicht nehmen, Linda, so der Name des Kindes, öfters abzuholen, obwohl er mit der Mutter längst nicht mehr zusammen war. Außerdem war da noch der wöchentliche Elternabend, schließlich handelt es sich um einen selbstverwalteten Kindergarten. » ganz lesen

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publiziert am 22.05.20 in Stadtgeschichten ¦ 228x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Der Sprengstoff

So zog das Chaos in den wohlgeordneten Haushalt der Sophie Elster und ihres Labrador-Retrievers Bhagwan ein. Sie hatte Archie das kleine Arbeitszimmer zugeordnet, das sie ohnehin selten nutzte, wo er eine aus dem Sperrmüll geklaubte Matratze ausbreitete. Zum Glück bestand seine Habe nur aus einem Wanderrucksack wie man ihn bei Hochgebirgsexpeditionen nutzt, aber dessen Inhalt verteilte sich bald überall in der Wohnung. Der ansonsten gelassene Assistenzhund wurde von Tag zu Tag nervöser, vermutlich durch das Geruchsgewitter, das im Übrigen Sophie ebenfalls wahrnahm, aus der Fassung gebracht. Aber trotzdem verstanden sich Wirtin und Gast ganz ausgezeichnet. » ganz lesen

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publiziert am 16.05.20 in Fünf ¦ 210x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Schlusspunkt

Und so stand ein dunkelblauer Lieferwagen der Marke FIAT, vollgepackt mit Sprengstoff, in der Tiefgarage der ehemaligen Hauptpost, die seit Jahren darauf wartete, zu einem luxuriösen Hotel umgebaut zu werden. Weil einige Handwerker diese Parketage als Mieter nutzten und manche Autofahrer illegal, fiel der FIAT nicht weiter auf. Während der Umbauarbeiten herrschte dann jede Menge Baustellenverkehr im Untergeschoss, und der inzwischen ziemlich staubige Transporter, den Sophie und Archie hier untergebracht hatten, blieb auch nach vier Jahren unentdeckt, weil er eben unauffällig genug war. » ganz lesen

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publiziert am 15.05.20 in Fünf ¦ 184x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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